Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Kleinasien

826

Kleinasien (Naturprodukte, Handel und Verkehr, Bewohner etc.).

kestos); ins Ägeische Meer: der Sarabad oder Gediz Tschai (Hermos der Alten), der kleine Menderez Tschai (Kaystros) und der große Menderez (Mäandros); ins Mittelmeer: der Kodscha Tschai (Xanthos), Köprü Su (Eurymedon), Gök Su (Kalykadnos), Tarsus Tschai (Kydnos), Seihun (Saros) und Dschihan (Pyramos). Von den zahlreichen Seen sind der Salzsee Tus Tschöllü im NO. und der Beischehr Göl und Egerdir oder Hoiran Göl im W. von Konia, der Isnik Göl im NO. von Brussa, der Abolonia- und Maniassee im S. des Marmarameers die namhaftesten.

K. ist in Bezug auf historische Erinnerungen und auf die Lage für den Handel mit keinem andern Lande des Orients zu vergleichen, obschon es sich gegenwärtig infolge der Türkenherrschaft in einem traurigen Zustand befindet, und nicht ohne Grund hat Roß das Land deutschen Kolonisten eifrig empfohlen. Der Boden ist, mit Ausnahme der sterilen Strecken der Tafelfläche, ergiebig und zum Teil sehr fruchtbar; er wird nie gedüngt und nur von einem sehr rohen Pflug aufgerissen, und dennoch gibt er immer Frucht. Die reichsten Landschaften sind die Gebirgsregionen, in welchen neben dem Korn noch alle Schätze der südeuropäischen Vegetation gedeihen. Unter den offenen, fruchtbaren Thälern sind die wichtigsten: die des Kisil Irmak und des Jeschil Irmak (für Kornbau und Seidenzucht gleich geeignet) und das malerische Thal des Gök Su mit fast tropischer Vegetation. Für den Handel zugleich sind die vier gegen das Ägeische Meer sich öffnenden Thäler, das des Mäandros, Kaystros, Hermos und Kaikos, von großer Wichtigkeit; sie liefern namentlich Reis, Tabak, Mais, Opium, Getreide und Olivenöl, für welches überhaupt das Klima Kleinasiens außerordentlich geeignet ist. Treffliches Bauholz findet sich vorzugsweise an den Südküsten in Menge, wird aber von den Türken greulich verwüstet. Die Valone, besonders aus der Ebene von Troja, von Mytilene und Chios und aus Karien, gelangt über Smyrna nach Europa; der Tabak von Bergama, Manissa, Adalia und namentlich von Samsun ist in der ganzen Türkei berühmt. Für die Gewinnung von Seide sind Brussa und Amasia Hauptorte. In den Thälern erntet man vom Mai bis Juli, auf den Hochebenen im Spätsommer; letztere sind spärlicher bebaut. Mohn, zur Bereitung von Opium, wird in ganz K. gebaut, besonders aber auf den Plateaus im großen. Alles Opium Kleinasiens führt England nach Ostasien. Unter dem Vieh in K. ist vor allen die Angoraziege zu nennen, die nur in Einer Gegend, westlich vom Kisil Irmak, fortkommt und in jeder andern ausartet, deren Zahl aber durch Futtermangel und Kälte im Winter 1874/75 beträchtlich reduziert wurde. Auf den hohen Tafelländern nomadisieren Herden von Schafen, Ziegen und Pferden, von denen besonders letztere (Nachkommen der alten kappadokischen Rasse) durch Behendigkeit und Stärke ausgezeichnet sind. Auch an wilden Tieren: Panthern, Bären, Wölfen, verwilderten Hunden etc., fehlt es dem Land nicht. Von Mineralien finden sich Kohle im Nordwesten bei Eregli (hauptsächlich in Konstantinopel als Brennmaterial benutzt), Blei bei Smyrna, Adana u. a., Gold bei den Dardanellen, Mangan in bedeutenden Lagern, Antimon (auf Chios und bei Aidin), Boracit, Chromerz, Schmirgel, Eisenerze, Schwefel, Nickel, Alaun, Schleifsteine von großer Güte u. a. Bedeutende Steinsalzlager befinden sich im Becken des Kisil Irmak (zwischen Kaledschik und Osmandschik). Der See Tus Göl ist eine einzige ungeheure Masse kristallinischen Salzes, auch die Salzsümpfe des Wilajets Siwas sind reich an Salz. Seesalz gewinnt man an den Küsten. Unter den Metallwerken Kleinasiens befindet sich nur eine einzige nach europäischer Art eingerichtete Hütte, zu Tokat. Der Binnenhandel Kleinasiens ist unbedeutend. Wie oben schon erwähnt, ist ein fahrbarer Wasserweg in ganz K. nicht vorhanden; aber auch an gebahnten Wegen fehlte es bis vor kurzem dem Land. Erst in den letzten Jahren ist ein verhältnismäßig dichtes Netz von Chausseen gebaut worden, beziehentlich im Bau begriffen. Dazu kommt, daß die wilden Horden, welche ihre Herden in diese Gebiete treiben, die Karawanen vielfach beunruhigen und ausplündern. In neuerer Zeit wurden Eisenbahnen von Smyrna einerseits nach Alaschehr, anderseits nach Ödemusch, Tire, Aidin und Serai Köi, von Skutari nach Ismid und von Mersin nach Adana gebaut. Es sind dies die Anfangsglieder der großen, von englischen Kapitalisten seit Jahren geplanten Euphratbahn, welche K. von Skutari aus durchschneiden und entweder, dem Euphrat folgend, den Golf von Persien erreichen und an dessen Nordgestade nach Karatschi fortgeführt werden soll, oder, den genannten Strom überschreitend, über Herat und Kabul an das indische Eisenbahnnetz sich anzuschließen bestimmt ist. Die Küsten sind reich an Baien und Reeden, die sich für Handelsorte auf das trefflichste eignen; aber die meisten sind verödet. Der Exporthandel geht in den Hafenstädten des Südens meist durch die Hände europäischer Spekulanten, die dadurch den ganzen Vorteil an sich ziehen. An der den Nordwinden sehr ausgesetzten Nordküste ist Trapezunt durch seine Verbindung mittels österreichischer und englischer Dampfschiffe nach Konstantinopel jetzt deshalb wichtig geworden, weil der schwierige Karawanenweg nach Smyrna allmählich aufgegeben wird und die Produkte ihren Weg nach Trapezunt nehmen, wie denn auch die europäischen Waren nicht mehr über Smyrna, sondern über Konstantinopel und Trapezunt in das Innere befördert werden. - Die Bevölkerung wird auf 5-6 Mill. geschätzt und ist im W. am dichtesten (rund 1½ Mill.). Den Hauptteil derselben bilden die ottomanischen Türken; 1/20 der Bewohner mögen Griechen sein, welche besonders im W., an der nordöstlichen Küste und in Kappadokien ansässig sind und nebst den Armeniern und Juden fast den ganzen Handel an sich gerissen haben. Außerdem finden sich Turkmenen, nomadisierende Juruken, Kurden, wenige Araber und eine kleine Anzahl Zigeuner im Land.

Bei den Byzantinern erhielt K. den Namen Anatole (türk. Anadoly), d. h. "Land gegen den Aufgang", eine Bedeutung, welche auch der bei den Abendländern besonders für den Westrand übliche Name Levante hat. Administrativ zerfällt K. in zehn Wilajets (mit Hinzurechnung des Wilajets Konstantinopel, zu welchem die Distrikte Skutari und Ismid gehören), nämlich: Konstantinopel, Chodawendikjâr, Karasi, Aidin, Angora, Konia, Kastamuni, Trapezunt, Siwas und Adana (s. Karte "Türkisches Reich"). Die antike Einteilung des Landes war folgendermaßen: Das Tafelland der Mitte umfaßt die alten Landschaften Phrygien, Galatien, Lykaonien und im O. Kappadokien. Die Nordterrasse stößt im O. mit der Landschaft Pontos an die Kaukasusländer; in der Mitte umfaßt sie Paphlagonien (die am meisten nach N. gerichtete Ausbiegung der Halbinsel), im W. Bithynien. Die nördlichste Landschaft der Westterrasse ist Mysien, die mittlere Lydien, die südliche Karien. Die Südterrasse schließt sich im W. durch die Landschaft Lykien an die Westterrasse an; weiter folgt