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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Kleister; Kleisterälchen; Kleisthenes

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Kleister - Kleisthenes.

seine dichterische Kraft nicht; von den Eindrücken des Forts De Joux angeregt (wo der Negergeneral Toussaint l'Ouverture gefangen gesessen), schrieb er die Novelle "Die Verlobung auf San Domingo", begann die Erzählung "Michael Kohlhaas" und die Tragödie "Penthesilea", in welcher er die Erhebung, das leidenschaftliche Verlangen und den tiefen, tragischen Sturz seiner Seele in geradezu einziger Weise im Schicksal der Amazonenkönigin und ihrer Leidenschaft zu Achilleus plastisch und farbenprächtig verkörperte. Trotz des entstellenden Schlusses ist "Penthesilea" in mehr als einem Betracht ein Meisterwerk. In demselben Jahr (1807) nach Deutschland zurückgekehrt, ließ sich der Dichter in Dresden nieder, wo er im Verein mit Adam Müller die Monatsschrift "Phöbus" und eine Buchhandlung begründete, auf welche er große Hoffnungen setzte, die aber leider an der Ungunst der kriegerischen Zeitläufte scheiterten. Die Dresdener Zeit (bis Frühjahr 1809) war nichtsdestoweniger Kleists produktivste Periode: er vollendete nicht nur "Michael Kohlhas" und "Penthesilea" (Tübing. 1808), sondern auch das Ritterschauspiel "Das Käthchen von Heilbronn" (Berl. 1810), das populärste seiner Werke. Seltsam unwirklich und phantastisch in den Voraussetzungen, aber heimisch, traut, lebendig, voll echter Empfindung und naiven, quellenden Lebens, versagte das Schauspiel selbst in den Verballhornungen, in denen es auf die Bühne gelangte, seine Wirkung nicht. Schließlich entstand noch in Dresden das Drama "Die Hermannsschlacht", in welchem K. seinen wilden patriotischen Zorn über die Schmach des Rheinbundes und der Fremdherrschaft, sein Rache- und Befreiungsverlangen durch die Darstellung der Varusschlacht verkörperte. Das Drama ward in demselben Augenblick abgeschlossen, als sich Österreich im Frühling 1809 gegen Napoleon erhob. K. teilte die Hoffnungen, die auf diese Erhebung gesetzt wurden, begab sich nach Prag und in die Nähe des österreichischen Lagers und gedachte der großen Sache mit seiner Feder und, wenn es sein könne, mit seinem Degen zu dienen. Die Schlacht von Wagram und der ihr folgende Waffenstillstand machten allen Hoffnungen und Plänen ein Ende; Kleists patriotisch-poetischer Aufruf "Germania an ihre Kinder" sollte erst mehrere Jahre später zur Wahrheit werden. Gebeugter, erbitterter als je, verließ er die österreichischen Staaten und kam im Herbst 1809 aussichts- und hoffnungslos nach Berlin zurück. Um nicht zu verhungern, gab er mit Ad. Müller die unbedeutende Zeitschrift "Berliner Abendblätter" heraus und publizierte seine "Erzählungen" (Berl. 1810). Während er aber in düsterer Melancholie, äußerlich mannigfach gedrückt, dahinlebte, trieb seine Dichtung gleichwohl ihre schönste Blüte, das Schauspiel "Prinz Friedrich von Homburg", ein echt vaterländisches Schauspiel, charakteristisch, kräftig, eigenartig, im ganzen trotz einiger bedenklicher Szenen von reiner, klarer Vollendung, dabei "eine Allegorie im edelsten Stil, denn im Charakterbild des Prinzen von Homburg bildete K. offenbar sein eignes Schicksal ab". Die Erwartung, das Stück in Berlin aufgeführt zu sehen, ward nicht erfüllt. K., der seinen Lebensmut immer tiefer gebeugt fühlte, hatte zu seinem Unglück in dieser Zeit eine Freundin, Frau Henriette Vogel, gewonnen, die an einer unheilbaren Krankheit litt, bei sich wie bei dem Freund Selbstmordgedanken nährte und den begreiflichen Lebensüberdruß des unglücklichen Dichters zu einer That aufstachelte. Am 21. Nov. 1811 erschoß K. die Freundin und sich selbst in der Nähe des Wansees bei Potsdam. Erst ein Jahrzehnt nach seinem Tod begann die Anerkennung von Kleists großem, kräftigem, auf das Höchste der Dichtung, auf echte Gestaltenschöpfung und volle Lebenswärme, gerichtetem Talent. Von der Herausgabe seiner "Hinterlassenen Werke" durch Ludwig Tieck (Berl. 1821) an war Kleists Wirkung und Geltung beständig im Steigen; von seinen Dramen eroberten sich "Der Prinz von Homburg", "Der zerbrochene Krug", "Das Käthchen von Heilbronn", neuerlich auch die "Hermannsschlacht" die Bühne. Die "Gesammelten Schriften" Kleists wurden herausgegeben von Ludw. Tieck (Berl. 1826, 3 Bde.; revidiert von Jul. Schmidt, zuletzt 1874, 3 Bde.), von Heinr. Kurz (Hildburgh. 1872, 2 Bde.), von A. Wilbrandt (Berl. 1879), von Grisebach (Leipz. 1884, 2 Bde.), von Zolling (Stuttg. 1884); die "Politischen Schriften" (hrsg. von Rud. Köpke, Berl. 1862) bilden eine Art Nachtrag dazu. Briefe Kleists wurden von E. v. Bülow ("Kleists Leben und Briefe", Berl. 1848), Koberstein ("Kleists Briefe an seine Schwester Ulrike", das. 1860), Zolling (in "H. v. K. in der Schweiz", Stuttg. 1881) und K. Biedermann ("H. v. Kleists Briefe an seine Braut", Bresl. 1883) veröffentlicht. Vgl. Wilbrandt, Heinrich v. K. (Nördling. 1863); Brahm, Heinrich v. K. (Berl. 1884).

4) Hans Hugo von, s. Kleist-Retzow.

Kleister (Buchbinderkleister), Klebmittel für Buchbinderarbeiten, wird aus Weizenstärke erhalten, indem man dieselbe mit etwas kaltem Wasser zu einem Brei anrührt und diesen unter starkem Umrühren in dünnem Strahl in heißes Wasser gießt, bis dasselbe die gehörige Konsistenz angenommen hat. Kochen darf man den K. nicht, weil er dann nach dem Trocknen leicht abspringt. Der reine K. wird kalt verarbeitet oder, wenn man ihn, um seine Klebkraft zu erhöhen, mit etwas Leimwasser vermischt, lauwarm. Für gröbere Arbeiten bereitet man K. aus Roggenmehl, und wenn man den noch heißen K. mit dem halben Gewicht der angewandten Stärke oder des Mehls Terpentin gut mischt, so haftet der K. besser, widersteht der Nässe und eignet sich besonders zum Aufkleben von neuen Tapeten auf alte. Um den K. haltbarer zu machen, löst man in dem Wasser, mit welchem man die Stärke brüht, den 16. Teil vom Gewicht der letztern Alaun auf oder vermischt den fertigen, kalten K. mit etwas Kreosot oder Benzin. Um Insekten von den mit K. gearbeiteten Sachen abzuhalten, kocht man das Wasser mit etwas Aloe, Wermut oder Koloquinten.

Kleisterälchen, s. Aaltierchen.

Kleisthenes (lat. Clisthenes), 1) Tyrann von Sikyon um 600 v. Chr., aus dem Geschlecht der Orthagoriden, unterdrückte die dorischen Einwohner, trat in enge Verbindung mit der Priesterschaft des delphischen Apollon, dessen Besitztum er im ersten Heiligen Krieg (600-590) gegen Krisa und Kirrha mit Erfolg verteidigte, und zu dessen Ehren er die Pythischen Spiele erneuerte, und lud als Sieger zu Olympia (582) alle Hellenen nach Sikyon ein, sich um seine Tochter Agariste zu bewerben. Bei der glänzenden Festfeier verscherzte sich der bisher begünstigte Bewerber Hippokleides aus Athen durch einen unanständigen Tanz die Hand der Agariste, die dem Alkmäoniden Megakles zu teil wurde. K. starb 570.

2) Athener, Sohn des Megakles und der Agariste, Enkel des vorigen, Haupt der Alkmäoniden, gewann durch Wiederaufbau ihres verbrannten Tempels die delphische Priesterschaft dahin, daß sie ihm durch ein Orakel den Beistand der Spartaner zum Sturz der