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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Kommunismus

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Kommunismus (Bestrebungen Babeufs, Blanquis etc.).

lediglich in den materiellen Verhältnissen, die andern wollen auch die Gleichheit der Bildung und die Aufhebung der Ehe und der Familie. Die einen endlich wollen Einführung des K. auf dem Weg friedlicher Agitation, die andern auf dem Weg der gewaltsamen Revolution.

Die erste kommunistische Agitation hat François Noël Babeuf 1795 und 1796 in Paris ins Leben gerufen. Es war eine wesentlich politische Bewegung. Sie ging von einem politischen Fanatiker aus, der zu der radikalsten Schattierung der Bergpartei gehörte und nach dem Sturz von Robespierre und Saint-Just die Herrschaft in Frankreich für die radikale Partei wiedererlangen wollte. Dies konnte nur mit Hilfe des Pariser Pöbels erreicht werden. Babeuf glaubte denselben nur gewinnen zu können, indem er ihm als das Endziel der Revolution den kommunistischen Staat hinstellte. Ende 1795 begann die offene Agitation mit der Gründung der Gesellschaft der "Gleichen", öffentlich die Gesellschaft des "Pantheon" genannt, in deren öffentlichen Versammlungen zunächst Vorträge und Besprechungen über das wahre Wesen der bürgerlichen Gesellschaft und des Staats, über die Gleichheitsideen etc. veranstaltet wurden. Gleichzeitig gründete Babeuf, der sich den Namen Gracchus beilegte, das Blatt "Tribun du peuple" und entwickelte in diesem seine revolutionären und kommunistischen Ideen. Als die Agitation dem Direktorium einen gefährlichen Charakter anzunehmen schien, wurde die Gesellschaft des Pantheon verboten, die Agitation wurde nun eine geheime. Es gelang Babeuf, eine kommunistische, zur Revolution bereite Partei zu organisieren und für die Revolution einen Teil der alten radikalen Republikaner zu gewinnen. Diese waren keineswegs kommunistisch gesinnt, ihr Gleichheits- und Freiheitsideal war in der Verfassung von 1793 verwirklicht. Aber ebendeshalb wollten auch sie den Sturz der Direktorialverfassung von 1795 und die Wiederherstellung der Verfassung von 1793. Zu Anfang Mai 1796 war alles für die Revolution vorbereitet, am 12. sollte sie vorgenommen werden und mit der Ermordung der Mitglieder des Direktoriums beginnen; man hoffte sich dann durch einen Handstreich der Gewalt in Paris zu bemächtigen. Babeuf verfügte über eine verhältnismäßig große Zahl von Personen. 17,000 Männer, fast alle in den Waffen geübt, teils Soldaten der allgemeinen Armee, teils der frühern Pariser Revolutionsarmee, folgten seinem Wink. Auch mehrere Bataillone der militärisch organisierten Pariser Polizei hatte er gewonnen. Die Organisation war eine vortreffliche. Bei der geringen Zahl von Truppen, über welche das Direktorium in Paris verfügte, konnte der Sieg der Verschwornen kaum zweifelhaft sein. Indes war der Plan schon in den ersten Tagen des Mai durch einen der Verschwornen, Georges Grisel, dem Direktorium verraten. Am 10. Mai 1796 wurden die Führer verhaftet und die Verbindung selbst dadurch haupt- und ratlos gemacht. Der Schrecken war bei den übrigen Verschwornen so groß, daß niemand sich öffentlich zu rühren wagte. Die Regierung aber begnügte sich klugerweise, nur den Führern den Prozeß zu machen. Derselbe wurde in Vendôme geführt und endete nach langen Verhandlungen 26. Mai 1797. Von den 65 Angeklagten wurden Babeuf und Dartbé zum Tod, Buonarroti, Germain, Moroy, Cazin, Blondeau, Bouin, Menessier zur Deportation, Vadier zu Gefängnis verurteilt, die übrigen freigesprochen. Die Hinrichtung von Babeuf und Darthé erfolgte gleich darauf.

Weil für Babeuf die kommunistische Lehre und Agitation nur das Mittel war, die untern Klassen von Paris zu einer Revolution gegen die bestehende Staatsgewalt zu gewinnen, so ist es erklärlich, daß der Plan des neuen kommunistischen Staats, den er durch die Revolution erringen wollte, weder näher entworfen, noch begründet wurde. Das kommunistische Programm Babeufs, wenn man von einem solchen sprechen will, umfaßte im wesentlichen nur die oben erwähnten allgemeinen kommunistischen Forderungen; seine Besonderheit besteht in folgenden Punkten: 1) der Staat soll wesentlich ein Ackerbaustaat sein, der Betrieb von Gewerben nur stattfinden, soweit er notwendig ist zur Herstellung einfacher Genußmittel und unentbehrlicher Werkzeuge und Maschinen; 2) verschwinden sollen die Städte - als Krankheitserscheinungen des öffentlichen Lebens; 3) die gleiche Bedürfnisbefriedigung soll eine ganz einfache sein; 4) die Gleichheit soll zugleich eine Gleichheit der Bildung und des geistigen Lebens sein und, um dies herbeizuführen, der für alle gleiche Unterricht sich nur auf einen elementaren im Lesen, Schreiben, Rechnen, in der Geschichte, den Gesetzen, der Geographie und der Statistik der Republik beschränken, jedes Streben aber, durch Wort oder Schrift ein höheres Wissen zu verbreiten, mit den härtesten Strafen belegt werden.

Nachdem Tod Babeufs löste sich die Partei der Babeuvisten auf. Neue kommunistische Bewegungen zeigten sich zuerst wieder in Frankreich unter der Julimonarchie. Die erste ging aus von Männern, welche sich zur Lehre Babeufs bekannten und sich nach ihm Babeuvisten nannten. Einer der Mitverschwornen Babeufs, Ph. Buonarroti, hatte über Babeuf ein Buch geschrieben (die Hauptquelle für die Geschichte der Babeufschen Verschwörung: "Conspiration de légalité dite de Babeuf, suivie du procès auquel elle donna lieu et des pièces à l'appui", Brüssel 1828, 2 Bde.), das in den 30er Jahren eine Anzahl radikaler Republikaner zu Kommunisten im Sinn Babeufs gemacht hatte, und diese bildeten 1837 in Paris eine revolutionäre Partei zur Verwirklichung des K. An der Spitze standen Louis Blanqui, Barbes und Martin Bernard. Ihre Ideen vertraten sie für den Pariser Pöbel in der leidenschaftlichsten und cynischten Weise in ihren Blättern: "Le Moniteur républicain" und "L'Homme libre"; gleich Babeuf wollten auch sie den K. durch die gewaltsame Revolution herbeiführen. Ihre Verbindung hieß die Société des saisons. Am 12. Mai 1839 versuchten sie durch einen Aufstand sich der Stadt Paris zu bemächtigen. Der Aufstand wurde indes unterdrückt, die gerichtliche Untersuchung ergab, daß die eigentliche Verbindung nur einige Hundert Personen umfaßte. Man schickte die Führer der Bewegung ins Gefängnis. Aber noch jahrelang wucherte die Lehre Babeufs in den geheimen Klubs der Travailleurs égalitaires, die in Paris und an andern Orten entstanden und den K. Babeufs teils dahin erweiterten, daß sie auch die Aufhebung der Ehe und der einzelnen Familie zur vollen Verwirklichung der persönlichen Gleichheit forderten, teils durch die Forderung von öffentlichen nationalen Werkstätten modifizierten. An die Öffentlichkeit sind diese Klubs bis 1848 weniger getreten, aber im geheimen verbreiteten sie doch die Ideen jenes K. in Proletarierkreisen, und als 1848 nach der Februarrevolution Blanqui und Barbès das Gefängnis verließen, fanden sie eine kommunistische Partei ihrer Richtung vor, mit der sie sofort öffentlich zu agitieren begannen. Die Junischlacht machte ihren Agitationen ein Ende.