Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Krampfaderbruch

143

Krampf - Krampfaderbruch.

abhängig teils von dem veranlassenden Reiz, teils vom Zustand des betreffenden Zentralorgans (Gehirn oder Rückenmark), teils endlich auch von der Zusammenziehungskraft der Muskeln selbst. Auch die Dauer der Krämpfe ist sehr verschieden; entweder ist es nur eine vorübergehende Zuckung, die mit einer Erschlaffung wechselt, oder eine anhaltende Zusammenziehung. Darauf gründet sich die Einteilung in klonische und tonische Krämpfe. Die klonischen Krämpfe sind solche, wobei bald diese, bald jene Muskelgruppe sich abwechselnd zusammenzieht und erschlafft (Gehirnkonvulsionen und die Reflexkrämpfe). Als Typus der tonischen Krämpfe kann der Starrkrampf angesehen werden, welcher eine lang andauernde Kontraktion zeigt. Manche Krämpfe treten in ziemlich regelmäßigen periodischen Anfällen, in Paroxysmen, auf und halten nicht selten das ganze Leben hindurch an (Epilepsie). Die Verbreitung der Krämpfe ist nicht minder verschieden. Bald beschränken sie sich auf einzelne Muskeln, bald auf Muskelgruppen; bald sind sie auf alle Muskeln des Körpers ausgedehnt. Die eigentlichen Rückenmarkskrämpfe verbreiten sich meist über den ganzen Körper, ebenso auch die vom Gehirn ausgehenden, obgleich diese öfters auch halbseitig vorkommen, vorzugsweise aber nur dann, wenn die eine Körperhälfte bereits gelähmt ist. Am partiellsten sind die Reflexkrämpfe, die sich oft nur auf einzelne Muskeln beschränken, wie Wadenkrampf, Husten, Erbrechen, K. der Schließmuskeln etc. Nur dann, wenn das Rückenmark in eigentümlicher Weise krankhaft beschaffen ist, können auch diese sich allgemeiner verbreiten. Bei den choreaartigen Krämpfen ist öfters die Zuckung beschränkt, ebenso bei der Hysterie, obgleich bei dieser die Krämpfe manchmal eine größere Verbreitung zeigen.

Die Ursachen der Krämpfe sind außerordentlich mannigfaltig. Bei manchen Menschen ist eine besondere Anlage vorhanden, und es bewirken dann selbst geringe Gelegenheitsursachen krampfhafte Erscheinungen. Diese letztern sind teils mechanischer Natur: Veränderungen im Gehirn und Rückenmark, Blutwallungen, Entzündungen, Erweichungen, Geschwülste in diesen Organen; teils chemischer Natur, indem ein fehlerhaft gemischtes Blut Krämpfe hervorrufen kann (Gifte, Urämie). Auch die Reflexkrämpfe können durch mechanische und chemische Reize, welche peripherische Teile treffen, entstehen. Entzündung der Bindehaut kann Lidkrampf verursachen; infolge von Reizung des Gehörs, von Würmern, von krankhafter Absonderung des Darmkanals, von Reizungen der innern Geschlechtsorgane können allgemeine Krämpfe, infolge von Reizungen der Blasenschleimhaut Blasenkrampf, von Reizungen des Magens Magenkrampf etc. entstehen. Auch psychische Einflüsse können Krämpfe hervorrufen, wie Angst, Zorn, Schreck und der Anblick eines Krampfanfalls. Überanstrengung einzelner Muskelgruppen führt zu den sogen. Beschäftigungsneurosen (Schreibkrampf). Je nach der Stärke und Verbreitung der Krämpfe wirken dieselben auf das Befinden des Körpers verschieden ein. Schon oben wurde angegeben, daß infolge heftiger Zusammenziehungen Knochen brechen können; ebenso können einzelne Muskelfasern zerrissen werden. Meistenteils folgt dem K. ein Gefühl der Abspannung und Schwäche, eine Art Erschöpfung, wodurch längere oder kürzere Zeit die Bewegung beeinträchtigt ist. Auch das Bewußtsein ist nicht selten aufgehoben, und sehr häufig ist ein namhafter Schmerz vorhanden (Wadenkrampf, Magenkrampf, Kolik). Durch heftige und anhaltende Kontraktion der Atemmuskeln kann aber auch der Tod veranlaßt werden. Während des Krampfanfalls ist, selbst wo das Bewußtsein nicht getrübt ist, aller Wille auf die Muskeln aufgehoben. Die Vorhersage richtet sich nach der Ursache und nach dem Ausgangspunkt der Krämpfe. Im allgemeinen sind Reflexkrämpfe die am wenigsten gefahrbringenden; wo eine organische Veränderung der Zentralorgane die Ursache derselben ist, ist die größte Gefahr vorhanden; wo eine Geneigtheit zu Krämpfen besteht, sind sie meist von geringerer Bedeutung, daher sie bei Erwachsenen oft viel gefährlicher sind als bei Kindern. Vergiftungen geben eine schlimme Prognose. Was die äußere Form betrifft, so sind die tonischen Krämpfe im allgemeinen schlimmer als die klonischen, und selbst in leichtern Fällen haben jene stets die Neigung, hartnäckiger der Heilung zu widerstehen, was überhaupt bei allen Krämpfen zu befürchten ist. Rückfälle sind nur allzu häufig.

Was die Behandlung anlangt, so gilt es vor allem, die Ursache und den Reiz zu erforschen, um das Übel an der Wurzel anzufassen. Sodann muß jede Aufregung möglichst vermieden, alle Reize auf die Sinnesorgane müssen beseitigt werden; Gemütsruhe ist ein Haupterfordernis, wo Blutarmut vorhanden ist, kräftige Nahrung, frische Luft. Die Verdauung muß streng reguliert werden. Sehr zu empfehlen sind lauwarme Bäder (Gastein, Pfäfers etc.), später auch mit Vorsicht kalte Fluß- und Seebäder. Zur Beschwichtigung der Anfälle dienen beruhigende Mittel, Anästhetika. Hautreize, Brechmittel, Abführungen leisten in manchen Fällen ersprießliche Dienste. Auch andre Mittel, wie die sogen. krampfstillenden (Antispasmodika): Baldrian, Artemisia, Bibergeil, Moschus, haben sich, wie die alterierenden Mittel aus der Reihe der Metallsalze und Metalloxyde, in vielen Fällen aufs beste bewährt.

Krampfaderbruch (Cirsocele, Varikocele), eine zwar sehr gebräuchliche, aber wenig zutreffende Bezeichnung für eine krankhafte Erweiterung der Blutadern (Venen) des Hodensackes, welche nichts mit eigentlichem Bruche gemein hat. Man unterscheidet hauptsächlich zwei Arten: K. des Hodensackes (Varicocele scrotalis), wobei die venösen Gefäße des Hodensackes angeschwollen sind und sich als harte, knotige, äußerlich sichtbare, dunkelblaue Unebenheiten, ohne alle krankhafte Veränderung der Hode und des Samenstranges, zeigen, und K. des Samenstranges (Varicocele funiculi spermatici), die eigentliche Cirsocele, wobei man kleine, hartweiche, spiralförmig gewundene Stränge, gleich einem Bündel Regenwürmer, längs des Samenstranges fühlt, mit oder ohne Erkranktsein der Hode, oder eine schmerzlose Anschwellung, wie ein Knäuel verwickelter Vogeldärme zunächst über und an der Hode, die nur, wenn sie sehr groß wird, den Bauchring erreicht und durch ihre Schwere ein lästiges Ziehen verursacht, wenn die Geschwulst nicht durch einen Tragbeutel (Suspensorium) unterstützt ist. Eine allgemein anerkannte Theorie über die Entstehung des Krampfaderbruchs gibt es zur Zeit noch nicht. Das Übel erscheint häufiger auf der linken als auf der rechten Seite. Die Aussicht auf Heilung ist allezeit ungünstig, denn meist widersteht die Krankheit in noch geringem Grad aller Kunsthilfe; doch bleibt sie nicht selten, zu einem gewissen Grad gediehen, zeitlebens unverändert und verursacht bei ordnungsmäßiger Lebensweise und Tragen eines Suspensoriums weiter keine Beschwerden und Folgen. Für die höhern Grade des Übels hat man zur radikalen Heilung verschiedene Verfahrungsweisen vorgeschlagen, z. B. die Unter-^[folgende Seite]