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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Kretischer Diptam; Kretischer Stier; Kretischer Vers; Kretscham; Kretschmann; Kretschmer

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Kretischer Diptam - Kretschmer.

mittlern Teil der Gebirge gelegene tiefe, enge und mehr oder weniger abgeschlossene Thäler. Auch die Flußläufe scheinen Einfluß zu haben. Nach Klebs ist für Böhmen die Dichtigkeit der Kretinbevölkerung am größten in den Quellgebieten der Wilden Adler und der Elbe, dann der Eger und der Wottawa; sie nimmt ab in den untern Flußläufen und wieder zu beim Zusammenfließen derselben, namentlich da, wo die Strömungsgeschwindigkeit infolge des senkrechten Einfallens der Nebenströme in den Hauptstrom abnimmt. Die Zahl der vorhandenen Kretins und ihr Verhältnis zur übrigen Bevölkerung ist in den verschiedenen befallenen Gegenden sehr beträchtlichen Schwankungen unterworfen. In Savoyen zählte man 22 pro Mille, im Departement Oberalpen 16 pro Mille. In Salzburg sollen auf 10,000 Einw. im Durchschnitt 38,9, in Oberösterreich 18,3, in Steiermark 16,9 Kretins kommen. In Böhmen wurden 1873 amtlich 998 Kretins (1:5116) gezählt. Nach Rehm konstatierte man 1856 in 28 Ortschaften der Kreise Schmalkalden und Brotterode (Thüringen) 181 Kretins, d. h. 1 auf 127 Einw. Übrigens ist zu bemerken, daß fast überall eine Abnahme des K. zu beobachten ist. Dies ist ebensowohl in der Schweiz als im Rheinthal, in Franken und in Thüringen festgestellt worden; im Harz, wo es früher Kretins gab, sind solche jetzt nicht mehr vorhanden. Dagegen sollen sie in dem französischen Departement Oberalpen zugenommen haben.

Die Ursachen des K. sind noch unbekannt, es wird angeschuldigt ein hoher Feuchtigkeitsgehalt der Luft, Stagnation und mangelnde Ventilation derselben, nicht ausreichende Besonnung, Unreinlichkeit der Wohnungen, soziales Elend, Fehlen der industriellen Thätigkeit, Abgeschlossenheit und selbstgewählte Isolierung einer wenig intelligenten, in Vorurteilen und alten, oft schädlichen Gewohnheiten befangenen Bevölkerung, Heiraten unter Blutsverwandten und die Vererbung; alle diese und andre gesundheitswidrige Einflüsse bereiten den Boden vor, auf welchem jenes unbekannte, aber wesentliche Agens den endemischen Kropf und K. zur Entwickelung bringt. Eine eigentliche Behandlung des ausgebildeten K. ist nicht möglich, auch sind Kretins einer geistigen Entwickelung nicht fähig, dagegen müssen die hygieinischen Verhältnisse nach Möglichkeit gebessert werden. Hebung des Wohlstandes, Beseitigung von Vorurteilen und alten Gewohnheiten, Vermeidung der Verwandtschaftsehen; Verbesserung der Wohnungen durch Vergrößerung der Fenster, durch Erhöhung des Fußbodens, durch Anlage von Schornsteinen, durch Kalkputz der Wände, durch Abtrennung von Schlafzimmern; Verbesserung der Luft in den Ortschaften durch Entfernung von stagnierendem Wasser, durch Reinigung der Wege und Straßen; Beschaffung guten Trinkwassers durch Zisternen oder durch Zuleitung aus unverdächtigen Quellen; Regelung der Flußläufe, Trockenlegung von Sümpfen und Austrocknung des Bodens überhaupt, Abholzung von Wäldern: dies sind die Mittel, durch welche man dem K. entgegenzutreten im stande sein wird. Speziell für Kretins bestimmte Anstalten gibt es seit dem Eingehen der Guggenbühlschen auf dem Abendberg wohl nicht mehr; die Unglücklichen sind teils in den allgemeinen Siechenhäusern, teils in Idioten- oder Irrenanstalten unterzubringen. Vgl. außer den ältern Schriften von J. F. ^[Jacob Fidelis] Ackermann ("Über die Kretinen, eine besondere Menschenart in den Alpen", Gotha 1790), Fodéré (Berl. 1796), Iphofen (Dresd. 1817), Demme (Bern 1840), Stahl (Bonn 1846 u. 1851), Virchow, Entwickelung des Schädelgrundes (Berl. 1857); Derselbe, Gesammelte Abhandlungen (2. Aufl., das. 1862); Parchappe, Études sur le goître et le crétinisme (Par. 1874); Baillarger, Enquete sur le goître et le crétinisme (das. 1873); Klebs, Beobachtungen und Versuche über K. (im "Archiv für experimentelle Pathologie", Bd. 2, 1874); Derselbe, Studium über die Verbreitung des K. in Österreich (Prag 1877); Knapp, Untersuchungen über K. in einigen Teilen Steiermarks (Graz 1878); Linzbauer, K. und Idiotie in Österreich-Ungarn (Wien 1882).

Kretischer Diptam, s. Origanum.

Kretischer Stier, s. Herakles, S. 395.

Kretischer Vers, ein Vers der Alten, welcher aus dem Kretikus oder Amphimacer (‒⏑‒) zusammengesetzt ist und zuerst von den Kretensern bei Tänzen angewandt wurde, bildet meist Gruppen der größern lyrischen Kompositionen, besonders als Tetrameter in den Chorliedern der griechischen Tragiker und Komiker, wobei häufige Auflösungen der Länge in zwei Kürzen beliebt sind. Im Deutschen hat ihn besonders Platen verwendet.

Kretscham (slaw.), s. v. w. Wirtshaus; davon Kretschmer, Schenkwirt, besonders auf dem Dorf.

Kretschmann, Karl Friedrich, Dichter, geb. 4. Dez. 1738 zu Zittau, studierte in Wittenberg die Rechte, ward 1764 Oberamtsadvokat und 1774 Gerichtsaktuar zu Zittau und starb daselbst, seit 1797 emeritiert, 15. Jan. 1809. Seinen Dichterruf verdankte er größtenteils seinen seit 1768 unter dem Namen des Barden Rhingulph herausgegebenen "Bardenliedern", in denen er Klopstock nachzueifern vermeinte. Unter seinen lyrischen Gedichten und Fabeln zeichnen sich manche durch Feinheit der Diktion aus; am besten gelungen sind seine Epigramme. In den letzten Jahren seines Lebens versuchte er sich auch in Erzählungen ("Kleine Romane und Erzählungen", Leipz. 1799-1800, 2 Bde.) und Lustspielen ("Die Familie Eichenkron", "Die Belagerung", "Der alte böse General"). Seine "Sämtlichen Werke" erschienen Leipzig 1784-1805, 7 Bde. Vgl. Knothe, K., der Barde Rhingulph (Zittau 1858).

Kretschmer, 1) Robert, Maler und Zeichner, geb. 29. Jan. 1818 zu Berghof bei Schweidnitz, bildete sich an der Berliner Kunstakademie, kam Anfang 1849 als Leiter des Zeichnungswesens an die "Illustrierte Zeitung" zu Leipzig und trat 1857 daselbst in das lithographische Institut von J. G. Bach. Er wandte sich mehr und mehr dem Studium der Tier- und Pflanzenwelt zu und begleitete 1862 den Herzog Ernst von Koburg nach Ägypten, illustrierte dessen Reisewerk (Leipz. 1861) und lieferte auch Zeichnungen zu wissenschaftlichen Büchern (z. B. Settegasts "Tierzucht") und Zeitschriften. Als sein Hauptwerk sind die großenteils nach dem Leben entworfenen Zeichnungen zu A. E. Brehms "Illustriertem Tierleben" anzusehen, in denen er die naturgeschichtlichen Abbildung auf eine höhere Stufe hob. K. starb 25. Mai 1872 in Leipzig.

2) Edmund, Komponist, geb. 31. Aug. 1830 zu Ostritz in der Oberlausitz, war Schüler von Julius Otto und Joh. Schneider in Dresden, wurde 1854 Hoforganist daselbst, 1872 Instruktor des königlichen Kapellknabeninstituts, 1880 Dirigent der Vokalvespern in der katholischen Hofkirche und königlicher Kirchenkomponist. Als Komponist machte er sich einen Namen durch eine preisgekrönte größere Komposition: "Die Geisterschlacht", für Männerchor und Orchester (1865), eine Messe, der beim internationalen