Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Lemberg

679

Lemberg (Geschichte).

die Bernhardinerkirche mit einem schönen Turm nebst geräumigem Kloster; die griechisch-unierte Stauropigiankirche im byzantinischen Stil; die aus dem 14. Jahrh. stammende armenische Kathedrale und die neue Synagoge. Im ganzen zählt L. 27 Kirchen, darunter 18 des lateinischen, eine des armenischen und 8 des griechisch-katholischen Ritus. Klöster haben in L. die Karmeliter, Bernhardiner, Dominikaner, die Jesuiten, Minoriten, die griechischen Basilianer, die armenischen Benediktinerinnen, Barmherzigen Schwestern u. a. In den Zeiten der polnischen Republik hatte L. nur ca. 24,000 Einw., aber 40 lateinische und 14 griechische Kirchen und eine solche Anzahl von Klöstern und Mönchen, daß man es noch im 17. Jahrh. die "Stadt der Mönche" nannte. Von weltlichen Gebäuden sind zu erwähnen: das Landtagsgebäude, die technische Hochschule, das Statthaltereigebäude, das ehemalige Jesuitenkollegium (zu Amtszwecken verwendet), das neue Gerichtsgebäude, das allgemeine Krankenhaus (früher Piaristenkollegium), das große Theater des Grafen Skarbek, das Rathaus, das Invalidenhaus, das Akademiegebäude, das städtische Gymnasial- und das Realschulgebäude, das Ossolinskische Institut, die aus mehreren Forts bestehende starke Citadelle (auf den südlich gelegenen Anhöhen), das lateinische erzbischöfliche Palais, das ruthenische Nationalhaus u. a. Der große, ein regelmäßiges Viereck bildende und mit vier schönen Brunnen gezierte Ringplatz, in dessen Mitte der imposante Stadtturm steht, bezeichnet den Mittelpunkt der Stadt, von wo ziemlich gerade und schöne Straßen nach allen Richtungen auslaufen.

Die Stadt zählt (1880) 109,746 Einw., darunter 58,602 Römisch-Katholische, 17,496 Griechisch-Katholische, 1863 Evangelische, 30,961 Juden; der Umgangssprache nach 91,870 Polen, 8911 Deutsche und 6277 Ruthenen. Als der bedeutendste Gewerbe- und Handelsplatz des Landes hat L. alle Gattungen Handwerker und Gewerbe (29 Proz. der Bevölkerung sind industriell); namentlich besitzt es eine Eisenbahnwerkstätte, Fabriken für Maschinen und landwirtschaftliche Geräte, Maschinenziegel und Thonwaren, Gips, Öl, Schokolade und Holzstifte, Dampfmühlen und Dampfbrotbäckereien, Bierbrauereien, Likörfabriken, Kürschnereien, Buchdruckereien und Lithographien und eine Gasanstalt. L. treibt ansehnlichen Handel mit Flachs, Hanf, Pelzwaren, Tuch, Leder, Honig, Wachs, Kleesamen, Schafwolle, Eisenwaren und unterhält drei ehemals stark besuchte Jahrmärkte sowie einen sehr lebhaften Speditionshandel. Anstalten zur Förderung von Handel und Verkehr sind: die Handelskammer, der Gewerbeverein, 5 Kreditaktiengesellschaften (Ende 1885 mit 5,15 Mill. Gulden Aktienkapital und 102 Mill. Guld. Pfandbriefumlauf), eine Sparkasse (Ende 1885 mit 14,7 Mill. Guld. Einlagen), eine Filiale der Österreichisch-Ungarischen Bank und mehrere Vorschußvereine. L. besitzt auch eine Pferdeeisenbahn. Wohlthätigkeitsanstalten sind: ein Taubstummen- und Blindeninstitut, mehrere Kinderbewahranstalten, eine Waisenanstalt, eine Irrenanstalt (im nahen Kulparkow), ein Hospital (zu St. Lazarus), eine Gebär- und Findelanstalt, ein Militärinvalidenhaus etc. An Bildungsanstalten besitzt die Stadt: eine Universität (1784 von Kaiser Joseph II. gegründet, 1817 von Kaiser Franz I. restauriert) mit drei Fakultäten (die medizinische fehlt), einer Bibliothek von 86,000 Bänden, einem botanischen Garten und andern wissenschaftlichen Instituten (1884 Zahl der Hörer 922); das gräflich Ossolinskische litterarische Nationalinstitut (1817 gegründet) mit einer Bibliothek von 81,000 Werken, 3000 Handschriften und großen Sammlungen von Münzen, Medaillen, Bildern, Kupferstichen und vaterländischen Altertümern; eine technische Hochschule, 4 Obergymnasien (2 mit polnischer, je eins mit deutscher und ruthenischer Unterrichtssprache), eine Oberrealschule, ein römisch-katholisches erzbischöfliches Seminar mit Privatgymnasium, eine griechische Ritualschule, eine Lehrer- und Lehrerinnenbildungsanstalt, eine kunstgewerbliche Fachschule, eine städtische Gewerbeschule, eine forstwirtschaftliche Landeslehranstalt, Gartenbauschule (eine landwirtschaftliche Lehranstalt befindet sich in dem nahen Dorf Dublany), Arbeitsschulen des Frauenerwerbvereins, das Dzieduszyckische Museum für Ethnographie und Naturkunde und ein städtisches Museum für Kunst und Industrie. L. ist der Sitz der obersten Landesbehörden, als: der Statthalterei, des Oberlandesgerichts u. Landesgerichts, des 11. Korpskommandos, des Landwehr- und des Landesgendarmeriekommandos für Galizien und die Bukowina, der Finanzlandesdirektion und Finanzprokuratur, der Forst- und Domänendirektion, der Polizeidirektion, der Post- und Telegraphendirektion. Auch haben in L. 3 Erzbischöfe (je einer des römisch-katholischen, des armenisch-katholischen und des griechisch-katholischen Ritus) ihren Sitz. In der Umgebung der Stadt erheben sich der Franz Josephsberg mit Resten der alten Königsburg und Gartenanlagen, der Berg Leos, des Gründers von L., der St. Georgsberg etc. Ein besuchter Spaziergang ist der freundliche Kaiserwald mit einem Standbild Josephs II.

Geschichte. Die Stadt wurde ursprünglich vom ruthenischen König Daniel für dessen Sohn Leo, Fürsten von Halicz, um 1259 gegründet und 1261 von den Tataren zerstört, dann um 1270 an der heutigen Stelle wieder aufgebaut und zur Residenz erwählt. Kasimir d. Gr. eroberte L. 1340, verbrannte das alte fürstliche Schloß daselbst, ließ dafür zwei neue aufführen und erweiterte die Stadt durch Anlegung neuer Stadtteile; auch führte er deutsche Kolonisten in L. ein, denen er eine Kirche (Maria Schnee) bauen ließ, und verlieh der Stadt das Magdeburger Recht, worauf fast zwei Jahrhunderte (bis auf Siegmund I., den Jagellonen) der Stadtrat Lembergs in deutscher Sprache verhandelte. Nach dem Tod Kasimirs d. Gr. (1370) folgte ihm sein Schwestersohn Ludwig, König von Ungarn, welcher L. samt Russien 1372 seinem Verwandten Wladislaw, Fürsten von Oppeln, zur Verwaltung übertrug. Als Wladislaw 1387 auf die Verwaltung Russiens verzichtete, wurde es von den Ungarn besetzt, doch bald durch Hedwig, die jüngere Tochter Ludwigs und Gemahlin Wladislaw Jagiellos, mit Polen vereinigt. Den von Ludwig d. Gr. und Hedwig erteilten und von den folgenden polnischen Königen bestätigten Handelsprivilegien verdankt L. seinen Wohlstand in den folgenden Jahrhunderten. 1412 wurde das 1375 in Halicz errichtete römisch-katholische Erzbistum mit den Suffraganien in Przemysl und Chelm nach L. verlegt. L. blieb während der ganzen polnischen Periode die Hauptstadt der "terrarum Russiae", welche bis 1433 ihre volle Autonomie besaßen. Es wurde ein wichtiges Emporium für den orientalischen Handel, besonders seit infolge der Eroberung Konstantinopels durch die Türken die Seehandelswege gesperrt waren. Es verteidigte sich mutig gegen die Litauer 1350, gegen die Walachen 1498, hielt mehrere Belagerungen aus, so 1648 und 1655 durch den Kosakenhetman Chmelnizky und 1672