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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Liederspiel; Liedertafel

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Liederspiel - Liedertafel.

Jüngern der sogen. romantischen Schule, vor allen Brentano, Arnim und Eichendorff. Die stürmischen Tage der Freiheitskriege riefen die Gesänge von Arndt, Schenkendorf und Körner hervor, die, von Mund zu Mund getragen, die vaterländische Begeisterung auf das mächtigste entzünden halfen und nährten. Von den Poeten der Neuzeit errangen in der Gattung des Liedes den höchsten Preis: Uhland und Heine. Vortreffliches leisteten außer ihnen besonders Rückert, Justinus Kerner, Wilhelm Müller, Egon Ebert, Hauff, Hoffmann von Fallersleben, Herwegh, Geibel, Lenau, Mosen, Mörike, Reinick, Storm, Kopisch, Scheffel, Rud. Baumbach u. a.

Das L. in musikalischer Bedeutung ist die Verbindung eines lyrischen Gedichts mit Musik, wobei an Stelle des gesprochenen Worts das gesungene tritt, indem die der Sprache eignen musikalischen Elemente des Rhythmus und Tonfalls zu wirklicher Musik, zur rhythmisch geordneten Melodie gesteigert werden. Das musikalische L. ist entweder Strophenlied, bei welchem sämtliche oder eine Anzahl Strophen des Gedichts nach derselben Melodie gesungen werden, oder durchkomponiert, wobei jede Strophe in andrer, dem Inhalt derselben entsprechender Weise komponiert wird. Die Geschichte des musikalischen Liedes weist bisher drei Blüteperioden auf, die erste zur Zeit der Minnesänger und Troubadoure, von welcher nur wenig übriggeblieben ist, die zweite im 15.-16. Jahrh., der wir eine fast überreiche Litteratur verdanken, und die dritte im 19. Jahrh. Die Lieder des 16. Jahrh. sind durchweg in mehrstimmigen, meist 2-4stimmigen Sätzen auf uns gekommen; die vielfach etwas lasciven Dichtungen bergen doch einen reichen Schatz von echter Lyrik, und die Musik ist das für unsre Zeit Gefälligste und Ansprechendste, was jene Zeit aufzuweisen hat. Der Satz ist im Anschluß an die kurzweiligen, volksmäßigen Strophen des Textes deutlich gegliedert, und die modernen Tonarten sind bereits ziemlich scharf ausgeprägt. Besonders gilt das von den hierher gehörigen deutschen Kompositionen, die meist als "Frische teutsche Liedlein", "Newe gute Liedlein", "Gassenhäwerlin", "Reutterliedlein" etc. bezeichnet sind. Vgl. Böhme, Altdeutsches Liederbuch (Leipz. 1877), wo außer den Texten auch viele Melodien mitgeteilt sind. Originale Liederbücher des 16. Jahrh. weist beinahe jede größere Bibliothek auf; einige Neuherausgaben veranstaltete die Gesellschaft für Musikforschung. Nachdem sich seit 1600 der begleitete Sologesang in neuer Weise entwickelte (s. Oratorium und Oper), dauerte es doch geraume Zeit, ehe derselbe auch die schlichte Form des Liedes mit neuem Leben erfüllte. Zwar trat an die Stelle des mehrstimmigen Liedes bald das einstimmig mit Instrumentalbegleitung gesetzte (Ode genannt); doch unterschied sich dasselbe zunächst nicht wesentlich von den bereits im 16. Jahrh. nicht seltenen Bearbeitungen mehrstimmiger Sätze für eine Stimme mit Laute oder Klavier. Das Absterben der echten Lyrik in der Poesie mußte verhängnisvoll auch für die Liedkomposition werden. Erst als das Genie Goethes eine neue Epoche der lyrischen Dichtung heraufbeschwor, indem er die Form des Volksliedes bewußt nachbildete und damit den Komponisten (Zelter, Reichardt) die rechten Wege wies, brach ein neuer Morgen an. Doch bedurfte es der speziell für das L. begabten Naturen eines Schubert und Schumann, um den Gehalt der Goetheschen Lyrik ganz zu erschließen und endlich den herrlichen Liederfrühling zu zeitigen, der in den Liedern eines Jensen, Franz, Brahms etc. noch heute fortblüht. Vgl. Schneider, Das musikalische L. in geschichtlicher Entwickelung (Leipz. 1863-65, 3 Bde.); Reißmann, Geschichte des deutschen Liedes (2. Aufl., Berl. 1874); Kade, Die deutsche weltliche Liedweise in ihrem Verhältnis zu dem mehrstimmigen Tonsatz (Mainz 1874). - L. ohne Worte ist die seit Mendelssohn sehr gebräuchliche Benennung für kürzere melodiöse Instrumentalstücke aller Art (früher Spielarie genannt).

Liederspiel, eine Gattung des Schauspiels mit Gesang, die sich von der Operette dadurch unterscheidet, daß alle darin vorkommenden Gesangstücke entweder aus allgemein bekannten Liedern oder Melodien mit neuen Texten bestehen, oder daß sich der Komponist doch wenigstens darauf beschränkt, nur leichtfaßliche Melodien in Liederform anzubringen. Der erste, welcher in Deutschland diese Art dramatischer Komposition versuchte, war Reichardt mit dem L.: "Liebe und Treue" (1808). Außer diesem sind zu nennen: Hummels "Fanchon", die Originalarbeiten von L. Schneider und Holteis "Lenore". Die Gattung entspricht dem französischen Vaudeville (s. d.).

Liedertafel, s. v. w. Männergesangverein mit geselliger Tendenz. Wenn auch ein 1673 gegründeter Männerverein in Greiffenberg (Hinterpommern) und die 1620 gegründete "Singgesellschaft zum Antlitz" in St. Gallen als die Vorläufer unsrer heutigen Liedertafeln betrachtet werden können und in England schon im vorigen Jahrhundert Klubs (Catchclub, Gleeclub, Madrigal-Society) existierten, welche ähnliche Tendenzen verfolgten, so ist doch der eigentliche Männergesang, wie er jetzt gepflegt wird, als ein Kind des 19. Jahrh. zu betrachten. Die deutschen Liedertafeln erlangten eine besondere Bedeutung, sofern sie Pflegestätten des deutschen Patriotismus wurden in einer Zeit schmählicher Knechtung des Deutschtums. Die Gründung des ersten Männergesangvereins erfolgte 1809 in Berlin durch Zelter; der Verein nannte sich nach seinem Stifter "Zeltersche L.", die Anzahl der Mitglieder blieb aber beschränkt, da nur Dichter, Sänger oder Komponisten aufgenommen wurden. Diesem Vorbild entsprechend waren die Liedertafeln, welche in Leipzig (1815) und Frankfurt a. O. entstanden. Die Berliner "Jüngere L.", von L. Berger und B. Klein 24. April 1819 gegründet, brach den Charakter der Abgeschlossenheit und wurde Veranlassung zu zahlreichen Nachfolgerinnen, beispielsweise in Königsberg, Breslau (durch Mosevius), Magdeburg. Nach der Einrichtung der Leipziger L. wurde durch Fr. Schneider, der von Leipzig nach Dessau übersiedelte, im Oktober 1821 die Dessauer L. gegründet, welcher die Gründung der Göttinger und Hamburger, letztere durch Methfessel, folgte. Zu Weida in Thüringen besteht eine L. seit 1818. Während die Männergesangvereine in Norddeutschland von den gebildeten Kreisen der Gesellschaft, von Männern der Kunst und Wissenschaft, ausgingen, bildete sich, fast zu gleicher Zeit, der Schweizer Männergesang aus dem Volk heraus. Die Wiege des Schweizer Volksgesanges ist der Kanton Appenzell. H. G. Nägeli gründete im Juni 1810 in Zürich den ersten Männergesangverein. Die Bestrebungen Nägelis fanden wesentliche Förderung durch den Pfarrer Weishaupt, der 1824 den Appenzellischen Männerchor stiftete, dessen erstes Gesangfest 4. Aug. 1825 zu Speicher gefeiert wurde. Die Züricher Sänger, welche an dem Feste teilnahmen, beschlossen, die Sängervereine am Züricher See zu einem Bund zu vereinigen, und bereits 17. April 1826 ward das erste Zürichsee-Sängerfest in Meilen abgehalten. Nun entstanden meh-^[folgende Seite]