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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Marchantiaceen; Marche; Marche les Dames; Marchegg; Märchen

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Marchantiaceen - Märchen.

auf Mauern, Felsen und an feuchten Stellen grüne Überzüge bildet und mit langen Wurzelhaaren im Boden befestigt ist. Aus den Einbuchtungen des Laubes erheben sich die männlichen Sprosse als scheibenförmige, am Rand lappige Körper mit stielförmigem Träger, auf dessen Scheibe (dem Rezeptakulum) oberseits die Antheridien in flaschenförmigen Höhlungen eingesenkt liegen. Die weiblichen, getrennt von den männlichen auf besondern Pflanzen auftretenden Sprosse erscheinen in Form einer achtstrahlig gelappten, später langgestielten Scheibe (dem weiblichen Rezeptakulum), zwischen deren Lappen unterseits zarthäutige, am Rand gefranste Deckblätter (perichaetia) acht Fächer mit ebenso vielen Doppelreihen von Archegonien bilden. Letztere richten anfangs ihren Halsteil nach unten, krümmen ihn aber dann um den Rand der Scheibe nach oben hin. Bei Gegenwart von Wasser auf der Scheibe des männlichen Rezeptakulums treten aus den Antheridien desselben zugespitzte, mit zwei peitschenförmigen Wimpern versehene Spermatozoiden aus. Fällt nun ein mit Spermatozoiden erfüllter Wassertropfen auf ein weibliches Rezeptakulum, wie solche auf dem Laub weiblicher Pflänzchen in dichter Nachbarschaft der männlichen zu stehen pflegen, so kann Befruchtung stattfinden. Später streckt sich der Stiel der weiblichen Sprosse, und die Befruchtung würde verhindert sein, wenn dann nicht die Deckblätter einen auffallenden Tropfen festhalten und zu den Archegonien leiten würden. Enthält der Tropfen Spermatozoiden, so ist auch dann die Befruchtung gesichert. Ungeschlechtlich vermehrt sich die Gattung M. durch eigentümliche, dem Laub aufsitzende, am Rand gezackte Brutbecher, welche zahlreiche Brutknospen enthalten; auch können sich einzelne Teile des Laubes loslösen und selbständig weiterwachsen. Die einzige deutsche Art ist M. polymorpha L. Das etwas scharfe Laub derselben wurde gegen Leberkrankheiten angewendet und die Pflanze nebst ihren Verwandten als "Lebermoos" bezeichnet.

Marchantiaceen, Ordnung der Moose, s. Moose.

Marche (spr. marsch), ehemalige Provinz Frankreichs, im Innern des Landes zwischen Berry, Bourbonnais, Auvergne, Limousin und Poitou gelegen, mit der Hauptstadt Guéret, umfaßte beinahe das ganze Departement Creuse und einen beträchtlichen Teil des Departements Obervienne. Der Herzog Wilhelm III. von Aquitanien errichtete die M. im 10. Jahrh. als selbständige Grafschaft und verlieh sie 944 Boso I., Grafen von Limoges und Charroux. Graf Hugo XIII. verpfändete 1301 die M. an den König Philipp IV., den Schönen, von Frankreich, der nach Hugos Tod 1309 die Grafschaft einzog, worauf sie Philipp V., der Lange, nachdem er sie zur Pairie erhoben, seinem Bruder Karl zuteilte, der sie aber 1327 an Ludwig I., Herzog von Bourbon, vertauschte. Von den Bourbonen ging die M. 1438 durch Heirat an die Armagnacs über, welche sie aber wegen der Verschwörung Jakobs von Armagnac gegen Ludwig XI. wieder verloren. Der König verlieh sie darauf dem Haus Bourbon-Beaujeu, von dem sie 1503 durch Erbschaft an das Haus Bourbon-Montpensier fiel. Als Herzog Karl von Bourbon von Franz I. geächtet wurde, zog dieser 1525 auch die M. ein und vereinigte sie 1531 für immer mit der Krone.

Marche (spr. marsch), Hauptstadt eines Arrondissements und ehedem Festung in der belg. Provinz Luxemburg, Hauptort der Famenne (s. d.), an der Eisenbahn Lüttich-Marloin, mit Spitzenfabrikation, Steinbrüchen, Handel mit Landesprodukten, höherer Knabenschule, Tribunal und (1885) 3302 Einw. Don Juan d'Austria bestätigte hier durch das sogen. ewige Edikt 1577 den Genter Frieden; 1792 wurde Lafayette von den Österreichern hier gefangen genommen.

Marchegg, Stadt in der niederösterreich. Bezirkshauptmannschaft Groß-Enzersdorf, an der March und der Linie Wien-Budapest der Österreichisch-Ungarischen Staatsbahn, in welche hier die Linie Gänserndorf-M. der Nordbahn einmündet, ist Sitz eines Bezirksgerichts, hat ein fürstlich Pálffysches Schloß, Obstbau, eine Fabrik für Sprengpräparate und (1880) 1531 Einw.

Marche les Dames (spr. marsch lä dām), Ort in der belg. Provinz und Arrondissement Namur, in reizender Lage an der Maas und der Eisenbahn Lüttich-Namur, mit einem schönen Schloß des Herzogs von Arenberg, Bergbau auf Zink und Blei und (1885) 987 Einw. Dabei die Eisenöfen von Enouf.

Märchen, diejenige Unterart der epischen Poesie, welche nicht nur (wie das Epos, im Gegensatz zur Erzählung und zum Roman) das Wunderbare wirklich zuläßt, sondern (im Gegensatz zum Epos, welches dasselbe als wunderbar darstellt) auch den Schein dieser Wunderbarkeit vermeidet (das Wunderbare als nicht wunderbar, das Übernatürliche als natürlich darstellt). Da nun das Wunderbare darin besteht, daß in demselben der gewohnte Naturzusammenhang der Dinge aufgehoben erscheint, so bewegt sich das M. (seinem Begriff gemäß) in einer phantastischen Welt, die es (wie Kinder und gläubige Gemüter die ihrige) als eine natürliche ansieht. Dasselbe kann daher (nach dem treffenden Ausdruck der Brüder Grimm) "überall zu Hause sein" und ist weder (wie die Geschichte) an die Bedingungen der wirklichen noch (wie die übrige Epik) an die einer möglichen Welt geknüpft, sondern in zeitlicher, räumlicher und kausaler Beziehung ganz ungebunden. Die Märchendichtung ist in poetischer wie in epischer Hinsicht der reinste Ausdruck der erzählenden Dichtung, indem sie nicht nur dasjenige, was sie als geschehen berichtet, völlig frei erfindet (schafft), sondern auch in der Verbindung desselben nur an die (zeitliche) Auf-, keineswegs aber (wie das Drama und die dem Dramatischen sich nähernden epischen Formen der Novelle und des Romans) an die (kausale) Aufeinanderfolge des Erzählten gebunden ist. Dieselbe setzt, da ihre für natürlich ausgegebene Welt allen Bedingungen der Natürlichkeit widerspricht, von seiten des Erzählers und Hörers einen Gemütszustand voraus, in welchem die Gesetze der letztern entweder noch wirklich unbekannt (wie bei Kindern und auf einer tiefen Bildungsstufe stehenden Völkern und Volksschichten) oder künstlich beiseite gesetzt sind, um sich, frei vom Zwang des Wissens, dem ungehemmten Spiel der Phantasie hinzugeben. Jenem verdankt das M. als Volksdichtung (Kinder- und Volksmärchen, orientalisches M.), diesem als (selten gelingende) Kunstdichtung (Tiecks "Elfen"; Chamissos "Peter Schlemihl"; Brentanos "Gockel, Hinkel und Gakeleia" etc.) seine Entstehung. Sprachlich stammt das Wort M. von dem altdeutschen maere, das zuerst die gewöhnlichste Benennung für erzählende Poesien überhaupt war, während der Begriff unsers Märchens im Mittelalter gewöhnlich mit dem Ausdruck spel bezeichnet wurde. Als die Heimat der M. kann man den Orient ansehen; Volkscharakter und Lebensweise der Völker im Osten bringen es mit sich, daß das M. bei ihnen noch heute besonders gepflegt wird. Irrtümlich hat man lange gemeint,