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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Meyerbeer

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Meyerbeer.

ler in Darmstadt, wo Karl Maria v. Weber sein Mitschüler war. Zu jener Zeit komponierte er Kirchenstücke verschiedener Art sowie eine Kantate: "Gott und die Natur". Hierauf zur dramatischen Komposition übergehend, welcher er fortan alle seine Kräfte widmete, schrieb er die Oper "Jephthas Gelübde", die in München zur Aufführung kam, aber nur mäßigen Beifall fand. Anfang 1813 ging er nach Wien und lag hier noch zehn Monate lang musikalischen Studien ob. Da auch seine zweite Oper: "Die beiden Kalifen", sowohl in Wien als in Stuttgart nur geringen Erfolg hatte, vertauschte er seine bisherige, von ernstem künstlerischen Streben zeugende Richtung gegen eine gefälligere und sinnlich effektvollere Kompositionsweise, wozu vielleicht Rossinis Beispiel, dessen glänzendes Gestirn eben im Aufgehen begriffen war, mitwirkte. M. wandte sich 1814 nach Paris und Ende 1815 nach Italien, wo er in dem durch Rossini begründeten neuitalienischen Opernstil für die italienische Bühne eine Reihe von Opern schrieb, von denen aber nur "Emma di Resburgo", "Margherita d'Anjou" und "Il crociato in Egitto" ("Der Kreuzritter in Ägypten") in Deutschland bekannt wurden, ohne jedoch hier einen durchgreifenden Erfolg zu haben; die übrigen sind: "Romilda e Constanza", "La Semiramide riconosciuta", "L'esule di Granada" und "Almansor". Sie bekunden sämtlich die von M. eingeschlagene überwiegend auf äußerlichen Effekt zielende Richtung. 1824 nach Paris zurückgekehrt, verband er sich hier mit Scribe, dem effektreichen Intrigendramatiker, und dieser Verbindung verdankte die Oper "Robert le Diable" ("Robert der Teufel") ihre Entstehung, welche, 1831 zum erstenmal aufgeführt, in Frankreich mit einem bis dahin ganz unerhörten Beifall aufgenommen wurde und für den Augenblick selbst die beiden gefeierten Meister jener Tage, Rossini und Auber, verdunkelte. Das Süjet derselben ist trotz mancher Ungereimtheiten in szenischer Hinsicht wirksam und bei genauer Kenntnis des Bühnenwesens mit außerordentlichem Geschick zusammengestellt. Die Musik steigert den Eindruck der Handlung; sie ist ungewöhnlich prägnant, melodiös ins Gehör fallend, sinnlich ansprechend und energisch erregend, oft charakteristisch und bezeichnend für die Situation, effektreich durch grelle, kontrastierende Instrumentalfarben. Mit Hilfe dieser Eigenschaften, des Produkts einer talentvollen Begabung, eines spekulativen Raffinements und einer scharfsinnig reflektierenden Kombinationsgabe, verdeckt M. geschickt manche Blöße seines Künstlertums. Sein nächstes großes Werk war die ebenfalls von Scribe gedichtete, zu Anfang 1835 vollendete, aber erst 29. Febr. 1836 aufgeführte Oper "Les Huguenots", welche an Reichtum der musikalischen Erfindung, dramatischer Wirksamkeit und geschicktem Gebrauch aller der französischen großen Oper zu Gebote stehenden Kunstmittel den "Robert" noch übertrifft, und in Paris wie später in ganz Europa das größte Aufsehen machte. 1842 wurde M. vom König von Preußen als Nachfolger Spontinis zum Generalmusikdirektor ernannt mit der Verpflichtung, vier Monate im Jahr die Berliner Oper zu dirigieren; doch trug die Stellung in Wahrheit fast ganz den Charakter eines Ehrenamtes. Auf den damit verbundenen Gehalt von 4000 Thlr. verzichtete M. zu gunsten der Kapelle. Von Kompositionen folgten jetzt, außer kleinern durch seine Verpflichtungen als Generalmusikdirektor veranlaßten Werken, die Oper "Das Feldlager in Schlesien", zur Einweihung des Berliner Opernhauses geschrieben und 1844 zuerst aufgeführt; ferner die Musik zum Trauerspiel "Struensee" von seinem verstorbenen Bruder Michael (s. Beer 2), die mit Recht als das Gediegenste gilt, was M. für das Orchester geschrieben hat, und seine dritte große Oper: "Der Prophet", die 1849 in Paris zum erstenmal aufgeführt wurde und ebenfalls auf den größern deutschen Bühnen die Runde machte. In ihr ist bei allem Glanz der Effekte und individuellen Reichtum der Charakteristik gegen "Robert den Teufel" und "Die Hugenotten" ein Sinken der musikalisch schöpferischen Kraft des Komponisten unverkennbar, während das Aufgebot von szenischen Mitteln ungewöhnlichster Art überwiegend in den Vordergrund tritt. Die letzten Arbeiten Meyerbeers, der von nun an abwechselnd zu Berlin und Paris lebte, waren die Umarbeitung des "Feldlagers" zu der für Paris bestimmten komischen Oper "L'étoile du nord" (1854) und eine zweite, hinsichts der Stilreinheit wie der Erfindung minder bedeutende komische Oper: "Dinorah, ou le pardon de Ploërmel" (1859 zuerst aufgeführt); ferner Gelegenheitsstücke, zu denen ihm das Schillerjubiläum ("Schillermarsch"), die preußische Königskrönung ("Fackeltänze") und die zweite Londoner Industrieausstellung ("Festouvertüre") den Anlaß boten. Während er in Paris die endliche Aufführung seiner seit 20 Jahren vollendeten, aber immer zurückgehaltenen vierten großen Oper: "L'Africaine", vorbereitete, starb er plötzlich 2. Mai 1864. Die Leiche wurde testamentarischer Bestimmung gemäß zur Bestattung nach Berlin gebracht, in Paris aber dem Dahingeschiedenen eine großartige Totenfeier veranstaltet. Ein Jahr später gelangte die letztgenannte Oper, mit verschwenderischer Pracht ausgestattet, unter Fétis' Leitung in Paris zur Aufführung und fand die glänzendste Aufnahme.

M. hinterließ ein fürstliches Vermögen, welches er, wie schon bei Lebzeiten so auch testamentarisch, zu freigebiger Unterstützung unbemittelter Kunstgenossen verwendete. Seine Opern haben noch bis zur Gegenwart ihre Anziehungskraft auf das Publikum aller Länder bewährt, namentlich die "Hugenotten", in denen die außerordentlichen Fähigkeiten des Komponisten, dramatische Wärme, unerschöpflicher Reichtum an charakteristischen Melodien, die Kunst, wirksam für die Singstimmen zu schreiben, und geistvolle Verwendung der Orchesterinstrumente zur Verdeutlichung der darzustellenden Charaktere und Situationen, am entschiedensten hervortreten. Dazu kommt noch seine Befähigung, den Kunstgeist der hervorragendsten Musiknationen, Deutschland, Italien und Frankreich, sich anzueignen und zu einem eigenartigen Neuen zu verschmelzen, wie es die französische große Oper verlangt, deren wesentliches Merkmal eben jener Eklektizismus bildet. Wenn nun M., obwohl ein berufener Vertreter dieser Kunstgattung, dieselbe doch im ganzen nicht gefördert, sondern vielmehr ihren gegenwärtigen Niedergang verschuldet und beschleunigt hat, so liegt die Ursache lediglich in seiner Sucht nach dem Beifall des großen Publikums, dem zuliebe er die Stimme seines künstlerischen Gewissens mehr und mehr erstickte. Mit Rücksicht hierauf sind die Vorwürfe, welche ihm seine idealer angelegten Kunstgenossen Robert Schumann ("Gesammelte Schriften", 2. Aufl., Bd. 1, S. 323) und Richard Wagner ("Oper und Drama", 2. Aufl., S. 79) gemacht haben, nicht als ungerechte zu bezeichnen. Vgl. Mendel, Giac. M., Biographie (Berl. 1868); Schucht, Meyerbeers Leben (Leipz. 1869).

In seinem Testament setzte M. ein Legat von 10,000 Thlr. aus (Meyerbeer-Stiftung), dessen