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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Moskau

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Moskau (Bildungs- u. Wohlthätigkeitsanstalten, Umgebung etc.; Geschichte).

wurden. 1885 waren über 41,000 Personen im Handel und 35,000 mit dem Transport der Waren beschäftigt.

Bildungsanstalten sind: die Universität, mit historisch-philologischer, juristischer, physikalisch-mathematischer und medizinischer Fakultät (1886 mit 3338 Studierenden); die Sternwarte, das Lasarewsche Institut für orientalische Sprachen, das Nikolai-Lyceum mit dem Lomonossowschen Seminar, eine Landwirtschafts- und Forstakademie in Petrowskoje-Rasumowskoje, 25 Mittelschulen für Knaben mit 7099 Schülern, 24 Mittelschulen für Mädchen mit 6819 Schülerinnen, 464 Elementar- und Kreisschulen mit 22,925 Schülern, 25 Fachschulen mit 6564 Lernenden, darunter 2 geistliche Akademien, 5 Lehrer- und Lehrerinnenseminare, 2 Handelsschulen, ein Musikkonservatorium, eine Theaterschule, die Kommissarowsche technische Anstalt etc. Unter den nichtrussischen Schulen bemerken wir: die Kirchenschulen bei der französischen Ludwigskirche (katholisch), bei der polnischen Peter-Paulskirche (katholisch) und die deutschen Schulen bei der Michaels- und Peter-Paulskirche (lutherisch), letztere mit den Rechten eines Gymnasiums. Unter den Museen Moskaus sind bemerkenswert (außer den verschiedenen wissenschaftlichen Kabinetten bei der Universität): das Rumjanzowsche Museum (1861 aus St. Petersburg nach M. übergeführt), mit Bibliothek, Kunstgalerien, Altertümern, ethnographischem und mineralogischem Kabinett; das Galizynsche Museum mit Bibliothek, Gemäldegalerie und Raritätensammlung; das Museum des Thronfolgers, das Museum russischer Altertümer (seit 1883); die Kunstausstellung und die Museen für technische Wissenschaften und Industrie. An Wohlthätigkeitsanstalten (Waisen-, Armen-, Krankenhäusern etc.) ist kein Mangel, besonders bemerkenswert ist das kolossale Findelhaus, das eine dreifach so große Zahl von Kindern, wie in der Anstalt selbst untergebracht ist, in Dörfern, Schulen etc. unterhält. Weiter besitzt M. 14 gelehrte und 10 andre Gesellschaften für Sport, Kunst u. dgl., 5 Klubs (Englischer, Artisten-, Adels-, Kaufmanns- und Deutscher Klub), 2 botanische Gärten (einer bei der Universität, der andre mit dem zoologischen Garten verbunden), viele Banken und Kreditinstitute, 4 Theater (das Große und das Kleine, das Puschkin-Theater und das Volkstheater), einen Zirkus und ein Panorama (Einzug der Russen in Kars). Es erscheinen 55 Zeitungen und Zeitschriften. M. ist Sitz eines griechischen Metropoliten, eines Generalgouvernements, eines Militärbezirks, des 13. Armeekorps, eines Lehrbezirks, eines Stadtpräfekten und vieler Konsuln, darunter eines deutschen. - Aus der Umgegend Moskaus sind bemerkenswert: Sokolniki, ein Urwald, noch bis vor kurzem bis hart an die Stadt reichend, jetzt teilweise in einen schönen Park mit anmutigen Sommerhäusern verwandelt; die Sperlingsberge mit wundervoller Aussicht auf M.; der sogen. Park mit Belustigungsorten; die historisch interessanten Orte: Ismailowskoje, ein altes Lustschloß der Zaren, mit Tiergarten und dem Nikolai-Invalidenhaus; Zaritzino, ein vom Fürsten Potemkin in malerischer Gegend, aber in bizarrem Stil erbautes Schloß; Alexejewskoje, von Alexei Michailowitsch angelegt; Kolomenskoje, ebenfalls ein Lustschloß der Zaren; Petrowskoje-Rasumowskoje, mit der gleichnamigen landwirtschaftlichen Akademie, und die beiden Klöster und Wallfahrtsorte Troitzo-Sergiewsk und Woßkressensk oder Neu-Jerusalem, mit einer Kirche nach dem Modell des Tempels zu Jerusalem.

[Geschichte.] Die Gründung von M. verliert sich im Dunkel. Die ersten historischen Nachweise stammen aus dem 12. Jahrh.; damals stand hier Kutschkowo, die reiche Besitzung des Bojaren Kutschko, welchen Juri Dolgorukij hinrichten ließ, und dessen Güter er einzog. Später erbaute Juri auf einem der sieben Hügel an der Moßkwa (wo jetzt der Kreml steht) eine Stadt, die er nach dem Fluß Moßkwa nannte (doch findet sich auch der Name Kutschkowo noch später). Die frühste Erwähnung Moskaus in den Chroniken ist auf das Jahr 1147 zurückzuführen. 1176 ward es durch den Fürsten von Rjäsan und wieder 1237 durch die Mongolen zerstört. Michael der Tapfere, der jüngere Bruder Alexander Newskys, führte 1248 zuerst den Titel eines Fürsten von Moßkwa, und 1328 verlegte Johann Danilowitsch, welcher den Titel Großfürst führte, seine Residenz von Wladimir nach M., das seitdem Hauptstadt des davon benannten Großfürstentums blieb, auch der Sitz eines Metropoliten ward. In der ersten Hälfte des 14. Jahrh. unter Johann I. Kalita bestand M. aus dem mit Palissaden umgebenen Kreml, dem Possad (dem um den Kreml gelegenen Stadtteil), dem Sagorodje, der alle Vorstädte umfaßte, und dem Saretschje, dem auf dem andern Ufer der Moßkwa gelegenen Teil (jetzt Samoskworetschje). 1367 ließ Dmitri Joannowitsch den Kreml mit einer Steinmauer umgeben. 1368 hatte M. eine Belagerung durch die Litauer zu bestehen. 1382 zerstörten die Mongolen die Stadt abermals, und 1493 und 1547 legten Feuersbrünste dieselbe fast ganz in Asche; 1571 ward sie von Dewlet-Gerai-Chan von der Krim eingeäschert. Im 16. Jahrh. zählte M. bereits über 100,000 Einw. In demselben Jahrhundert entstanden auch die drei andern alten Stadtteile, der Kitai Gorod, indem 1534 der Possad mit einem Wallgraben umgeben wurde, der Bjely Gorod (Bjelgorod), der sich halbkreisförmig um den Kreml und den Kitai Gorod zieht und 1586 von Feodor Joannowitsch ebenfalls mit Steinmauern, durch welche 9 Thore führten, und Erdwällen befestigt wurde. Diese Erdwälle ließ Katharina II. in die berühmten Boulevards (Twerskoi, Strastnoi, Pretschistenski etc.) verwandeln. Endlich wurden von 1588 bis 1592 auch sämtliche Vorstädte in die Befestigungslinie gezogen und mit hohen Palissaden, die 1638 durch einen Erdwall ersetzt wurden, umgeben; so entstand der Semljänoi Gorod, welcher damals vom Volk bewohnt wurde, während die Bürger, Kaufleute und der niedere Adel im Bjelgorod, die Bojaren und die Gäste (Gósti, d. h. die Gesandten u. dgl.) im Kitai Gorod wohnten und die Fürsten und angesehensten Bojaren im Kreml ihren Sitz hatten. Nach 1703 verlegte Peter d. Gr. seine Residenz nach Petersburg, wohin 1712 auch die Senatoren übersiedeln mußten. Der härteste Schlag aber traf M. 1812, als Napoleon I. in das Innere des russischen Reichs vordrang und, an der Moßkwa bei Borodino vergebens aufgehalten, 14. und 15. Sept. in die verlassene Stadt einzog. Die Vorräte des Zeughauses und die öffentlichen Schätze waren aus M. gerettet worden, der größte Teil der Einwohner geflohen, so daß die Zahl der in M. Zurückgebliebenen nur 12-15,000 betragen mochte, zur Hälfte Gesindel, außerdem Kranke in den Hospitälern. Schon in der ersten Nacht nach dem Einzug der Franzosen brach in mehreren Gegenden der Stadt Feuer aus; am zweiten Tag verbreitete ein heftiger Wind die Flammen nach allen Seiten hin, so daß bald ganz M. in Feuer stand. Am 16. Sept. verließ Napoleon den Kreml und eilte nach dem Lustschloß Petrowskoje,