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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Napoleon

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Napoleon (N. I.: 1799-1806).

gefälltem Bajonett verjagen und am Abend von 30 Mitgliedern eine Dankadresse an N. und die Truppen beschließen, 67 Mitglieder für ausgestoßen erklären, beide Räte bis zum 20. Febr. 1800 vertagen und eine Kommission zur Revision der Verfassung sowie ein provisorisches Konsulat, aus N., Sieyès und Roger Ducos bestehend, erwählen. Der Rat der Alten erteilte diesen Beschlüssen seine Genehmigung, und nachts 12 Uhr leisteten die drei Konsuln vor beiden Räten den Eid.

Durch die Verfassung des Jahrs VIII, welche bereits im Dezember 1799 verkündet wurde, erhielt N. unter dem Titel eines Ersten Konsuls auf zehn Jahre die volle Gewalt eines konstitutionellen Fürsten; die beiden andern Konsuln, Cambacérès und Lebrun, hatten nur eine beratende Stimme. Durch Besetzung der zahlreichen Staatsämter mit seinen Anhängern belohnte er seine alten und gewann neue. Seine Wohnung verlegte er in die Tuilerien und bildete einen glänzenden Hof. Der Mehrzahl der Emigranten wurde die Rückkehr gestattet und der Krieg in der Vendée durch kluge Maßregeln beendet. Fouché organisierte eine furchtbare Polizei, welche die Tagespresse unterdrückte und die Parteien sprengte. Die innere Verwaltung wurde nach dem Prinzip mechanischer Zentralisation, wie sie dem mathematisch angelegten Geist Napoleons entsprach, umgeformt und war eine Hierarchie von einander übergeordneten Diktaturen, die in der des Ersten Konsuls gipfelten. N. handhabte diese Maschine, die allmählich das ganze geistige und materielle Leben der Nation regelte, mit überlegener Intelligenz und verlieh ihr den Anschein einer genialen Schöpfung, während sie jede Selbständigkeit und individuelle Thatkraft erstickte und der politischen Bildung der Nation höchst nachteilig geworden ist. Gleichwohl befestigte sich die neue Regierung rasch und ohne Widerspruch, da das Volk den politischen Aufregungen überdrüssig war. Zudem, verschaffte ihm N. durch überraschende Erfolge einen ehrenvollen, vorteilhaften Frieden. Nachdem England und Österreich die angebotene Versöhnung zurückgewiesen hatten, überschritt N. im Mai 1800 den Großen St. Bernhard und siegte in der Schlacht bei Marengo (14. Juni), worauf die Österreicher Italien bis zum Mincio räumten. Nach dem Sieg Moreaus bei Hohenlinden (3. Dez.) schloß Österreich 9. Febr. 1801 den Frieden von Lüneville, und nachdem N. Ägypten preisgegeben und dadurch den Frieden mit der Pforte (1. Okt. 1801) ermöglicht hatte, verstand sich auch England zum Frieden von Amiens (27. März 1802).

Die Stiftung der Ehrenlegion und das Konkordat mit dem Papst (15. Juli 1801) verstärkten die Macht des neuen Regiments über das Volk, so daß N. es wagen konnte, sich 11. Mai 1802 durch ein Plebiszit (3 Mill. Stimmen gegen wenige tausend) zum Konsul auf Lebenszeit wählen zu lassen; doch hielt er es auch für nötig, seine Gegner einzuschüchtern und der Opposition jede Möglichkeit, sich geltend zu machen, zu rauben. Die Mitglieder der gemäßigten Opposition im Tribunat und im Gesetzgebenden Körper wurden im Januar 1802 ausgestoßen und durch Offiziere und Beamte ersetzt und durch Verfassungsänderungen jede Kontrolle der Regierung des Konsuls beseitigt. Ein Attentat auf N. (24. Dez. 1800) gab den Anlaß, eine Anzahl Jakobiner hinzurichten und 130 Republikaner zu deportieren. Eine royalistische Verschwörung wurde durch Verhaftung ihrer Häupter, Cadoudal und Pichegru (März 1804), unschädlich gemacht, wobei sich N. auch eines verhaßten Nebenbuhlers, Moreaus, durch Verbannung entledigte; noch schärfer traf er die Familie Bourbon und setzte er die Welt in Schrecken durch die feige Mordthat an dem Herzog von Enghien (21. März 1804), deren Verantwortung trotz aller Heuchelei und Lügen Napoleons selbst und seiner Helfershelfer allein auf N. fällt. Unter dem erschütternden Eindruck dieser Ereignisse, unter den Glückwünschen und Ergebenheitsbezeigungen der Beamten und Staatskörper zu Napoleons glücklicher Errettung, beantragte der Senat 27. März 1804 in einer Adresse an N., die höchste Gewalt in Napoleons Familie erblich zu machen. N. nahm den Antrag 25. April an, und nachdem Tribunat und Gesetzgebender Körper ihre Zustimmung gegeben, ward N. 20. Mai 1804 in Paris zum erblichen Kaiser der Franzosen proklamiert. Das darauf veranstaltete Plebiszit bestätigte die Thronerhebung mit 3,572,329 Stimmen. Am 2. Dez. 1804 fand die Kaiserkrönung, zu der Papst Pius VII. nach Paris kam, unter großem Pomp in der Kirche Notre Dame statt, nachdem sich N. zu seinem Ärger 1. Dez. auf Verlangen des Papstes mit Josephine hatte kirchlich trauen lassen müssen; N. rächte sich, indem er den Papst eine Stunde warten ließ und ihm im Augenblick der Krönung die Krone entriß, um sie sich selbst aufzusetzen. Am 26. Mai 1805 folgte dann im Dom zu Mailand die Krönung mit der Eisernen Krone der Lombardenkönige.

Die Errichtung der neuen Monarchie hatte die Steigerung des Despotismus im Innern zur Folge; auch die geistige Freiheit wurde unterdrückt, der Unterricht der Jugend durch den geradezu gotteslästerlichen, aber von einem Kardinallegaten approbierten "Catéchisme impérial" vergiftet, die Presse durch die brutalsten Maßregeln geknebelt. Nach außen handelte er ganz nach Willkür und riß die Nation in seine Eroberungspolitik fort. Sein heißester Wunsch war, England zu demütigen. Nachdem die Besetzung Hannovers (1803) wirkungslos geblieben, bereitete er in Boulogne eine Landung vor, die sich indes schließlich wegen der Mangelhaftigkeit seiner Kriegsflotte als unausführbar erwies. Die Bildung einer neuen Koalition gegen seine gewaltthätige Politik besonders in Italien, welche Pitt im August 1805 zu stande brachte, und welche aus England, Österreich, Rußland und Schweden bestand, befreite ihn von der beschämenden Notwendigkeit, die Unmöglichkeit seines Landungsplans einzugestehen. Mit dem kriegsbereiten Heer von 200,000 Mann warf er sich nach Süddeutschland, zertrümmerte das Heer Macks und zwang den Rest zur Kapitulation von Ulm (17. Okt.), zog 13. Nov. in Wien ein und schlug in der Dreikaiserschlacht von Austerlitz (2. Dez.) die verbündeten Österreicher und Russen; schon 26. Dez. schloß Österreich den Preßburger Frieden, in dem es N. Deutschland und Italien preisgab. N. verfügte nun ganz nach seinem Belieben über diese Länder: sein Stiefsohn Eugen Beauharnais wurde Vizekönig von Italien, sein Bruder Joseph König von Neapel, sein Bruder Ludwig König von Holland, sein Schwager Joachim Murat Großherzog von Berg; seine Schwester Elise erhielt Lucca, Massa und Carrara, seine Schwester Pauline Guastalla. Ein Familienstatut vom 31. März 1806 erklärte N. zum Haupte der Bonaparteschen Familie und sämtliche Glieder derselben nebst ihren Herrschaften zu seinen Vasallen. In Deutschland gründete er 17. Juli 1806 den Rheinbund (s. d.), dessen Protektorat er übernahm. Er verfügte unbeschränkt über die militärischen Kräfte desselben, mischte sich aber auch in die