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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Napoleon

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Napoleon (N. III.).

leistete er den Eid auf die Verfassung der Republik. Während die Vertreter der Nation ihre Zeit in erbittertem Parteikampf vergeudeten, füllte N. Heer und Beamtenstand mit seinen Anhängern und gewann den Klerus durch die Unterstützung des Papstes gegen die römischen Republikaner (1849) sowie den Bürgerstand durch die Aussicht auf einen dauernden Frieden unter einer starken Regierung. Der Gesetzgebenden Versammlung gegenüber, mit der er bald in Konflikt geriet, trat er als der Erwählte der Nation auf, und als dieselbe sich weigerte, seine Wiederwahl durch eine Revision der Verfassung zu ermöglichen (19. Juli 1851), die Verfügung über die Truppen beanspruchte und eine dritte Gehaltserhöhung Napoleons abschlug, setzte er in der Nacht vom 1. auf den 2. Dez. 1851 den seit langem im geheimen vorbereiteten Staatsstreich ins Werk: die Führer des Parlaments wurden verhaftet und verbannt, ein republikanischer Aufstandsversuch in den Straßen von Paris durch schonungsloses Einschreiten der Truppen im Keim erstickt. Von der Volksvertretung appellierte N. an das souveräne Volk selbst, welches durch die Wahl Napoleons zum Präsidenten auf 10 Jahre mit 7½ Mill. Stimmen (20. Dez.) die Errichtung einer Militärdiktatur billigte; die neue Verfassung vom 14. Jan. 1852 gab dem Volk das Recht des Plebiszits in besondern Fällen, der Volksvertretung (Senat und Gesetzgebendem Körper) nur das der Beratung, dem Staatsoberhaupt eine sonst unumschränkte Gewalt. Durch die Einrichtung eines militärischen Hofstaats und einer Leibwache wurde die Wiederherstellung monarchischer Formen vorbereitet. Auch eine Reise des Präsidenten nach dem südlichen Frankreich im September 1852 war darauf berechnet, durch die Entwickelung nie gesehener Pracht und Freigebigkeit sowie durch Reden (in Bordeaux fiel damals das Wort: "L'Empire c'est la paix") die Bevölkerung für das Kaisertum zu gewinnen. Hierauf erklärte der Senat 7. Nov. die Wiederherstellung des Kaiserreichs für den Willen der Nation, welche das Senatskonsult am 22. mit über 7,800,000 Stimmen bestätigte. Am 2. Dez. 1852 wurde N. III. als Kaiser der Franzosen proklamiert. Durch eine Revision der Verfassung vom 14. Jan. 1852 wurde Frankreich thatsächlich in eine absolute Monarchie verwandelt. Von den europäischen Mächten wurde N. bald anerkannt, eine Heirat mit einer Prinzessin aus fürstlichem Haus kam aber nicht zu stande. N. vermählte sich daher 29. Jan. 1853 mit einer Spanierin, Eugenie (s. d.), Gräfin von Teba, welche ihm 16. März 1856 einen Erben, den kaiserlichen Prinzen (s. S. 1009), gebar.

N. strebte vor allem danach, durch Kriegsruhm die französische Nation zu blenden und sich das Verdienst zu erwerben, Frankreich das legitime Übergewicht in Europa wiederzubringen. Hierzu diente ihm die Beteiligung am Krimkrieg; die Kämpfe vor Sebastopol befriedigten den Ehrgeiz der Armee, die Niederlage Rußlands befreite das liberale Europa von dem Druck, den der despotische Zar Nikolaus ausgeübt hatte, England und Österreich waren Frankreichs Bundesgenossen, und auf dem Pariser Kongreß 1856 waren die Gesandten sämtlicher Großmächte um den Kaiser versammelt, der durch Großmut auf Kosten seiner Verbündeten Rußland für sich gewann. Das Attentat des Italieners Orsini (14. Jan. 1858), das ebenso wie die vorhergegangenen der Italiener Pianori (28. April 1855) und Bellamare (8. Sept. 1855) scheiterte, bezeichnete einen Wendepunkt in der kaiserlichen Politik. Seiner doktrinären Neigung folgend, erklärte N. jetzt die Befreiung der unterdrückten Völker für das Ziel der französischen Politik. Nachdem er sich mit Cavour in Plombières verständigt und das Bündnis und eine Familienverbindung mit Sardinien geschlossen, zog er mit diesem 1859 gegen die österreichische Herrschaft in Italien zu Felde, siegte, wenn auch nicht glänzend, bei Magenta und Solferino, entzog sich weitern Verwickelungen durch den Frieden von Villafranca (11. Juli) und erwarb Savoyen und Nizza (1860). Er schien jetzt auf der Höhe seiner Macht zu stehen; die mächtigsten Reiche des Kontinents hatte er gedemütigt, und alle Welt lauschte gespannt seinen Worten. Aber der usurpatorische Ursprung seiner Herrschaft nötigte ihn, ruhelos nach immer neuen Erfolgen zu streben, und die Rücksicht auf seine Bundesgenossen beim Staatsstreich bereitete ihm viele Schwierigkeiten. Um den Klerus zu versöhnen, mußte er sich der vollständigen Einigung Italiens widersetzen und 1867 bei Mentana sogar mit den Waffen zu gunsten des Papstes einschreiten, wodurch er die Dankbarkeit der Italiener verscherzte. Die andre Bundesgenossenschaft, welche N. beim Staatsstreich sich aufgeladen, die Abenteurer und Glücksritter, deren Frivolität und cynische Geldgier ihn schon durch verschiedene Börsenschwindeleien kompromittiert hatten, verleitete ihn 1862 zu der verhängnisvollen mexikanischen Expedition, mit der er das nebelhafte Ziel einer französischen Protektion über die lateinische Rasse auch in der Neuen Welt verband. Aber seine Berechnungen erwiesen sich als trügerisch: die Eroberung Mexikos und die Errichtung eines Vasallenthrons waren nicht so leicht, wie er gedacht, und als die Vereinigten Staaten von Nordamerika nach Beendigung ihres Bürgerkriegs gegen die französische Intervention Protest erhoben, mußte N. Mexiko räumen und seinen Schützling, Kaiser Maximilian, preisgeben (1867), nachdem das Unternehmen an direkten Kosten der Armee und an Anleihen für das mexikanische Kaiserreich ungeheure Geldsummen verschlungen hatte und die Armeevorräte aufgebraucht worden waren. Daher mußte sich N. gefallen lassen, daß Rußland seine Intervention zu gunsten Polens, England seinen Vorschlag eines allgemeinen Kongresses in Paris ablehnte (1863), und konnte 1866 nach dem glänzenden Sieg Preußens über Österreich dem Sieger nicht Einhalt gebieten und Kompensationen am Rhein für Frankreich erzwingen, wie die öffentliche Meinung verlangte; nicht einmal Luxemburg gelang es ihm 1867 zu erwerben.

Diese Mißerfolge minderten Napoleons Ansehen rasch, ja sie riefen sogar Spott und Hohn hervor. Seine Haltung war daher von da ab eine unsichere, schwankende, wozu auch sein schmerzhaftes Steinleiden beitrug. Einerseits schmiedete er unaufhörlich Pläne, um durch territoriale Erwerbungen die Eroberungsgier der Nation zu befriedigen, zu welchem Zweck er die Armee durch Niel reorganisieren und mit dem Chassepotgewehr ausrüsten ließ; anderseits machte er Zugeständnisse in der innern Politik, indem er 1860 dem Gesetzgebenden Körper das Interpellationsrecht, 1867 die Adreßdebatte zurückgab und 1869 ihm Budgetrecht, Verantwortlichkeit der Minister u. a. zugestand. Das 2. Jan. 1870 berufene Ministerium Ollivier sollte Frankreich zu einem konstitutionellen Staat umbilden. Bei dem Plebiszit, dem dieser Reformplan 8. Mai 1870 unterworfen ward, wurden 1½ Mill. Nein abgegeben; diese verhältnismäßig hohe Zahl zeigte, daß die Zugeständnisse zu spät gekommen waren, daß man sie ebensowenig würdigte wie das Verdienst, welches sich N. durch den