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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Nil

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Nil (Quellen, Oberlauf).

(s. Nilseen). Über das Quellgebiet des Blauen Nils war man bereits in den ersten Jahrhunderte unsrer Ära durch Kosmas Indikopleustes unterrichtet. Die alte Kunde vom Ursprung dieses Bahr el Azrak im Tanasee wurde aufgefrischt durch die portugiesischen Missionäre, welche im 17. Jahrh. in Abessinien weilten, geriet aber so in Vergessenheit, daß der Schotte Bruce gegen Ende des vorigen Jahrhunderts als Entdecker der Quelle des Blauen Nils gefeiert wurde. Erst 1839 begann man ernstlich an die Entdeckung der Quellen des Weißen Nils zu denken; Mehemed Ali rüstete eine Expedition aus, welche bis 6° 33' nördl. Br. gelangte, während eine zweite, bei welcher die Franzosen Arnaud, Sabatier und Thibaut sowie der Deutsche Ferdinand Werne sich befanden, 1841 bis 5° nördl. Br. vordrang. Zahlreiche Reisende suchten seitdem vergeblich das alte Rätsel zu lösen, bis es 1863 den Engländern Speke und Grant gelang, die großen Nilseen zu entdecken, welche als die Ursprungsstätte des Stroms angesehen wurden, bis Stanley 1876 die Flüsse fand, welche dem umfangreichsten dieser Seen, dem Ukerewe (s. d.), zuströmen. Als den größten derselben nimmt er den auf der Westseite einmündenden Kagera (auch Alexandra-Nil genannt) an, der den Abfluß des Akenjaru oder Alexandrasees (unter 2½° südl. Br.) aufnimmt. Aber ebensogut könnte man den Isanga, der von S. her in den Ukerewe eintritt, und dessen Quelle unter 5° südl. Br. liegt, als den Quellfluß ansehen. Aus dem Ukerewe ergießt sich am Nordrand ein großer kataraktenreicher Strom, Kivira genannt, der zuerst die Riponfälle, dann den See Gita Nzige und gleich darauf den großen Sumpf Kioga oder Kodscha bildet und nun unter dem Namen Somerset-Nil in zahlreichen Fällen (darunter die mächtigen Murchisonfälle), so daß er auf 150 km nicht weniger als 695 m fällt, zuerst nach Norden, dann in scharfer Biegung bei Fauvera westwärts fließt und bei Masungo am Nordostende des Mwutan Nzige in diesen See sich ergießt, der durch den Dueru oder Kakibbi mit dem südwestlich gelegenen Muta Nzige verbunden sein soll. Nach dem Austritt aus dem Nordende des Mwutan wird der Strom Bahr el Dschebel ("Fluß der Berge") genannt; er fließt nun in einer Breite von 500-2000 m, 5-12 m tief, ruhig dahin, selbst größere Fahrzeuge können hier verkehren; aber bei Dufilé (3½° nördl. Br.) hindern Katarakte abermals die Schiffahrt. Dieselbe wird erst wieder bei dem jetzt verlassenen Gondokoro, oberhalb Ladó, frei. Hier hat der Fluß nur noch eine Meereshöhe von 465 m, und Dampfer von Chartum können hierher gelangen. Nun durchfließt der Strom eine sumpfige Waldlandschaft, die zur Regenzeit von unzähligen Flußbetten durchzogen ist. Unter 7½° nördl. Br. teilt er sich in zwei Hauptadern, von denen die kleinere, östlichere, der Bahr es Seraf, einen direktern Weg nach Norden einschlägt, wo unter 9½° nördl. Br. eine lange westöstliche Senke alle südlichen Flußadern aufnimmt. Hier wie auf den von W. her kommenden Zuflüssen wurden schon die von Nero ausgesandten Forschungsreisenden durch die kolossalen Ansammlungen von Grasmassen aufgehalten, welche die Flußläufe oft auf Jahre verstopfen und sie zwingen, sich ein andres Bett zu suchen. So war der Bahr el Dschebel 1870-77 völlig gesperrt, und alle Schiffe hatten den Weg des Bahr es Seraf zu nehmen. Einige von ihnen sind wochen-, ja monatelang auf den durch die Verwesung der Pflanzenteile dann todbringenden Gewässern eingeschlossen gewesen, so Gessi 1880 drei Monate auf dem Bahr el Gazal mit 500 Soldaten und vielen befreiten Sklaven, von denen die meisten (wie er selbst) sogleich oder später an den Folgen starben.

In der genannten Senke strömt dem Bahr el Dschebel von W. her der Bahr el Gazal zu, der selbst von S. kommt, aber eigentlich als eine Fortsetzung des aus zahllosen Flußläufen in Dar Fur und Dar Fertit entstandene Bahr el Arab erscheint. Während Zuflüsse von Norden her ganz fehlen oder zur Klasse der periodisch fließenden Wadis gehören, sind die von der Wasserscheide zwischen N. und Congo herabströmenden außerordentlich zahlreich. Die bedeutendsten sind der Rol, welcher in den Bahr el Gazal mündet, der Dschau, welcher sich mit dem Tondj zum Apabu vereinigt, der Dschur, der wasserreichste von allen, mit dem Wau, der Dembo, im Oberlauf Pango genannt, Kuru, Sabu u. a.; dem Bahr el Arab geht von S. her der Bahr el Fertit zu, an dessen Ufer die Kupferminen von Hofrah en Nahas liegen. Nach der Vereinigung des Bahr el Gazal und Bahr el Dschebel behält der Strom die östliche Richtung, bis ihm aus SO. (5° nördl. Br.) der sehr bedeutende Sobat zugeht. Nun wendet er sich in scharfem Knie nach Norden und nimmt den Namen Bahr el Abiad oder Weißer N. an. Obschon diese Zuflüsse gewaltige Wassermassen führen, erreicht doch ein sehr großer Teil den Strom gar nicht, sondern verdunstet vielmehr in den großen Sümpfen, welche sich zur Zeit des Hochwassers bilden. Von der Mündung des Sobat bis Chartum empfängt der N. keinen einzigen Nebenfluß, nur die periodisch gefüllten Rinnsale mehrerer "Chor" ziehen ihm zu. Von Faschoda ab setzt er, weit ausgebreitet, mit vielen Flußarmen und Inseln und oft mit ganzen Bänken von Wasserpflanzen überzogen, seinen langsamen Lauf zwischen schlammigen Ufern fort. Erst vom 14.° nördl. Br. treten Hügelreihen an sein linkes Ufer heran, die dasselbe dann bis Chartum einfassen. Bis zu dieser Stadt (388 m ü. M.) beträgt das Gefälle vom Mwutan ab 312 m. Bei Chartum mündet rechts der Bahr el Azrak oder Blaue Fluß, der früher als der zweite ebenbürtige Quellfluß des Nils bezeichnet zu werden pflegte, während er jetzt, wo man den Weißen Fluß bis über den 5.° südl. Br. verfolgt hat, nur noch als ein Nebenstrom des letztern erscheint, welcher infolge der ausgleichenden Thätigkeit der großen Seen und Sümpfe weit geringere Schwankungen im Wasserstand hat als der Weiße N. Nach Linant de Bellefonds ist die Wassermenge des Bahr el Abiad bei Chartum in der Sekunde bei Hochwasser 5005, bei Niedrigwasser 297 m, bei dem Bahr el Azrak sind die Zahlen 6014 und 159. Der Weiße N. unterhalt den Wasserlauf bis zum Meer, der Blaue N. bringt die befruchtende Überschwemmung, ohne den erstern gäbe es kein Ägypten, ohne den zweiten entbehrte dies Land seiner wunderbaren Fruchtbarkeit. Der Bahr el Azrak ist der Astapūs des Ptolemäos; vielleicht hatten schon die Römer eine Kenntnis seiner Quellen, denn sie lassen ihn in einem See, dem Coloe Palus, entstehen, den sie freilich 12° südlicher setzen, als der Tana liegt, den der Abaí, wie der Bahr el Azrak in Abessinien heißt, durchfließt, nachdem er an der innern Seite des Westrandes von Abessinien seinen Ursprung genommen. Er verläßt, zahlreiche Fälle und Stromschnellen bildend, in spiralförmig gewundenem Lauf das Gebirge und tritt unterhalb Fazogl, wo an seinen Ufern Gold gewaschen wird, in die Steppenflächen von Senaar ein, die er in nordwestlich gewandtem Lauf bis Chartum durchströmt. Der Bahr el Azrak nimmt rechts den Beschilo, Dschamma, Ja-^[folgende Seite]