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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Ossian

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Ossian.

1764 das "Journal des Savants" mit der später von Shaw und Llaing wiederholten Behauptung auftrat, diese Gedichte seien von Macpherson gemacht und seien gälisch gar nicht vorhanden, sprach letzterer gegen seinen Freund Carlyle seine Verachtung solcher Afterkritik aus, trat aber nicht öffentlich dagegen auf, weil es ihm schmeichelte, daß die Welt ihm einen solchen Dichtergenius zutraute. Dafür aber lieferte er an die inzwischen gegründete Highland Society in Edinburg seine niedergeschriebenen gälischen Urtexte, soweit er sie noch besaß (manche waren verloren gegangen), ab, und diese sind dann von der genannten Gesellschaft in zwei Großoktavbänden herausgegeben worden ("Dana Oisein mhic Finn", Lond. 1807). Die Meinung, als habe Macpherson diese Epopöen fabriziert, darf getrost als eine unhaltbare bezeichnet werden. Zu geschweigen, daß seine eignen 1758 edierten Gedichte die zopfigste Wasserpoesie enthalten, so ist schon das entscheidend, daß er den gälischen Text oftmals nicht verstanden und falsch übersetzt hat, z. B. "meine Seele komme auf die Nachkommen", statt "mein Name" (ainm mit anim verwechselt). Hierzu kommt die historische Gewißheit, daß lange vor Macpherson diese Gedichte in Manuskripten existiert haben. Es ist noch heute eine schriftliche Aufzeichnung eines Peter Macdonald (um 1670) vorhanden, worin er sagt, daß er eine Sammlung alter gälischer Gedichte angelegt habe; ein Glied dieser Familie, John Macdonald, hat dann eidlich vor der Highland Society erklärt, sein alter Vater habe eine Sammlung gälischer Gedichte noch besessen; er selbst aber habe als 15jähriger Knabe mehrere derselben auswendig gewußt (1740), darunter viele, die Ossians Namen trugen, und unter diesen eins, worin von einem Mädchen vorkam, das zu Fingals Stamm floh, sowie eine Beschreibung der Rosse vor Cuchullins Streitwagen. Beides findet sich bekanntlich in Ossians "Fingal" wieder. Er erklärte weiter, daß Macpherson viele dieser Gedichte sich von ihm habe diktieren lassen. Ebenso ist die Existenz eines zweiten, im Besitz eines irischen Bauern gewesenen Manuskripts nachgewiesen, das unter anderm den "Carthonn" enthielt. Beide Manuskripte gingen verloren, das erstere 1763 durch Entwendung. Ein drittes Manuskript besaß um 1745 eine Mistreß Fraser; ihr Sohn nahm es mit nach Amerika, wo es verloren ging, als er in Kriegsgefangenschaft geriet. Von diesem Manuskript hatte sich aber J. ^[John] Farquharson, Vorsteher eines schottischen College in Dinant, eine Abschrift genommen, die er 1773 dem Schottenkloster in Douai schenkte, wo sie 1793 in der Revolution mitsamt dem Kloster in Flammen aufging. Als Farquharson 1767 Macphersons Ossian-Übersetzung zu Gesicht bekam, erklärte er diese Gedichte für identisch mit den in seiner Abschrift befindlichen und noch um 1800 fanden die Mitglieder der Highland Society ganze Stücke dieser Gedichte im Munde der Hebridenbewohner lebend. Von einem vierten Manuskript, einem Pergamentkodex, gab Lachlan Mac Muirich die Erklärung, daß dasselbe seit 1600 Erbgut seiner Familie gewesen, zuletzt aber, da kein Glied derselben mehr die alten angelsächsischen Schriftzeichen habe lesen können, zu Schneidermaßen verschnitten worden sei. Zu diesen urkundlich bezeugten Thatsachen (vgl. Sinclair, Introduction in Ossian's works) nehme man noch folgende: die Carthonnsage ist eine uralt indogermanische, nämlich identisch mit der persischen Rustemsage, welch letztere dem Macpherson noch nicht bekannt sein konnte. Ferner: die Sitten, Gebräuche und Rechtsordnungen in Ossians Gedichten entsprechen bis ins einzelnste dem, was neuere Forschungen über die Sitten der alten Galen einerseits und der ältesten Normannen anderseits zu Tage gefördert haben; von diesen Forschungen und ihren Resultaten hatte man aber zu Macphersons Zeit noch nicht die leiseste Ahnung. Endlich: der gälische Urtext, den dieser aufgezeichnet, entspricht nicht der gälischen Sprache des 18., sondern genau der des 12. Jahrh., namentlich im Sprachschatz, in Konstruktionen und Redensarten. Nach alledem muß wohl die Meinung, daß Macpherson diese Gedichte gemacht und nachträglich erst ins Gälische übersetzt habe, als eine unhaltbare bezeichnet werden. Aber nicht minder unhaltbar ist die entgegengesetzt Ansicht, daß diese Poesien, so wie wir sie besitzen, aus dem 3. Jahrh., vom wirklichen O., herrührten. In diesem Fall müßten sie in der altirischen Sprache verfaßt sein, die von ihrer gälischen Tochter viel mehr abweicht als die althochdeutsche Sprache von der des Nibelungenlieds.

Ossians Gedichte in ihrer gälischen Form stammen offenbar aus dem 11. Jahrh., jener Zeit, als ganz Schottland (Alba und das Piktenreich nebst Strathclyde, Bernicia und Galloway), unter Einem Herrscherhaus vereinigt, in Frieden und Glanz und gälischer Eigenart existierte. Ihrem Stoff nach sind diese Gedichte allerdings weit älter. Während das Nibelungenlied alte Sagen in das ritterliche Kostüm des 12. Jahrh. umgekleidet hat, sind in Ossians Gedichten Kostüm und Kolorit der uralten Heidenzeit unberührt erhalten. Von Ackerbau kommt nicht die geringste Spur vor, nur Jagd und Viehzucht; in offener Halle hält der König Hof, sein Mahl auf offener Heide; Fürstentöchtern dienen Grotten zur Wohnung; das eheliche Band ist noch sehr locker und lösbar; die im Mittelalter so beliebte Sackpfeife ist noch nicht erfunden. Auf die Normanneneinfälle Hognis, Fridlis, Rings, Rolfs (353-500) findet sich nicht die leiseste Beziehung, nur auf den Einfall des Normannenkönigs Suaran, der als König von Westgotland (gest. 240) durch Suhm nachgewiesen ist, und auf die Zeit Caracallas. Dem Stoff nach sind es also wirklich uralte Schlachtengesänge und Sagen des 3. Jahrh. Nach Bardensitte mündlich von Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzt, erlitten dieselben ganz allmählich in der sprachliche Form die Wandlungen, welche die Sprache selbst allmählich erlitt; direkte Anspielungen auf heidnischen Götterkult wurden seit der Bekehrung Schottlands zum Christentum ausgemerzt, die poetischen Schilderungen und lyrischen Ergüsse sicherlich mannigfach bereichert und umgegossen, bis dann endlich im 11. Jahrh. die Rezension entstand, die von da an in einzelnen Pergamenthandschriften sowie in der fernern mündlichen Tradition fixiert wurde, und welche Macpherson in der letzten Stunde vor völligem Untergang gerettet hat. Seine Übersetzung, welche, wie schon bemerkt, fehlerhaft, dabei geschmacklos sentimental und nicht ohne eigne Zuthaten ist, liegt vielen Tochterübersetzungen (deutsch von Denis, Harald, Petersen, Rohde, Stolberg u. a., ital. von Cesarotti, franz. von Le Tourneur, niederländ. von Bilderdijk, span. von Ortin, poln. von v. Krasicki) zu Grunde. Sinclairs lateinische Interlinearversion hat Ahlwardt (Leipz. 1811) ins Deutsche übersetzt, direkt aus dem gälischen Urtext A. Ebrard den "Finnghal" (das. 1868). Über die kritische Frage ist gegen Fink ("Über die Echtheit der Ossianischen Gedichte", Berl. 1811) und Talvj ("Die Unechtheit der Lieder Ossians", Leipz. 1840) zu vergleichen: "Neue Jenaische Allgemeine Littera-^[folgende Seite]