Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Österreich, Kaisertum

493

Österreich, Kaisertum (Industrie).

bezirk in Böhmen. Die Erzeugung von Perlen, Knöpfen und andern Glaskurzwaren nahm in der Gablonzer Gegend, getragen von der Moderichtung, einen außerordentlichen Aufschwung und steht mit der dortigen Gürtlerei in inniger Verbindung; sie arbeitet großenteils für den Export. Von den Industrien in Steinen haben sich insbesondere jene stark entwickelt, deren Fabrikate das Baugewerbe konsumiert, so das Steinmetzhandwerk, die Fabrikation gewöhnlichen Mauerkalks (in großen Etablissements vor allem in Wien und Prag konzentriert), hydraulischer Kalke und Zemente, welche gegenwärtig in vorzüglicher Qualität erzeugt werden, vor allem in den Alpenländern Niederösterreich, Steiermark, Salzburg und Tirol, außerdem in Böhmen und im Küstenland. Juwelierarbeiten werden in Wien, Granatschmucksachen in Prag in höchst geschmackvoller Weise verfertigt. Wien erzeugt auch Imitationen von Edelsteinen in ausgezeichneter Qualität. Die Bearbeitung des Marmors zu Kugeln, Galanteriewaren etc. kommt in größerer Ausdehnung in Salzburg und Wien vor. Die chemische Industrie Österreichs steht jener andrer Staaten, insbesondere Deutschlands, nach; doch müssen die Fortschritte, die sie in den letzten Dezennien machte, mit Rücksicht auf die zu bekämpfenden Schwierigkeiten als bedeutende anerkannt werden. Chemikalien im engern Sinn werden fabrikmäßig hauptsächlich in Böhmen, ferner in Niederösterreich und Schlesien in solchen Mengen erzeugt, daß nicht nur der inländische Bedarf gedeckt, sondern davon auch, insbesondere was Schwefel-, Salpeter- und Salzsäure betrifft, ausgeführt wird. Pottasche und Weinstein liefern Untersteiermark und das Küstenland. Von Farbewaren werden in vorzüglicher Qualität Ultramarin und Chromgrün in Niederösterreich und Böhmen, Bleiweiß in Kärnten, Zinkweiß in Galizien und Schlesien, Zinnober in Idria (Krain), Alizarin in Königsberg (Böhmen) etc. produziert. Im allgemeinen hat jedoch die Anilinindustrie bisher in Ö. nicht festen Fuß gefaßt. Kerzen und Seife werden in Wien und vielen andern Orten fabrikmäßig und vom Kleingewerbe auch für den Export erzeugt. Die Raffinierung von Petroleum und Erdwachs bildet in Galizien, Wien, Triest etc. eine aufblühende Industrie. Ein sehr umfangreicher und wichtiger Industriezweig ist für Ö. die Zündhölzchenfabrikation; sie arbeitet für den Export und hat den höchsten Standpunkt in Böhmen, Mähren, Steiermark und Niederösterreich erlangt. Für pharmazeutische Präparate und Parfümeriewaren bildet Wien den Mittelpunkt des fabrikmäßigen Betriebs. Die Stärkegewinnung wird vorzugsweise in Böhmen von einer großen Anzahl von Fabriken betrieben. Spodium und Superphosphate werden, unterstützt durch den großen Bedarf der Zuckerfabrikation und der Landwirtschaft, namentlich in Böhmen und Niederösterreich dargestellt. Wichtigere chemische Produkte sind noch Öl (insbesondere Rapsöl), ätherische und Schmieröle, Wagenfett, Albumin, Firnisse und Lacke, ferner Schießpulver, Sprengmittel und Leuchtgas.

Die Industrie in Holzwaren ist bei dem großen Holzreichtum des Staatsgebiets sehr belangvoll und liefert Exportartikel. Tischler- und Drechslerwaren werden in den Hauptstädten, in besonderer Vollendung aber in Wien verfertigt; die dortigen Erzeugnisse, besonders Möbel, Holzgalanteriewaren, Meerschaum-, Bernstein-, Horn- und Perlmutterwaren, sind im In- und Ausland sehr geschätzt. Ein wichtiger Exportartikel sind die Möbel aus gebogenem Holz. Die Verfertigung von Schnitzwaren aus Holz, Horn, Bein (Spielwaren u. a.) ist gleichfalls in Wien von Bedeutung und gehört im böhmischen Erzgebirge, im Bezirk Grulich, im Salzkammergut und im Grödner Thal in Tirol einer emsigen Hausindustrie an. Stroh-, Bast-, Rohr- und Korbflechtwaren werden in größern Quantitäten in Wien und andern größern Städten, im nördlichen Böhmen und in Tirol erzeugt. Für die fabrikmäßige Verfertigung von Korbwaren ist Koritschan in Mähren, für die Verfertigung ordinärer Strohhüte der Ort Domzale in Krain der Hauptsitz. Ein eigentümlicher Erwerbszweig ist die Sparteriewarenerzeugung, welche im Schluckenauer und Rumburger Bezirk (Böhmen) über 2000 Menschen beschäftigt und ihre Produkte, als Tischdecken, Fenstervorleger, Mützen, Hüte etc., großenteils jenseit des Ozeans absetzt. Die Erzeugung von Papier ist in jüngster Zeit auf eine sehr hohe Stufe der Entwickelung gelangt und liefert gegenwärtig bedeutende Quantitäten für die wesentlich gesteigerte inländische Konsumtion sowie für den Export, namentlich nach dem Orient. Bei dem fühlbaren Mangel an Hadern und der fortwährenden Verteurung dieses Artikels haben Surrogate, insbesondere Stroh- und Holzstoff (Cellulose), vielfache Anwendung in der Papierfabrikation gefunden. Es bestehen im ganzen 188 Maschinenpapierfabriken mit zusammen 232 Papiermaschinen, die meisten in Böhmen (60), Niederösterreich, Oberösterreich und Steiermark. Fabriken für Holzstoff, Strohstoff und Cellulose bestehen gegen 200. Buntpapiere aller Gattungen werden größtenteils zu Wien erzeugt. Zigarrettenpapier und Papiertapeten liefert außer Wien die böhmische Fabrikation; nicht minder ist Wien ein Hauptsitz der Produktion von Spielkarten, Buchbinder-, Papp- und Kartonagearbeiten. Mit der Anfertigung von Papiermachéwaren sind viele Personen im Gablonzer und Teplitzer Bezirk Böhmens beschäftigt. Von den zur Lederindustrie gehörigen Gewerbszweigen ist die Gerberei eine der verbreiteten Industrien, welche jedoch in ihren Erzeugnissen noch nicht dem einheimischen Bedarf genügt, obschon verschiedene fabrikmäßig produzierte Waren in der Qualität nichts zu wünschen übriglassen. Sie ist am bedeutendsten in Mähren, Niederösterreich, Böhmen und Görz. Die Fabrikation von Schuhwaren exportiert namhafte Mengen nach dem Ausland und wird in Wien, dem Hauptausgangspunkt für den Export, Prag und an mehreren andern Orten in Böhmen, Mähren und Steiermark fabrikmäßig betrieben. Die österreichische Handschuhfabrikation hat, seitdem der Maschinenschnitt in den österreichischen Fabriken eingeführt wurde, einen großen Aufschwung genommen, so daß jetzt das bessere Wiener und Prager Fabrikat mustergültig für Lammlederhandschuhe ist. Nicht ganz gleichen Schritt hat mit dieser Entwickelung dagegen die österreichische Lederfärberei gehalten. In Sattler-, Riemer-, Täschner- und Ledergalanteriewaren hat Wien einen ehrenvollen Ruf auf dem Weltmarkt und günstige Exportbeziehungen errungen.

Die Seidenindustrie umfaßt die Produktion von Rohseide, ca. 100,000 kg, welches Quantum zum größern Teil in Südtirol gewonnen und auch dort versponnen wird. Für die Erzeugung von Chappe bestehen zwei größere Etablissements in der Grafschaft Görz. Einen hervorragenden Rang nimmt Ö. in der Erzeugung von Seidenwaren, hauptsächlich von glatten Seidenstoffen und Seidenbändern, ein; im Dienste dieser Industrie sind 5600 Handwebstühle und 1100 mechanische Webstühle thätig. Dieselben sind größtenteils in den Händen von Wiener Firmen, welche jedoch den Erzeugungsort (wegen der hohen