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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Paläontologie

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Paläontologie (gegenwärtiger Stand; Sammlungen, Litteratur).

werk eines allgemeinen Katalogs der zu damaliger Zeit bekannten Versteinerungen (vgl. unten) ergab für den Verfasser selbst die unabweisbare Konsequenz eines allmählichen Aussterbens der alten, eines ebenso allmählichen Auftauchens neuer Formen neben, nicht ausschließlich nach den alten, kurz für die P. dieselbe Lehre von der stetigen und langsamen Umbildung der Verhältnisse und Formen, wie sie für die Geologie und die gesteinsbildenden Prozesse Lyell aufgestellt und bewiesen hatte. Noch aber lag Bronn der Gedanke an eine Fortentwickelung der Spezies selbst fern, dieser die P. gleichwie die Zoologie und Botanik befruchtende Gedanke sollte erst von Darwin formuliert werden, wenn auch von mehr denn einem Paläontologen (z. B. Quenstedt) früher schon geahnt und gewissermaßen vorgefühlt. Erst mit dieser Erkenntnis (um mit demselben Gedanken zu schließen, mit dem diese historische Skizze begonnen wurde) ist die P. eine biologische Wissenschaft geworden, reich an Lehren, welche sich zu dem Hauptsatz der Transmutation der Formen verhalten wie Konsequenzen oder wie Spezialfälle eines allgemeinen Gesetzes; manche unter diesen Sätzen sind wieder der Ausgangspunkt geworden für eine Fülle von Forschungen, mit deren Ausbau die P. eifrigst beschäftigt ist. Wir erinnern in dieser Beziehung nur an die Lehren von den Embryonal- und von den Kollektivtypen, die erstern in ausgereiften Individuen früherer Formen gewissermaßen fixierte Entwickelungsstadien ihrer heutigen Verwandten, die letztern Mischlingsformen, die eine Mehrzahl heute für verschiedene Formen charakteristischer Merkmale vereinigen und so eine Brücke schlagen zwischen Tiertypen, welche bei einer Heranziehung von nur rezenten Formen in einer unverständlichen Isoliertheit voneinander existieren würden.

Von jetzt lebenden, oder doch erst jüngst verstorbenen Paläontologen nennen wir außer den in der obigen geschichtlichen Skizze schon angeführten und unter Hinweis auf das unten gegebene Litteraturverzeichnis: Barrande (besonders silurische Versteinerungen, Cephalopoden, Trilobiten), Benecke (namentlich Triasformation), Beyrich (Tertiärformation), Dames (Archaeopteryx), Fraas (Wirbeltiere), Marsh (nordamerikanische Odontornithen), H. v. Meyer (Wirbeltiere), Neumayr (Ammoniten), Oppel (Juraformation), Owen (Wirbeltiere), Quenstedt (Juraammoniten), Römer (silurische Versteinerungen), Sandberger (Tertiär- und Süßwasserkonchylien), Waagen (Juraammoniten), Zittel (Schwämme und Korallen), ferner von Phytopaläontologen: Geinitz, Göppert, Heer, Saporta, Schenk, Schimper. Infolge der zahlreichen Spezialuntersuchungen ist das Artenmaterial, über welches die P. verfügt, ganz außerordentlich angewachsen. Während beispielsweise Sowerby in den 20er Jahren unsers Jahrhunderts aus England 752 Versteinerungen verzeichnete, sind jetzt aus demselben Beobachtungsgebiet über 13,000 Arten bekannt. Bronns Kataloge führen 1849: 2050 fossile Pflanzen (gegen etwa 72,000 lebende) und 24,300 fossile Tiere (gegen etwa 100,000 lebende) auf, ein Verhältnis zwischen rezenten und ausgestorbenen Formen, das sich wenigstens für einzelne Klassen sehr zu gunsten der letztern verschoben hat; so zählt Barrande allein an tetrabranchiaten Cephalopoden der Silurformation 1622 Arten auf, während in unsern heutigen Meeren nur 6 Arten leben; so kennt man etwa 100 Spezies lebender Brachiopoden gegenüber etwa 2000 fossilen. Zur Bezeichnung dieser Artenfülle benutzte man bis in unser Jahrhundert herein eine allgemeine Charakteristik der Versteinerung mit einem angehängten "ites" oder "lithos" (Stein), so Phyllites (versteinerte Blätter), Lignites (Holz), Helicites (dem Genus Helix ähnliche Schnecken), Entomolithus (fossile Insekten) u. s. f.; heute bedient sich die P. vorwiegend einer gleichen binären Nomenklatur (Gattungs- und Artennamen) wie die Botanik und Zoologie, doch bürgert sich zur Hervorhebung von verwandtschaftliche Verhältnissen mehr und mehr der Gebrauch von drei Namen ein. Als Hilfswissenschaft der Geologie liefert die P. vor allem die Feststellung der Lebensweise der in den Gesteinsschichten als Versteinerungen eingeschlossenen Tiere und Pflanzen und damit den Hinweis auf die nähern Bildungsverhältnisse der die organischen Reste führenden Gesteine. In dieser Beziehung sind die Unterscheidungen der Formen als Süßwasser-, Brackwasser- und Salzwasserbewohner sowie als Landbewohner von besonderer Wichtigkeit. Ein weiterer Satz von fundamentaler Wichtigkeit ist der von der Gleichartigkeit der Formen in gleichalterigen Schichten, durch dessen Anwendung die Parallelisierung örtlich getrennter Schichten möglich ist, wie denn auch die erste Einteilung der Formationen (s. d.) in Gruppen nach dem Charakter der eingeschlossenen Tier- und Pflanzenreste vollzogen wird. Diese Wichtigkeit der sogen. Leitfossilien wurde zuerst von dem Engländer William Smith 1790 erkannt, indem derselbe petrographisch verschiedene Schichten nach übereinstimmenden organischen Resten identifizierte. Schwieriger und nur mit äußerster Vorsicht zu unternehmen sind die Rückschlüsse, welche man aus der Parallelisierung der organischen Reste mit ihren nächsten jetzt lebenden Verwandten auf ein während des Lebens der als Versteinerungen erhaltenen Organismen am gleichen Ort herrschendes Klima durchführt; wie leicht hier Irrtümer unterlaufen können, ist am einfachsten an dem Beispiel der sicher hochnordischen Form des Mammuts im Vergleich mit seinen heutigen, warme Klimate bewohnenden Verwandten, den Elefanten, zu erläutern.

[Sammlungen, Litteratur.] An Hilfsmitteln des Studiums der P. sind zunächst die paläontologischen Sammlungen aufzuführen, unter denen die größten sich zu London, Paris, Berlin, Bonn, München, Breslau, Stuttgart, Tübingen, Wien und Prag befinden. Die Litteratur ist, den außerordentlichen schnellen Fortschritten der P. entsprechend, mehr als bei andern Wissenschaften in einzelnen Monographien niedergelegt. Solche finden sich sowohl in den speziell der P. gewidmeten Zeitschriften, wie die "Palaeontographica" (seit 1846, zuerst von W. Dunker und H. v. Meyer, jetzt von Zittel redigiert, Stuttg.), die Zeitschriften der Palaeontographical Society of Great Britain, der Schweizerischen Paläontologischen Gesellschaft, die "Beiträge zur P. von Österreich-Ungarn und vom Orient" (Wien, hrsg. von Neumayr und Mojsisovics) und die von Dames und Kayser redigierten "Paläontologischen Abhandlungen" (Berl.), als auch in außerdem noch andre Ziele verfolgenden Zeitschriften, wie im "Jahrbuch für Mineralogie, Geologie und P." (Stuttg.), der "Zeitschrift der Deutschen Geologischen Gesellschaft" (Berl.), dem "Jahrbuch der geologischen Reichsanstalt" (Wien), den "Mémoires de la Société géologique de France" (Par.), den "Nova Acta der Leopoldinischen Akademie" (Leipz.) Endlich ist keine geringe Zahl höchst wichtiger paläontologischer Arbeiten in den Publikationen niedergelegt, welche die geologischen Landesuntersuchungen (so namentlich die von Preußen, von