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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Paraguay

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Paraguay (Geschichte).

Jesuiten; dasselbe vermehrte jedoch nur die Abneigung der Spanier in P. gegen sie, und der Gouverneur Diego Martin Negroni (1609-15) wies sie daher an die beiden Völker der Guaycuru und Guarani, wogegen sie sich der Einmischung in die Angelegenheiten aller andern Gegenden Paraguays enthalten sollten. Innerhalb der ihnen gesteckten Grenzen gründeten die Jesuiten hierauf ein theokratisch-patriarchalisches Reich, das zwar formell unter spanischer Hoheit stand, von dem sie aber lange Zeit mit großer Sorgfalt jeden spanischen Einfluß abzuwehren wußten. Ihre Missionsbezirke (doctrinae) wuchsen bis gegen 40 mit mehr als 170,000 bekehrten Indianern heran, die in festen Niederlassungen (reduciones) von den Andes bis zum brasilischen Küstengebirge wohnten. Den Mittelpunkt ihrer Verwaltung hatten die Jesuiten in ihren Kollegien zu Asuncion und Cordova; in letzterer Stadt residierte der dirigierende Provinzial mit seinen vier Konsultadoren. In jeder Niederlassung war ein Priester, zugleich als höchste obrigkeitliche Person, mit einem Vikar, der zugleich die Geschäfte führte. Die Ortspolizei übte ein aus den Indianern gewählter Kazike, welcher dafür sorgte, daß die Indianer die festgesetzten Arbeiten, landwirtschaftliche und gewerbliche, verrichteten. Alle Arbeiten geschahen für das Allgemeine; ihr Ertrag kam in Magazine, aus denen die Indianer mit allen Bedürfnissen versehen wurden. Den Überrest verkauften die Jesuiten, und dieser mit vielem Geschick betriebene Handel war für sie so erträglich, daß sie bedeutende Geldsummen nach Europa schicken konnten. Sie duldeten weder Spanier noch andre Europäer in ihren Niederlassungen; ja, sie erfüllten die Indianer geflissentlich mit Haß gegen jene. Die Guaranisprache blieb die herrschende, doch mußte jeder Indianer lesen und schreiben lernen. Dieselben wurden in ihren häuslichen Angelegenheiten von ihren geistlichen Vätern wie Kinder geleitet, zu regelmäßigen Stunden zum Gebet, zur Arbeit, zur Erholung geführt, freigebig mit Nahrung und Kleidung versorgt, mild behandelt und überall, wo keine Kollision mit den Zwecken des Ordens eintrat, zum besten beraten.

Mit der Zunahme der Jesuitenmissionen, welche den größern Teil des östlichen und südöstlichen P. einnahmen (1618), hielt aber auch die Ausbreitung der Paulistas gleichen Schritt, einer Kolonie, die von den Portugiesen in der brasilischen Provinz São Paulo um die Mitte des 16. Jahrh. gegründet worden war, und es kam mit ihnen zu einem beständigen Grenzkrieg, der mit wechselnden Glücke geführt wurde. Von den Paulistas fort und fort belästigt, entschlossen sich die Jesuiten endlich, ihre Missionen aus der Provinz Guyara in das Land zwischen dem Uruguay und Parana zu verlegen, wozu sich indes die Indianer nur mit Mühe bereden ließen. 1726 erwirkten die Jesuiten ein königliches Dekret, das ihre Missionen am Parana von P. sonderte und dieselben unter den Gouverneur des La Plata stellte, d. h. fast unabhängig machte. Nun wurde P. mehr als je ein Kampfplatz der Parteien, und nachdem man den vom Vizekönig von Lima zum Gouverneur ernannten Ignacio Sorotea im Januar 1731 gewaltsam zurückgewiesen hatte, kam es zum förmlichen Bürgerkrieg. Trotz aller Bannflüche vertrieb man die des spanischen Interesses verdächtigt Jesuiten aus Asuncion. Jedoch 1733 unterwarf der Gouverneur von Buenos Ayres, Zavala, an der Spitze von 3000 Guarani die Gegner der Jesuiten und nahm blutige Rache für die Vertreibung derselben, womit die Ruhe vorläufig wiederhergestellt war. Am 16. Jan. 1750 wurde zwischen Johann V. von Portugal und Ferdinand VI. von Spanien ein Grenzberichtigungsvertrag in betreff der südamerikanischen Besitzungen beider Kronen abgeschlossen, nach welchem das Land zwischen dem Uruguay, Yacuy und Ybicuy mit sieben Missionen der Jesuiten (darunter Asuncion) gegen die Colonia del San Sacramento an Portugal abgetreten werden sollte. Die Jesuiten setzten 1754-58 der Ausführung dieses Vertrags bewaffneten Widerstand entgegen, unterlagen aber endlich nach mehreren glücklichen Gefechten den gegen sie gesendeten vereinten portugiesische und spanischen Heeren, und als 1766 die Verbannung des Jesuitenordens aus Spanien beschlossen ward, wurden 1768 auch die Jesuiten in allen spanisch-amerikanischen Besitzungen an einem u. demselben Tag festgenommen und des Landes verwiesen, ihre Missionen aber, über 40 mit mehr als 100,000 Einw., zwischen Portugal und Spanien geteilt und den Zivilbehörden übergeben.

Die neue Herrschaft unterschied sich von der vorigen nur durch rohe, drückende Härte und Habsucht. Die Spanier nahmen zwar das von den Jesuiten begründete Werk in ihre Hände, verstanden aber nicht, es zu erhalten und fortzuführen, und in kurzer Zeit gaben die Indianer den Anbau des Landes wieder auf oder kehrten ganz zu dem wilden Leben zurück. 1776 ward P. zum spanischen Vizekönigreich La Plata geschlagen und umfaßte auch die Banda oriental mit Montevideo; 1801 ward die Provinz der Missionen an Brasilien abgetreten. Doch war die Verbindung des Landes mit Buenos Ayres eine durchaus lose. Als hier 1810 die Unabhängigkeitsbestrebungen offen an den Tag traten, schickte Buenos Ayres den General Belgrano nach P., um hier die spanische Herrschaft zu stürzen. Derselbe ward zwar 19. Jan 1811 bei Paraguari geschlagen und 9. März zur Kapitulation gezwungen, wußte aber dennoch 14. Mai in Asuncion eine unblutige Revolution herbeizuführen, durch welche an Stelle der spanischen Regierung eine Junta gesetzt wurde. 1813 wählte der paraguayische Kongreß 2 Konsuln, Francia (s. d. 2) und Yégros, 1814 erstern auf 3 Jahre und 1817 auf Lebenszeit. Francia regierte das Land mit eiserner Hand und schloß es gegen die Nachbarstaaten völlig ab, sicherte es aber gegen die Annexionsgelüste Brasiliens und Argentiniens und hob durch seine klugen Maßregeln den Wohlstand außerordentlich. Nach des Diktators Tod (1840) verbündete sich Don Mariano Roque Alonso, der Viertelsmeister der Hauptstadt, mit einem Neffen Francias, Don Carlos Antonio Lopez; beide nahmen den Titel Konsul an und beriefen dann 1842 einen Kongreß, der alle von ihnen vorgelegten Gesetze genehmigte, die Unabhängigkeit Paraguays aufs neue erklärte und die beiden Konsuln bestätigte, doch so, daß Lopez erster und Alonso zweiter Konsul ward. Ein neuer Kongreß beschloß 13. März 1844 ein Staatsgrundgesetz und ernannte in Gemäßheit desselben 14. März Lopez zum Präsidenten auf zehn Jahre mit ziemlich unbeschränkte Gewalt. Lopez stellte einen seiner Brüder als Erzbischof an die Spitze der Geistlichkeit, sein zweiter Bruder ward Minister des Innern; sein Sohn erhielt den Oberbefehl über die 5000 Mann starke Armee. Ein Dekret vom 20. Mai 1845 öffnete das Land den Fremden und dem Verkehr, und ein andres vom 2. Jan. 1846 änderte das ganze Zollwesen im Sinn des Freihandelssystems. Der Hafen von Villa del Pilar wurde für den Handel geöffnet; doch blieb derselbe zumeist in den Händen von Lopez und seinem Sohn, welche die wichtigsten Lan-^[folgende Seite]