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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Persische Litteratur

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Persische Litteratur (Poesie).

ten sie sich des arabischen Einflusses nicht entschlagen, und Inhalt und Form ihrer Litteratur nahm eine mehr oder weniger arabische Färbung an. Theologie, Rechts und Staatswissenschaft wurden auch von den persischen Gelehrten in arabischer Sprache behandelt (s. Arabische Litteratur). Das eigentliche Gebiet der persischen Litteratur bleibt daher die Poesie, für welche das Persische vermöge seiner Anmut sich vorzugsweise eignete, daneben die Geschichte; doch tritt die letztere erst mit der zweiten Hälfte des 13. Jahrh. in den Bereich der Litteraturgeschichte.

Schon vor der Herrschaft des Islam, unter der ruhmgekrönten Dynastie der Sassaniden, wird von der Sage der Fürst Behram-Gur als Erfinder der Verskunst und des Reims bezeichnet (eine reizende Version dieser Sage s. in Rückerts "Östlichen Rosen"). Mohammed Aufi, der Verfasser des ältesten litterarhistorischen Werkes der Perser (im Anfang des 13. Jahrh.), führt zwei persische Reimzeilen von diesem hochberühmten Herrscher an; Veranlassung dazu soll seine geliebte Sklavin Dilârâm ("Herzensruhe") gegeben haben, welche die dichterische Anrede ihres Herrn und Geliebten mit gleichgemessenen und am Ausgang gleichtönenden Worten erwiderte. Nach ihm hatte Barsûje die Fabeln des Bidpai persisch bearbeitet und der Wesir Busurdschmihr das älteste persische Heldengedicht: "Wâmik und Asra", gedichtet, welches später in vielfachen Bearbeitungen wiederholt wurde (nach einer türkischen des Lamii deutsch von Hammer, Wien 1833). Der Boden, in welchen der Islam und der arabische Geist bei Eroberung Persiens dann ihren Samen streuten, war demnach kein unfruchtbarer. Als sich darauf die durch die arabische Invasion aufgewühlten Elemente niedergeschlagen und geklärt hatten und Ordnung, Sicherheit und Ruhe hergestellt waren, begann unter dem Patronat ruhmliebender Fürsten alsbald die Glanzperiode neupersischen Geisteslebens. Die neupersische Poesie entwickelte sich zunächst seit der Staatsverwaltung der Samaniden (913) und ward von den Ghasnawiden (seit 975), Seldschukken (seit 1037) und spätern Geschlechtern gefördert, so daß vom 10. bis in das 14. Jahrh. die neupersische Dichtkunst in hoher Blüte stand. Hammer-Purgstall hat sie in sieben Perioden geteilt und jede an einen bedeutenden Dichternamen geknüpft.

Im ersten Zeitraum (913-1106) tritt die reinste und schönste Blüte der persischen Heldendichtung zu Tage. Am Eingang desselben steht inmitten einer Reihe kleinerer Poeten, von denen allen nur einzelne Liedchen durch Aufi übermittelt sind (gesammelt und übersetzt von Ethé in den "Morgenländischen Forschungen", Leipz. 1875), der große Dichter Rûdagî (gestorben um 950), von dessen der Sage nach in 100 Bänden gesammelten Gedichten aber nur Bruchstücke erhalten sind. Etwa 50 seiner Lieder, zerstreut in den verschiedensten Handschriften, sind in Text und metrischer Übersetzung 1873 in den "Nachrichten" der Göttinger Gesellschaft von Ethé veröffentlicht worden, ebenso wie die Gedichte eines der Nachfolger Rûdagîs, mit Namen Kisâi, in den Sitzungsberichten der Münchener Akademie (1874). Dagegen ist uns in dem "Kâbûsnâme" von Keikâwus, dem Enkel des Kâbûs ben Waschmgîr, worin in 44 Kapiteln Moral und Lebensweisheit gepredigt wird, und das noch heute im Orient für den trefflichen Fürstenspiegel gilt (nach der türkischen Übersetzung ins Deutsche übertragen von v. Diez, Berl. 1811), ein wichtiges Werk aus jenen Anfangszeiten der neupersischen Litteratur aufbewahrt geblieben. Der eigentliche Aufschwung derselben datiert aber von der Regierung des Ghasnawiden Mahmûd (997-1030), der nicht nur zahlreiche Dichter und Gelehrte um sich versammelte und dem bedeutendsten die Ehrenstelle eines Dichterkönigs verlieh, welche von da ab stehende Hofcharge wurde, sondern der dichterischen Produktion auch zu einem größern innern Gehalt zu verhelfen wußte, indem er ihr eine nationale Grundlage gab und sie auf die reiche Fundgrube der alten Nationalsagen hinwies. Namentlich übertrug er die unter dem Titel: "Bustânnâme" existierende Sammlung historischer Traditionen des persischen Volkslebens mehreren seiner Hofdichter zur Bearbeitung. Den Preis trug Unsurî (gest. 1039) mit seiner Bearbeitung der Sage von Suhrâb davon; später erneuerte er auch das alte Gedicht von "Wâmik and Asra" und besang seinen Gebieter in einer Kasside von 180 Distichen. Ein Schüler Unsurîs war Farruchi (s. d.). Das Größte in der nationalen Heldendichtung leisteten Dakîkî (s. d.) und Firdusi (s. d.). An das große Nationalepos des letztern, das "Schâhnâme", lehnten sich nachher viele andre Dichtungen aus denselben Sagenkreisen an, so das "Garshâspnâme", das "Dschahângirnâme", "Barsûnâme" u. a., die in Mohls Einleitung zu seiner Ausgabe des "Schâhnâme" genauer besprochen sind. In diese erste Periode fallen auch noch die Vierzeilen des berühmten Scheichs Abû Saîd Abulchair und Nâsir Chusraus tiefsinnige didaktische Gedichte (zum Teil herausgegeben und übersetzt von Ethé in der "Zeitschr. der Deutschen Morgenländ. Gesellschaft", Bd. 33, 34); ferner Menotschehri (gest. 1090; teilweise herausgegeben von Biberstein-Kazimirski, Versailles 1876). Unter dem Seldschukken Melikschâh (1072-1092) lebte der Dichterfürst Emir Muizzî, in der Kasside ein Muster für viele spätere Nachahmer. - Mit dem 12. Jahrh. Beginnt die zweite Periode (1106-1203), in welcher das nationale Element schon mehr zurücktritt, um einerseits dem panegyrischen Hofton Platz zu machen, anderseits in romantischen Stoffen aufzugehen. In ersterer Weise, als höfischer Panegyriker, that sich vor allen hervor Anwarî (gest. 1190). Der beste unter den ältesten mystischen Dichtern war Sanâi (gest. 1130 oder später), der in seinem "Ziergarten" ("Hadîka") die Geheimnisse des Wesens der Gottheit und der Menschheit zu durchdringen versuchte. Den Gegensatz zu ihm bildete der Satiriker Omar Chajjâm (gest. 1123; hrsg. von Nicolas, Par. 1867). In Anwarîs Art dichtete auch der gelehrte Chakânî Hakâïkî (gest. 1186 oder 1199; hrsg. von Salemann, Petersb. 1875), der am Hof des Fürsten von Schirwan, später am Hof Arslans lebte. Sein Zeitgenosse war Raschîd Watwât (gest. 1182), der Hauptgesetzgeber für die persische Metrik und Poetik. Der größte Glanz dieser Litteraturperiode ging aber aus von Nisâmî (s. d.). Seine Liebesgeschichten blenden nicht allein durch anmutige Phantastik, sondern spannen auch durch meisterhaft ersonnene und kunstvoll durchgeführte Verwickelungen und sprechen durch das rein menschliche Gefühl, das sich darin kundgibt, ebensosehr zu unserm Herzen wie zur Phantasie. - In der dritten Periode (1203-1300), welche historisch mit der Überschwemmung des Landes durch die Mongolen unter Dschengis-Chan zusammenfällt, wendet sich die poetische Thätigkeit mehr nach innen. Beschaulichkeit und theosophische Betrachtung herrschen vor, Mystik und Didaktik gelangen zur höchsten Blüte. Der Vorläufer der Hauptrepräsentanten dieser Richtung ist Ferîd eddin Attâr (s. d.), der nicht nur selbst eine Menge mystischer und ethischer Originalwerke schrieb,