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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Physiologie

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Physiologie.

den und den Industriellen lediglich Deckung der Produktionskosten und ihres Unterhaltsbedarfs je nach ihrer Lage zugestanden wird. - Der Kampf für wirtschaftliche und Handelsfreiheit hatte zu einer Zeit seine volle Berechtigung, in welcher eine Menge verkehrter und einseitig drückender Schranken der Entwickelung von Wirtschaft und Kultur im Weg standen. Allerdings ging man später, zumal bei Bearbeitung und Verbreitung der Smithschen Nationalökonomie in der Verfolgung des Prinzips laisser faire zu weit (Smithianismus). Anzuerkennen ist der von den Physiokraten zuerst wissenschaftlich begründete Gedanke, daß die Steuer nur von Überschüssen über die Kosten zu nehmen sei, Anerkennung insbesondere verdient der ethische Gehalt ihrer Bestrebungen und ihr Kampf gegen die zumal in den obern Kreisen herrschende Sittenlosigkeit des 18. Jahrh. Eine Sammlung physiokratischer Schriften gab Daire heraus in Guillaumins "Collection des principaux économistes" (Bd. 2, Par. 1846). Vgl. Kellner, Zur Geschichte des Physiokratismus (Götting. 1847).

Physiologie (griech.), die Lehre vom Leben oder von dem Komplex derjenigen Erscheinungen, welche den Organismen eigentümlich sind; Aufgabe der P. ist es, diese Erscheinungen auf ihre Gesetze zurückzuführen. Der Natur der Organismen nach zerfällt die P. in die Pflanzenphysiologie (Phytophysiologie, s. Botanik) und in die Tierphysiologie (Zoophysiologie); von den verwandten Gebieten der Botanik und Zoologie unterscheiden sich beide dadurch, daß sie erklärende, die andern aber nur beschreibende Naturwissenschaften darstellen. Auch die Beschreibung des Baues der lebenden Körper gehört nicht in das Gebiet der P., sondern bildet einen besondern Wissenszweig, die Anatomie. Man spricht von allgemeiner P. und von spezieller P.; erstere beschäftigt sich mit den allen lebenden Wesen eigentümlichen Erscheinungen, letztere beschränkt ihre Thätigkeit auf bestimmte Organismen, z. B. den Menschen, die Haustiere oder das gesamte Tierreich (vergleichende P.). Wie alle Naturwissenschaften, so ist auch die P. eine empirische oder Erfahrungswissenschaft; sie muß zunächst eingehend die Lebenserscheinungen beobachten, bevor sie nach den Ursachen derselben forscht. Als erklärende Wissenschaft zählt die P. zu den exakten Disziplinen und stellt eigentlich nur eine angewandte Physik, Chemie und Morphologie dar. Mit der Anwendung der Grundsätze der Mechanik, Akustik, Optik, Wärmelehre und Elektrizitätslehre auf den Organismus beschäftigt sich die organische oder medizinische Physik, während der physiologischen Chemie das weite Gebiet des Stoffwechsels mit der Aufgabe, die Elemente und die im Leben präexistierenden chemischen Verbindungen und deren Bildung und Wechselwirkung zu erforschen, zufällt. Charakteristisch für die P. aber ist es, daß sie die Lehren der Physik und Chemie zugleich unter Berücksichtigung der bis an die Grenzen des Erkennens beobachtete morphologischen Eigenschaften der lebenden Körper zur Anwendung bringt. Baut sich so die P. aus den exakten Naturwissenschaften auf, so gibt sie selbst wieder die Grundlage für zahlreiche Disziplinen ab. Die praktische Heilkunde ist zum großen Teil eine angewandte P.; die Elektrotherapie ist direkt aus der P. hervorgegangen, die Augenheilkunde ist allein durch die P. zu ihrem hohen Ansehen in der Gegenwart gelangt. Die Heilmittellehre hat nur wissenschaftlichen Wert, soweit sie bestrebt ist, die physiologische Wirkung der Arzneien zu erklären. Nicht minder liefert die P. der Gesundheitspflege die wissenschaftliche Grundlage. Die Psychologie würde nur den Wert einer rein spekulativen Disziplin besitzen, wäre die Empfindungslehre nicht durch die P. empirisch begründet. Von allen Wissenschaften bietet die P. die wichtigsten Mittel zur Selbstkenntnis und Menschenkenntnis, und ihre Bedeutung für die Kulturgeschichte, Pädagogik etc. ist gar nicht hoch genug anzuschlagen. Tier- und Pflanzenproduktion endlich, die wichtigsten Zweige der Landwirtschaft, finden ihr wissenschaftliches Fundament in der P. - Zur Erforschung der Lebenserscheinungen dienen der P. die Beobachtung und das Experiment. Gegenüber den verwickelte Lebenserscheinungen ist die Beobachtung allein ein durchaus ungenügendes Hilfsmittel, und die P. bedarf deshalb in ausgedehntem Maßstab des Experiments. Die bei letzterm in Anwendung kommenden Methoden sind vielfach die gewöhnlichen Methoden der Chemie und Physik, die allerdings für die speziellen Anforderungen der P. eine besondere Ausbildung erfahren haben. Hierneben finden aber auch chirurgische und anatomische Technik Anwendung (vgl. Vivisektion). Hinsichtlich des Wertes der Beobachtung sei noch bemerkt, daß die P. auch durch die Selbstbeobachtung und selbst durch die Beobachtung am Krankenbett wertvolle Aufschlüsse erhalten hat. Letzteres trifft namentlich für die P. des Gehirns zu; eine sorgfältige klinische Beobachtung, unterstützt durch eine eingehende Untersuchung der Leichen, vermochte regelmäßige Beziehungen zwischen bestimmten, anatomisch scharf begrenzten Teilen und vorher beobachtete Funktionsstörungen nachzuweisen und gestattete auf diesem Weg wichtige Schlüsse auf die Funktion von Körperteilen, die der experimentelle Forschung aus naheliegenden Gründen nicht direkt zugänglich sind. Bei der Unzulänglichkeit alles Wissens liegt es auf der Hand, daß eine Wissenschaft, die sich mit den höchsten Aufgaben, die der Menschengeist sich überhaupt stellen kann, mit der Erklärung der Lebenserscheinungen, beschäftigt, zur Zeit noch keinen irgend abgeschlossenen Bau aufweist, daß die P. vielmehr neben außerordentlich zahlreichen Thatsachen, deren Richtigkeit jederzeit durch logisch-mathematische Deduktion bewiesen werden kann, noch über bedeutende Lücken verfügt, die einstweilen nur durch Vermutungen ausgefüllt werden können. Die P. unterscheidet sich hierin nicht von andern exakten Wissenschaften, z. B. von der Physik oder Astronomie.

[Geschichtliches.] P. nannte man nicht zu allen Zeiten die Lehre von den Lebenserscheinungen. "Physis" heißt bei den Griechen nicht nur die wachsende, d. h. lebende Natur, sondern auch die Natur im Tod; P. ist deshalb vielfach gleichbedeutend mit Naturkunde überhaupt. Außerdem ist P. sowohl im Altertum als auch zu Beginn dieses Jahrhunderts für gleichbedeutend mit "Naturphilosophie" gehalten worden. Die P. im heutigen Sinn ist eine junge Wissenschaft. Fallen auch ihre Anfänge in die ältesten Zeiten der Naturphilosophie, so kann von einer P. als einer selbständigen Wissenschaft doch erst seit den Tagen die Rede sein, in denen die Naturwissenschaften durch Galilei und Newton ihre exakte Begründung erfuhren. Die ersten Anfänge der P. finden wir, wie die Anfänge der Medizin überhaupt, in Indien, China und Ägypten. Sie bestehen aus wunderlichen Spekulationen der Ärzte und Philosophen über das Leben; Achtung vor den Thatsachen und gründliche Beobachtungen der Lebenserscheinungen gehen dieser Periode ab. Nur Hippokrates (470-364) kann man das Verdienst zuschreiben, die wüsten Spekulationen der