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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Polen

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Polen (Geschichte bis 1831).

nur gezwungen, seine Zustimmung zu dieser zweiten Teilung Polens.

Die Häupter der nationalen Partei, Kosciuszko, H. Kolontaj, Ignaz Potocki u. a., waren vor den Russen nach Dresden entflohen, bereiteten aber von hier einen Aufstand vor. Der Widerstand des Generals Madalinski gegen die vom russischen General Igelström befohlene Entwaffnung der polnischen Armee brachte denselben im März 1794 zum Ausbruch. Kosciuszko übernahm als Diktator die Regierung Polens, bewaffnete das Volk, dem die Aufhebung der Leibeigenschaft versprochen wurde, siegte 4. April bei Raclawice und befreite Warschau und Wilna von den Russen. Aber nun brach unter den Polen selbst ein Zwist aus zwischen den Radikalen unter Kolontaj und der Adelspartei, welche die Aufhebung der Leibeigenschaft verhinderte. Infolgedessen erkaltete die Teilnahme des Bauernstandes, und Kosciuszko war nicht mehr im stande, der Übermacht der Preußen und Russen, denen sich schließlich auch die Österreicher zugesellten, die Spitze zu bieten. Bei Szczekociny wurde er 6. Juni von den Preußen, bei Zajonczek 8. Juni von den Russen geschlagen; Krakau fiel in preußische, Wilna 12. Aug. in russische Hände. In der Schlacht bei Maciejowice (10. Okt.) gegen den russischen General Fersen wurde Kosciuszko der Sieg durch das rechtzeitige Erscheinen Suworows entrissen und Kosciuszko selbst gefangen genommen. Während die Preußen das eigentliche Warschau links der Weichsel belagerten, erstürmte Suworow 4. Nov. das jenseitige Praga und hielt nach einem furchtbaren Gemetzel unter der Bevölkerung 8. Nov. seinen Einzug in Warschau. Der Rest der polnischen Armee streckte 10. Nov. bei Radoszyce die Waffen. Die Mächte verständigen sich 24. Okt. 1795 über eine völlige dritte Teilung, welche im Januar 1796 ausgeführt wurde. Preußen erhielt Podlachien und Masovien mit Warschau (38,500 qkm), Österreich Kleinpolen mit Krakau (46,000 qkm), Rußland Litauen (120,000 qkm). Der König Stanislaus August wurde nach Grodno verwiesen, wo er mit russischem Gnadengehalt bis zu seinem Tod (12. Febr. 1798) verblieb. Das polnische Reich hatte aufgehört zu bestehen.

Wiederherstellungsversuche und Aufstände.

Die Führer der Erhebung von 1794 waren in das Ausland, namentlich nach Frankreich, geflohen, und ihnen folgten zahlreiche Polen, welche 1797 unter Dombrowskis Führung in Italien die polnische Legion bildeten, die in demselben Jahr in den Diensten der Cisalpinischen Republik gegen die Österreicher kämpfte; im Krieg der zweiten Koalition 1798-1801 gesellte sich eine zweite Legion unter Kniaziewicz hinzu, und beide leisteten den Franzosen nützliche Dienste. Aber in jedem Friedensschluß wurden die Interessen Polens von Frankreich rücksichtslos preisgegeben und ein Teil der Legionen schließlich nach Haïti geschickt, wo sie sich in der Bekämpfung des Negeraufstandes aufrieben. Dennoch setzten die Polen auf Frankreich und Napoleon ihre Hoffnungen, und obwohl die preußische Herrschaft trotz ihrer kurzen Dauer und verschiedener Mißgriffe sich als durchaus segensreich, besonders für die niedern Stände, gezeigt hatte, wurde 1806 nach dem Sturz Preußens Napoleon bei seinem Einzug in Warschau (19. Dez.) als Befreier begrüßt. Nach dem Frieden von Tilsit wurde 21. Juli 1807 aus dem Preußen abgenommenen Teil Polens ein Großherzogtum Warschau gebildet, welches den König von Sachsen zum Oberhaupt erhielt und 1809 durch das von Österreich abgetretene Westgalizien mit Krakau vergrößert wurde. Doch konnte das neue Staatswesen bei den unaufhörlichen Wirren und Kriegen, in welche es sein Schöpfer verwickelte, nicht gedeihen, und nachdem beim Ausbruch des Entscheidungskriegs mit Rußland 1812 der Landtag eine "Konföderation" gebildet und die völlige Wiederherstellung Polens verkündet hatte, brach das Großherzogtum mit der Vernichtung der großen Armee wieder zusammen.

Das Schicksal Polens bildete eine der schwierigsten Fragen des Wiener Kongresses, um so mehr, da sie sich mit der sächsischen verquickte, indem Preußen nur Westpreußen behalten, dafür aber ganz Sachsen erwerben wollte, wogegen Österreich, England und Frankreich sich erklärten. Schließlich wurde 1815 eine vierte Teilung vorgenommen, indem Preußen Westpreußen und Posen, Österreich Galizien außer Krakau, welches als Freistaat belassen wurde, Rußland den Rest Polens, das "Königreich P." oder "Kongreßpolen", erhielt. Zum Schutz der polnischen Nationalität wurden in die Wiener Schlußakte einige unklare und undurchführbare Bürgschaften aufgenommen, welche bald in Vergessenheit gerieten. Doch gab Kaiser Alexander dem russischen P. 15. Dez. 1815 eine der französischen Charte von 1814 nachgebildet höchst freisinnige Verfassung, welche den Polen auch unter der Statthalterschaft eines russischen Vizekönigs, wie des Großfürsten Konstantin, ein selbständiges nationales Leben ermöglichte und namentlich in wirtschaftlicher Beziehung einen bedeutenden Aufschwung wirklich zur Folge hatte. Aber die radikalen Doktrinen der polnischen Demokraten (der "Roten"), der nationale Dünkel besonders des Adels (der "Weißen"), der den Verlust des im Grund gar nicht polnischen Litauen nicht verschmerzen konnte, endlich die Wühlereien der polnischen Emigranten ließen das Land nicht zur Ruhe kommen und veranlaßten schon seit dem Tod Alexanders I. (1825) Empörungsversuche. Die Julirevolution von 1830 gab das Signal zu einem allgemeinen Aufstand. Am 29. Nov. 1830 überfiel eine Rotte junger Militärs das Schloß des Großfürsten Konstantin, der nur mit knapper Not dem Meuchelmord entging, während einige seiner Generale niedergestochen wurden. Die völlig überraschten russischen Truppen verließen das Land, während die polnische Aristokratie unter Lubecki und Fürst Czartoryiski, nachdem sie sich durch einige Vertreter der Roten, Ostrowski und Lelewel, verstärkt hatte, den General Joseph Chlopicki zum Diktator ausrief, aber zunächst Verhandlungen mit dem Petersburger Hof begann. Der Zar Nikolaus schlug aber jede Unterhandlung aus und forderte Unterwerfung auf Gnade u. Ungnade, worauf der am 18. Jan. 1831 zusammengetretene Reichstag 25. Jan. das russische Kaiserhaus des Throns für verlustig erklärte und eine Nationalregierung unter dem Vorsitz des Fürsten Adam Czartoryiski einsetzte. Gegen die russische Armee unter Diebitsch errangen die Polen 14. Febr. unter Dwernicki bei Soczek ^[richtig: Stoczek] und unter Skrzynecki bei Dobre einige Vorteile und siegten 19. Febr. bei Grochow; doch unterlagen sie bei letzterm Ort 25. Febr., und als sie nach den siegreichen Gefechten bei Wawre, Dembewilki, Iganie (10. April) und Boreml (16. April) den Aufstand nach Podolien und Wolhynien verbreiten wollten, um die Russen im Rücken zu fassen, wurde General Dwernicki mit 25,000 Mann auf österreichisches Gebiet gedrängt und entwaffnet. Nach der entschiedenen Niederlage der Polen unter Skrzynecki bei Ostrolenka (26. Mai) verzögerte nur der Ausbruch der Cholera im russischen Heer, der auch