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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Preußen

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Preußen (Industrie in Stein, Erde, Glas, Chemikalien, Papierfabrikation etc.).

heraus. Maschinenfabriken gibt es gegenwärtig in allen Provinzen. Der Bau von Lokomotiven ward zuerst in Berlin (Borsig) in großem Umfang betrieben; gegenwärtig sind größere Lokomotivfabriken auch in Königsberg, Elbing, Stettin, Hannover und Kassel. In den meisten dieser Orte sowie noch in Görlitz, Breslau, Greifswald, Düsseldorf, Hagen, Köln, Deutz und Frankfurt a. M. sind auch Anstalten zum Bau von Eisenbahnwagen, bez. Teilen derselben, vorhanden. Die Fabrikation von Nähmaschinen ist in Berlin von höchster Bedeutung, sie kommt aber auch an andern Orten vor; Hamm in Westfalen produziert Dampfhämmer, Grevenbroich in der Rheinprovinz Prägmaschinen, Aachen und Berlin Feuerspritzen, Berlin, Magdeburg, Hannover Federmanometer, Berlin Gaszähler und Wassermesser. Der Bau von Luxuswagen hält die Konkurrenz mit Frankreich immer mehr aus. Für den Schiffbau sind Kiel, Flensburg, Stettin, Danzig, Elbing, Königsberg, Memel etc. wichtige Plätze; der Bedarf an Schiffen wird aber auf den heimischen Werften noch nicht gedeckt. Wissenschaftliche Instrumente werden in Berlin, Kassel, Aachen, Bonn, Wetzlar, Bielefeld, Frankfurt a. M., Göttingen, Halle, Rathenow, Muskau, Breslau und Brieg angefertigt; von größter Wichtigkeit ist das Telegraphenbaugeschäft von Siemens u. Halske in Berlin. Für Uhren besteht eine größere Fabrik zu Freiburg i. Schl. Für die Fabrikation von musikalischen Instrumenten (Flügeln, Pianinos) ist Berlin der wichtigste Platz im Staat; außerdem kommen noch namentlich Zeitz, Breslau und Kassel in Betracht. Auch Blasinstrumente werden mehrfach produziert, dagegen werden die Streichinstrumente größtenteils von außerhalb eingeführt.

Industrie in Stein, Erde, Glas, Chemikalien.

Die Fabrikation von gebrannten Steinen, Bauornamenten und Drainierröhren befindet sich im Fortschreiten; die Ziegeleien und Thonröhrenfabriken waren 1882 durch 10,653 Betriebe mit 94,345 Personen, die Töpfereien und Fabriken feiner Thonwaren durch 6251 Betriebe mit 21,972 Personen vertreten; zahlreiche Ziegeleien sind namentlich in Brandenburg, woselbst auch die Ringöfen die weiteste Verbreitung gefunden haben; große Kalkbrennereien zu Rüdersdorf bei Berlin, Gogolin in Oberschlesien, Lüneburg etc.; Gipsmühlen und Zementfabriken in den verschiedensten Teilen, Portlandzementfabriken bei Stettin, in Schlesien etc. Bekannt sind: die Fliesen und Mosaikarbeiten von Mettlach an der Saar, die Thonpfeifen und Krüge des Westerwaldes (Koblenzer Waren), die Thonpfeifen von Uslar in Hannover, die Tiegel von Großalmerode bei Kassel, die weißen Kacheln von Velten im Havelland, die Töpferwaren von Bunzlau. Die Porzellanfabrikation mit 351 Betrieben und 7587 Personen ist am bedeutendsten in Schlesien, dann folgen die Rheinprovinz und Brandenburg; die königliche Porzellanfabrik zu Berlin steht mit ihren vorzüglichen Leistungen als Versuchs- und Musteranstalt allen voran. Die Glasindustrie beschäftigte 1882 in 730 Betrieben 17,480 Personen, dazu kommen noch 36 Glasbläsereien vor der Lampe mit 84 und 19 Spiegelglas- und Spiegelfabriken mit 2898 Personen. Sie blüht besonders in der Rheinprovinz, Schlesien, Westfalen und Brandenburg; Tafelglas wird vorzüglich in der Rheinprovinz, Westfalen und Schlesien, Flaschenglas überall, weißes Hohlglas in der Rheinprovinz und der Lausitz, Spiegel werden in der Rheinprovinz, Schlesien und Hannover, Kunstgläser im Riesengebirge, Lampenglocken zu Baruth in Brandenburg verfertigt.

Schwefelsäure wird besonders in der Rheinprovinz und Schlesien erzeugt; die Bereitung von Soda und Chlor ist bedeutend; für die Kaliindustrie ist Staßfurt (nebst Aschersleben und dem angrenzenden Leopoldshall in Anhalt) ein Ort von höchster Wichtigkeit; durch dieselbe ist erst die Fabrikation von Kalidungmitteln geschaffen worden. Was die Fabrikation von Farben betrifft, so ist dieselbe in der Darstellung von Farben aus einheimischen Pflanzen sehr gering, bedeutender aus fremden, eingeführten Farbhölzern (in der Provinz Hannover). Unter den metallischen Farben nimmt an Größe der Produktion die Bleiweiß- und Zinkweißdarstellung einen hervorragenden Platz ein. Von hoher Bedeutung ist die Fabrikation von Ultramarin, Anilin und Alizarin in größern Anstalten in der Rheinprovinz und Hessen-Nassau. Mineralöle und Paraffin werden ganz besonders in den Braunkohlengebieten der Kreise Weißenfels und Aschersleben in der Provinz Sachsen gewonnen; Rüböl wird überall erzeugt, obgleich die Produktion desselben seit dem Aufkommen des amerikanischen und neuerdings russischen Petroleums erheblich abgenommen hat. Zündwaren liefern die Provinzen Schlesien, Sachsen und Hannover; für wohlriechendes Wasser ist Köln der Hauptproduktionsplatz; die Zahl der Gasanstalten betrug im J. 1885: 742.

Papier-, Leder-, Holz-, Textilindustrie etc.

Die Papierfabrikation ist am bedeutendsten in den Regierungsbezirken Aachen (in den Kreisen Düren und Jülich), Arnsberg (zu beiden Seiten der untern Lenne) und Liegnitz. In den übrigen Teilen des Staats sind die Papierfabriken weniger zahlreich, nicht selten aber von ansehnlicher Größe; die meisten der ehemaligen kleinen Papiermühlen sind eingegangen, dagegen hat sich die Fabrikation von Holzstoff als Surrogat zur Papierfabrikation in den waldreichen Gegenden ansehnlich entwickelt. Papiertapeten werden in Berlin und der Rheinprovinz, Dachpappen in den Regierungsbezirken Potsdam und Liegnitz, Spielkarten in Stralsund, Papierwäsche in Berlin, Geschäftsbücher in Hannover, Briefumschläge in Elberfeld, geschmackvolle Buchbinderwaren in Berlin, Striegau, Frankfurt a. M. etc. angefertigt. Die polygraphischen Gewerbe (Buchdruck, Buchhandel, Kartographie, Photographie) sind mehr oder weniger in den größern Städten vertreten und haben für den preußischen Staat in Berlin ihren Hauptsitz; für die Kartographie besteht eine größere Anstalt zu Glogau i. Schl. Die Fabrikation von Leder und Lederwaren ist am bedeutendsten in der Rheinprovinz (Malmedy), Westfalen (Siegen) und Hessen-Nassau (Eschwege), die Schuhmacherei in Berlin und einigen Städten der Provinzen Sachsen und Brandenburg (Kalau), die Anfertigung von Sattler-, Riemer- und Täschnerwaren in Berlin, Breslau, Aachen, Düsseldorf etc., von Ledergalanteriewaren in Berlin, Hanau etc. Für die Fabrikation von Gummi- und Guttaperchawaren bestehen große Anstalten in Berlin, Harburg und Hannover. Größere Dampf-Sägewerke findet man in den Gegenden, wo der Holzhandel eine Konzentration gewonnen hat, so bei Memel, am Finowkanal etc. Tischlerwaren und Möbel liefern in größerm Umfang die großen Städte, namentlich Berlin. Schnitzwaren aus Holz werden im Riesengebirge, Drechslerwaren in Berlin etc. und aus Bernstein in Danzig gefertigt.

Die Textilindustrie ist von größter Wichtigkeit und hat namentlich durch die neue Wirtschaftspolitik seit 1880 einen außerordentlichen Aufschwung genommen. Die Schafwollindustrie ist am bedeutendsten