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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Robespierre

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Robespierre.

ragendsten Männer der franz. Revolution, geb. 6. Mai 1758 zu Arras, besuchte, früh verwaist, durch die Gunst des Bischofs Conzié von Arras das Collège Louis le Grand zu Paris, widmete sich sodann dem Studium der Rechtswissenschaft und ließ sich in seiner Vaterstadt als Advokat nieder. Seine lebhafte Beteiligung an den litterarischen Bestrebungen bewirkte seine Ernennung zum Präsidenten der Akademie von Arras. 1789 als Deputierter von Arras in die Nationalversammlung gewählt, spielte er anfangs eine untergeordnet Rolle, da weder seine äußere Erscheinung noch seine rednerischen Leistungen ihn empfahlen. Seine extremen doktrinären Anschauungen riefen oft das Gelächter der Versammlung hervor. Er forderte Preßfreiheit, allgemeines Stimmrecht, Abschaffung der Sklaverei in den Kolonien, Aufhebung der Todesstrafe, Beseitigung der Privilegien des Klerus u. a., indem er die Vernunft als einzige Grundlage, die Tugend als Ziel jeder Staatsordnung hinstellte. Indes seine Unerschrockenheit und Zähigkeit und der ihn begleitende Ruf der Unbestechlichkeit verschafften ihm allmählich Achtung und Einfluß. Zugleich trat sein argwöhnischer, mißtrauischer Charakter hervor, namentlich in seinen Reden im Jakobinerklub, dessen Präsident er 1790 wurde. Das Königtum bekämpfte er seit der Flucht des Königs, den er fortan als Verräter betrachtete. Der verhängnisvolle Beschluß, daß kein Mitglied der Konstituierenden Versammlung in die Legislative gewählt werden dürfe, war sein erster großer parlamentarischer Erfolg. Nach dem Schluß der Konstituante (30. Sept. 1791) wurde R. einer der populärsten Revolutionsmänner. Er zog damals in die einfache Wohnung des Tischlers Duplay, dessen Tochter Lenore seine Geliebte wurde. R. wirkte als öffentlicher Ankläger beim Tribunal von Paris, welches Amt er jedoch im Mai 1792 niederlegte, und als Redner im Jakobinerklub. Kurze Zeit redigierte er den "Défenseur de la Constitution", der jedoch keinen Erfolg hatte. Bei den Wahlen zum Nationalkonvent war R. einer der ersten, welche aus der Wahlurne hervorgingen. Schon galt er als der Stimmführer der großen radikalen Partei, welche die Revolution bis zu allen ihren Konsequenzen durchzuführen entschlossen war, und war Haupturheber der Verurteilung u. Hinrichtung des Königs. Hierauf benutzte er seine einflußreiche Stellung zum Sturz der Gironde (Anfang Juni 1793) und nahm unter dem Eindruck des die Katastrophe begleitenden Schreckens als Präsident des Wohlfahrtsausschusses faktisch die Diktatur in die Hand. Jetzt in der Lage, sein Ideal, die Wiedergeburt der Gesellschaft und die Herrschaft der Tugend, zu verwirklichen, scheute er kein Mittel, dies zu erreichen; die blutige Vertilgung des alten verderbten Geschlechts, der Verräter und Verschwörer schien ihm vor allem notwendig. Doch verleiteten ihn sein Ehrgeiz und die Furcht, seine Popularität zu verlieren, oft zu Inkonsequenzen und zum Verrat an seinen Freunden. Ohne Widerstand zu finden, setzte er die neue Verfassung außer Geltung und erstickte 1793, indem er offen erklärte, daß, um ein neues goldenes Zeitalter der Freiheit heraufzuführen, Gewalt und Schrecken die Ordnung des Tags bilden müßten, den Widerstand der Parteien unter Blutströmen. Dann wandte er sich, um allein zu herrschen, gegen seine bisherigen Helfershelfer und brachte Hébert (24. März 1794), Danton und die Cordeliers (5. April) sowie Chaumette (13. April) auf das Schafott. Nun schien ihm niemand mehr bei Aufrichtung seiner Herrschaft im Weg zu stehen; die Würde und Machtbefugnis eines Hohenpriesters der demokratischen Idee war das Ziel seines ehrgeizigen Strebens. Den ersten Schritt zu dessen Erreichung bezeichnete seine Erklärung im Mai 1794, daß das französische Volk an ein höchstes Wesen glaube. Am 20. Prairial (8. Juni 1794) zeigte er sich in der Majestät einer priesterlichen Stellung, indem er vor den Tuilerien vor der versammelten Menge eine Rede zu Ehren des höchsten Wesens hielt. Als er aber auch jetzt mit den blutigen Schreckensmaßregeln fortfuhr und die im Juni eingeleitete Reorganisation des Revolutionstribunals 1285 Menschen dem Blutgerüst überlieferte, gab die Furcht seinen Gegnern und Rivalen Mut zu geheimer Verständigung, und so stieß R. im Wohlfahrtsausschuß auf unerwartete Opposition. Um einen vernichtenden Schlag auf seine Gegner zu führen, denunzierte R. 8. Thermidor (26. Juli 1794) in einer glänzenden Rede vor der Versammlung ein Komplott, welches auf Spaltung des Konvents hinarbeiten sollte. Die Rede ward schweigend vernommen; als aber Lecointre den Druck derselben beantragte, verlangte man vorher die Prüfung des Antrags durch die Ausschüsse. Am 9. Thermidor (27. Juli) ließen Robespierres Gegner ihn nicht zu Wort kommen. Tallien hielt eine feurige Anklagerede gegen ihn, und ein Mitglied wagte den Antrag auf Robespierres Verhaftung, die nebst der Couthons und Saint-Justs sofort dekretiert wurde. R. ward nach dem Luxembourg gebracht, vom Volk aber befreit und auf das Stadthaus geführt, wo inzwischen Robespierres gleichfalls durch Zufall befreite Genossen schon eingetroffen waren. Die Unschlüssigkeit und Unthätigkeit Robespierres lähmten jedoch die ihm anhängende Kommune, während der Konvent eine ungeahnte Energie zeigte und dem Oberbefehlshaber Barras den Befehl zum Angriff erteilte. Als dieser das Stadthaus stürmte, versuchte R., sich durch einen Pistolenschuß zu töten, zerschmetterte sich jedoch nur die Kinnlade. Er ward in die Conciergerie geschafft, von wo aus er 10. Thermidor (28. Juli) gegen 6 Uhr nachmittags mit 20 Genossen zum Schafott auf dem Eintrachtsplatz gefahren wurde. Als sein Haupt fiel, ertönte aus der Menge lautes Händeklatschen. Sein Sturz bezeichnete das Ende des Schreckensregiments, das für R. nur ein Übergang zur Erreichung seines Ideals sein sollte. Die Überhebung, ein widerstrebendes Geschlecht vertilgen zu wollen, war Robespierres Frevel; seine Intelligenz hatte einen beschränkten Gesichtskreis, sein Charakter war durch krankhafte Überreiztheit getrübt. Er war kein Staatsmann, aber ein glänzender Parlamentsredner. "OEuvres ^[Œuvres] choisies de Max. R." wurden von Laponneraye und Carrel (Par. 1832-42, 3 Bde.), in Auswahl von Vermorel (das. 1865) herausgegeben. Vgl. Tissot, Histoire de R. (Par. 1844, 2 Bde.); Lewes, Life and correspondence of R. (Lond. 1849); Hamel, Histoire de R. (Par. 1865-67, 3 Bde.); Héricaut, R. et le comité de salut public en l'an II (2. Aufl. 1877); Brunnemann, Leben M. Robespierres (Leipz. 1880); Schumm, M. Robespierre (Freiburg 1885).

2) Augustin Bon Joseph, jüngerer Bruder des vorigen, geb. 1764 zu Arras, wurde gleichfalls im Collège Louis le Grand zu Paris erzogen und war später Advokat in seiner Vaterstadt. 1792 in den Nationalkonvent gewählt, schloß er sich der radikalen Partei an und stand stets auf der Seite seines Bruders, ohne selbst eine hervorragenden Rolle zu spielen. Als Repräsentant des Volkes war er eine Zeitlang im südlichen Frankreich, dann als Kommissar bei der italienischen Armee thätig, wo er mit Bonaparte befreundet wurde. Am 9. Thermidor auf sein