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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Russell

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Russell.

waltung die Bestrebungen der Chartisten und Radikalen niederhielt. Nachdem das Ministerium im August 1841 zurückgetreten war, übernahm R. wieder die Führung der Opposition, unterstützte aber das Ministerium Peel in allen die Freiheit des Handels, die Verbesserung des Loses der arbeitenden Klassen und die Aufrechthaltung der Ruhe in Irland betreffenden Fragen. Nach Peels Rücktritt wurde R. im Juli 1846 als das anerkannte Haupt der Whigs mit der Bildung eines neuen Ministeriums beauftragt, in welchem er selbst den Posten eines Premiers und ersten Lords des Schatzes übernahm. Als R. sich aber im Dezember 1851 Palmerstons auf wenig rücksichtsvolle Weise entledigt hatte, ward die Stellung des Kabinetts von Tag zu Tag unhaltbarer, und Ende Februar 1852 trat die Whigverwaltung ab. Nach einer kurzen Regierung Lord Derbys trat er in Lord Aberdeens Koalitionsministerium (17. Dez.) zwar ohne Portefeuille, aber als ministerieller Leiter des Unterhauses ein. Am 21. Febr. 1853 übergab er das von ihm provisorisch verwaltete Portefeuille des Auswärtigen an den Grafen von Clarendon und übernahm nach dem Ausbruch des Kriegs mit Rußland das Präsidium des Geheimen Rats, schied aber 25. Jan. 1855, einige Tage vor dem Sturz der Koalitionsregierung, aus derselben. In dem neu eintretenden Ministerium Palmerston übernahm R. die Kolonialverwaltung und vertrat England im Februar auf den Wiener Friedenskonferenzen: Infolge der Angriffe, welche sein Verhalten hierbei erfuhr, trat er 13. Juli aus dem Ministerium aus. In dem am 18. Juni 1859 eingesetzten neuen Ministerium Palmerston übernahm er das Departement des Äußern und wurde 30. Juli 1861 als Graf R. zum Peer erhoben. Seine auswärtige Politik bewegte sich im ganzen in den Wegen Palmerstons: während des italienischen Kriegs begünstigte er die nationale Erhebung, ließ aber die Annexion Savoyens an Frankreich zu. Bei Gelegenheit des polnischen Aufstandes von 1863 erlitt er eine entschiedene Niederlage, indem die russische Regierung seine Noten, in denen er sich für Polen verwendete, einfach unberücksichtigt ließ; auch in dem amerikanischen Sezessionskrieg bot er seine Vermittelung an und ergriff 1864 in dem deutsch-dänischen Krieg entschieden für Dänemark Partei. Als Palmerston 18. Okt. 1865 starb, übernahm R. den Posten eines Premiers und überließ die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten dem Grafen Clarendon. In der nächsten Session legte Gladstone 12. März 1866 die neue Reformbill vor; allein dieselbe befriedigte nach keiner Richtung hin und stieß auf so heftigen Widerstand, daß R. 26. Juni d. J. seine Entlassung einreichte. Seitdem bekleidete R. kein Staatsamt mehr. Wie früher für die Reform des Unterhauses, so war er nun für die des Oberhauses thätig und brachte im April 1869 eine Bill ein, durch welche die Ernennung einer Anzahl von Peers auf Lebenszeit verfügt wurde; doch wurde dieselbe abgelehnt und nicht wieder erneuert. Er starb 29. Mai 1878; sein Erbe war sein Enkel John Francis Stanley, zweiter Earl R., geb. 12. Aug. 1865, Sohn des Viscount Amberley (geb. 1842, gest. 9. Jan. 1876). R. war bis in seine letzten Jahre einer der wenigen Whigs im alten Sinn, ein geistvoller, ehrlicher, offenherziger, für das Wohl seines Vaterlandes aufrichtig begeisterter Politiker; aber alle diese hervorragenden Eigenschaften konnten ihm, nachdem neue Parteibildungen der Politik der alten Whigaristokratie den Boden unter den Füßen weggezogen hatten, den frühern Einfluß nicht erhalten. Als Redner war R. weniger durch oratorischen Schwung als durch Klarheit der Gedankenentwickelung und gewandte Dialektik ausgezeichnet. Eine Auswahl seiner Reden erschien 1870 in 2 Bänden. Von Russells Schriften sind hervorzuheben: "Essay on the history of the English government and constitution" (Lond. 1821, neue Ausg. 1873; deutsch von Kritz, Leipz. 1825); "Memoirs of the affairs of Europe, from the peace of Utrecht to the present time" (Lond. 1824-29, 2 Bde.); "Essay on causes of the French revolution" (1832); die Biographie des Lord John R. (s. oben); sowie "Life and times of C. J. Fox" (das. 1859-67, 3 Bde.); besonders bedeutend ist seine letzte große Schrift "Recollections and suggestions" (1873, 2. Aufl. 1875; deutsch, Halle 1876), welche gleichsam als das politische Testament des greisen Staatsmanns gelten kann. Auch verfaßte er ein Trauerspiel: "Don Carlos" (1823), und gab Thomas Moores Briefe und Tagebücher (1852-56, 8 Bde.; kleinere Ausg. 1860), den Briefwechsel etc. von Fox (1853-57, 4 Bde.) heraus. Vgl. Wissens, Historical memoirs of the house of R. (Lond. 1833).

6) Odo R., Lord, s. Ampthill.

Russell, 1) John Scott, schott. Techniker, geb. 1808 als Sohn eines Geistlichen im Vale of Clyde, wurde auf den Universitäten von Edinburg, St. Andrews und Glasgow ausgebildet, arbeitete dann als praktischer Ingenieur, ging 1832 als Professor der Experimentalphysik nach Edinburg, erbaute dort mehrere kleine Dampfboote und übernahm darauf die Leitung eines großen Schiffbauetablissements in Greenock, von wo er 1844 nach London berufen wurde. Hier baute er nach neuen Prinzipien eine Anzahl großer Dampfer, mit Brunel den Great Eastern. Von R. rührt auch das für den Transport auf dem Bodensee adoptierte System von Trajektbooten und die großartige Rotunde des Wiener Ausstellungspalastes her. Er starb 10. Juni 1882 in London. R. schrieb: "Treatise on the steam engine" (Lond. 1841, neue Aufl. 1846); "The modern system of naval architecture for commerce and war" (das. 1865); "Systematic technical education" (das. 1869).

2) William Howard, engl. Journalist, geb. 28. März 1821 zu Lilyvale in der Grafschaft Dublin von englischen Eltern, studierte 1838-42 zu Dublin und erregte schon damals durch einige lebendig und humoristisch geschriebene Skizzen aus den stürmischen Wahlszenen von 1841 die Aufmerksamkeit der "Times", die ihn 1843 zu ihrem Reporter für die Parlamentssitzungen ernannte. 1854 bei Ausbruch des Krimkriegs ward er Spezialkorrespondent im englischen Hauptquartier. Er wohnte den Schlachten an der Alma, bei Balaklawa und bei Inkerman sowie der Belagerung Sebastopols bis zum Schluß bei, und seine Briefe an die "Times" (deutsch, Leipz. 1855) deckten schonungslos vielfache Übelstände in der englischen Armee auf. Eine Bearbeitung derselben erschien als "History of the Crimean war" (1855-57, 2 Bde.), dann vermehrt unter dem Titel: "The British expedition to the Crimea" (1857, neue Ausg. 1877). In gleicher Eigenschaft war er thätig bei der Krönung des Kaisers Alexander II. in Moskau, während des Aufstandes in Indien, 1866 im österreichischen, 1870-1871 im deutschen Hauptquartier und begleitete den Prinzen von Wales auf seinen Reisen nach dem Orient und nach Indien, während er von Amerika bald zurückkehrte, da er sich durch die Beschreibung der unglücklichen Schlacht von Bull-Run (21. Juli 1861) den Unwillen des Nordens zugezogen hatte. 1858 gründete er in London die "Army and Navy Gazette", deren Eigen-^[folgende Seite]