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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Russische Litteratur

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Russische Litteratur (Nationallitteratur im 18. und 19. Jahrhundert).

sich aber auch, wie fast alle Poeten jener Zeit, in andern Dichtungsarten. Ihm zur Seite als Dramatiker steht der talentvolle Jakow Knjashnin (1742 bis 1791), dessen letztes Drama jedoch von der Kaiserin Katharina II. verboten wurde, weil es die Vernichtung der Republik Nowgorod durch den moskowitischen Absolutismus darstellte. Als Knjashnin dieses Drama schrieb, war die große französische Revolution im vollen Gang, und die liberale Kaiserin, welche früher die Bewunderung Voltaires und der freisinnigsten Encyklopädisten hervorgerufen hatte, erschrak jetzt vor jeder freien Regung des Geistes.

Der Regierungsanfang Katharinas II. (1762) schien überaus günstig für die Entwickelung der Litteratur. Sie fand es für angemessen, die wichtigsten sozialpolitischen Fragen von der Litteratur berührt zu wissen, gründete eine Reihe von satirischen Blättern, unterstützte junge Talente und schrieb selbst Komödien, Novellen u. dgl. Noch 1783 erließ sie einen Ukas über die Zulassung freier Privatbuchdruckereien, um dadurch die Volksbildung zu heben. Zu derselben Zeit wirkten in Moskau Nikolai Nowikow (1744-1818) und dessen leider bald hingeschiedener Freund Johann Schwartz (erst seit 1776 in Rußland, gest. 1784) sehr förderlich für Litteratur und Bildung. Sie gründeten Druckereien, Bibliotheken, Buchhandlungen, Zeitschriften und den "Freundschaftlichen Verein von Gelehrten", welcher die talentvollsten und gebildetsten Leute in ganz Rußland zu Mitgliedern zählte. Die Wirkung war groß. Wenn vor Nowikow Moskau bloß zwei Buchläden besaß, welche für die Summe von 10,000 Rubel Bücher verkauften, so waren am Ende von Nowikows Thätigkeit 20 Buchhandlungen vorhanden, die jährlich für 200,000 Rub. Bücher in Umlauf setzten. Außerdem wurden zahlreiche Bücher (meist Übersetzungen) von Nowikow unentgeltlich im ganzen Reich verteilt. Die satirisch didaktischen Komödien der Kaiserin Katharina fanden einen meisterhaften Fortsetzer in Denis v. Wisin (gest. 1792), dem Verfasser der Stücke: "Muttersöhnchen" ("Nedorossl") und "Brigadier", worin die Sucht der Zeitgenossen, trotz innerer Geistesarmut europäisch gebildet zu scheinen und das Eigne zu vernachlässigen, scharf gegeißelt wird. Das bedeutendste poetische Talent jener Zeit offenbarte sich aber in dem Hofdichter Gabriel Dershawin (1743-1816), welcher die Zarin in seiner "Feliza" verherrlichte. Am berühmtesten ist seine Ode "An Gott", die in alle europäischen Sprachen übersetzt wurde, im übrigen aber mehr ein rhetorisches, nur hier und da mit Perlen echter Poesie geziertes Stück ist. Ein ungewöhnliches Talent ist Dershawin nicht abzusprechen, doch kam es wohl aus Mangel an guten Vorbildern und bei noch sehr unentwickelter Litteratursprache nicht recht zur Geltung; seine Lieder stehen dem Volk fern. In die Nowikowsche Gesellschaft, die von allen Seiten junge talentvolle Leute an sich zog, sie belehrte und zu ernster litterarischer oder sonstiger das gemeine Wohl fördernder Thätigkeit anleitete, trat auch der jugendliche Karamsin (1765-1826), dessen litterarisches Wirken epochemachend wurde. Zuerst mit Übersetzungen und Schriften für die Jugend beschäftigt, wurde er bald zu seiner weitern Ausbildung nach dem Westen Europas gesandt, und diese Abwesenheit förderte nicht nur in gewünschter Weise seine geistige Entwickelung, sondern rettete ihn persönlich auch von großer Gefahr, welche bald nach seinem Weggang über seine Moskauer Freunde hereinbrach. Katharinas früheres pseudoliberales System hatte sich in ein streng repressives verwandelt; die früher von ihr beförderten Privatdruckereien wurden geschlossen, die Einfuhr ausländischer Bücher untersagt und in den Residenzen wie in den Grenzstädten geistliche und weltliche Zensur eingerichtet. Die Nowikowsche Gesellschaft war schon vorher aufgehoben, Nowikow selbst aber eingekerkert worden. Sogleich nach der Rückkehr von seiner Reise (1790) veröffentlichte Karamsin seine berühmten "Briefe eines russischen Reisenden", aus denen ein ganz neuer Geist wehte. Bis dahin kannte man die europäischen Verhältnisse und großen Männer der Kunst und Wissenschaft nur vom Hörensagen aus mangelhaft übersetzten Büchern, und man hielt sich für europäisch gebildet, wenn man die Franzosen in ihrer Kleidung und pseudoklassischen Litteratur nachäffte. Jetzt führte Karamsin in seinen Briefen Natur und Gesellschaft des Westens in treuen und lebensvollen Schilderungen den Russen vor. Seine Beobachtungen, das persönliche Zusammentreffen mit den Koryphäen der europäischen Wissenschaft und Litteratur stellte den Leser sozusagen von Angesicht zu Angesicht mit dem, was er bis dahin sich nur unvollkommen vergegenwärtigen konnte. Dabei war die Sprache eine leichte und gefällige, glücklich kontrastierend mit der noch immer stark slawonisch gefärbten, schweren Schriftsprache. Karamsin gründete eine Monatsschrift: "Wesnik Jewropy" ("Der europäische Bote"), in welcher er litterarwissenschaftliche Mitteilungen machte und fortfuhr, seine Landsleute zu belehren. Wenn er auch oft über den Druck der Zensur klagt, so gelang es ihm doch nicht selten, dem Verbot der Verbreitung und Übersetzung fremder Werke zuwiderzuhandeln. Übrigens bildete sich eine starke konservative Partei gegen ihn mit Schischkow, dem Präsidenten der Akademie, an der Spitze, und es entbrannte ein Kampf, an dem sich alles beteiligte, in dem aber doch alle frischen Kräfte auf der Seite Karamsins standen. Durch letztern wurden die sentimentale Dichtung und das bürgerliche Drama in Rußland eingeführt und der Kampf gegen den Pseudoklassizismus eröffnet mit seiner Novelle "Rédnja Lísa" ("Die arme Lisa"), welche Tausende rührte und ganze Wallfahrten nach dem Orte der Handlung, unweit Moskau, veranlaßte. In ihm erhielt Rußland auch einen Geschichtschreiber, welcher zuerst die ganze Geschichte des Reichs nach den Quellen bearbeitete. Der Schwerpunkt seiner litterarischen Thätigkeit fällt in die Regierungsjahre Kaiser Alexanders I. und somit bereits in das 19. Jahrh., denn die kurze Dauer der Regierung Pauls war jeder geistigen Entwickelung noch mehr abhold als die letzte Zeit der Herrschaft Katharinas, so daß nach dem Ausdruck Karamsins mit der Thronbesteigung Alexanders "die Musen den lange getragenen Trauerflor endlich ablegen konnten". Karamsin zur Seite stand sein Jugendfreund Iwan Dmitrijew (1760-1837), der mit seinem Vorgänger Iwan Chemnitzer (1745-84) als Vorläufer Krylows in der Fabeldichtung zu betrachten ist. Als Tragödiendichter ist Oserow (1769-1816) zu nennen, der seine Helden französisch drapierte, wenn er auch hier und da zu deutschen und englischen Mustern griff. Als Dichter ungleich höher als Karamsin steht sein jüngerer Zeitgenosse Wasilij Shukowskij (1783 bis 1852), welcher sich noch in den litterarischen Kreisen Nowikows entwickelt hatte, viel mit Karamsin verkehrte und arbeitete, manche Lanze für ihn brach und, wie dieser die sentimentale Dichtung, so seinerseits die Romantik in Rußland einführte. Hat er auch, in das Studium der deutschen und englischen Dichter versunken, mehr diese übersetzt als selbstän-^[folgende Seite]