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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Russische Litteratur

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Russische Litteratur (Nationallitteratur im 19. Jahrhundert).

dig gedichtet, so verstand er doch überall sein persönliches, von unglücklicher Liebe genährtes Weh, sein Denken und Fühlen mit einzuverweben, so daß seine Poesien durchaus nicht als bloße Übersetzungen angesehen werden können.

Das 19. Jahrhundert.

Die Napoleonischen Kriege hatten auch in Rußland wie in Deutschland eine für das Nationalbewußtsein fördernde Wirkung; namentlich war der Zug des russischen Heers durch ganz Mitteleuropa bis nach Paris von großem Einfluß auf die bedeutende Zahl von gebildeten Russen, welche bei der Armee standen. Was Karamsin empfunden und durch seine Briefe dem lesenden Publikum kundgegeben hatte, konnte nun jeder an sich selbst erfahren. Auch kam die empfängliche Jugend mit neuem, von Humanität, Bildung und Freiheitsliebe erfülltem Geist ins Vaterland zurück und beeilte sich, durch dichterische Ergüsse und litterarisches Wirken ihrem Herzen Luft zu machen; denn auf dem Gebiet praktischen Wirkens war (ausgenommen in den Reihen des Büreaukratismus, welcher ihrem ganzen Streben naturgemäß zuwider war) für sie kein Platz. Kaiser Alexander I. war bei seinem Regierungsantritt selbst liberal gestimmt; er träumte von Verleihung einer Konstitution (zunächst freilich nur im Königreich Polen) und begrüßte mit Freuden die Freiheitsgedanken, die sich in der Litteratur kundgaben. Die begeisterten, von Freiheit und Fortschritt träumenden Männer bildeten Vereine und griffen in alle Gebiete der ethischen und sozialpolitischen Interessen ein. Der Dichter Rylejew (gest. 1826) gab diesen Bestrebungen den eigentlichen poetischen Ausdruck. Allein mit der durch den Einfluß des Metternichschen Systems auf Alexander I. bald eintretenden krassen Reaktion stieg die Unzufriedenheit. Bereits begann jetzt der Kampf der Regierung mit den Neuerern, welche trotz Zensur, Verbannung und Kerker gegen das nivellierende büreaukratische Prinzip kämpften, und nach der mißlungenen Revolte bei der Thronbesteigung des Kaisers Nikolaus trat bald die allgemeine Verfolgung ein. Rylejew starb durch den Strang, Bestushew (genannt Marlinski), Fürst A. I. ^[Alexander Iwanowitsch] Odojewskij u. a. endigten ihr Leben in der Verbannung in den Bergwerken Sibiriens oder im Kaukasus, zu gemeinen Soldaten degradiert. Neben der himmelstürmenden romantischen Muse Shukowskijs ertönte die klangvolle Leier des genußsüchtigen, mehr realistischen Batjuschkow (1787-1855), welcher nach der Rückkehr aus Westeuropa mit der siegreichen Armee, in seinem Vaterland schwer enttäuscht, dem Irrsinn anheimfiel. Wir erwähnen flüchtig Iwan Koslow (gest. 1840), den blinden Dichter des "Mönchs", A. F. Wojeikow (gest. 1839), den Verfasser der Satire "Das Irrenhaus", Iwan Gneditsch (gest. 1833), den Übersetzer der "Ilias", und heben nur noch Iwan Krylow (1768-1844) hervor, den ersten rein volkstümlichen Dichter, in dessen Fabeln sich der nationale Humor abspiegelt, welcher sich über die zeitgemäßen Erscheinungen auf dem Gebiet des sozialpolitischen Lebens äußert. Viele Ausdrücke aus seinen Schriften sind sprichwörtlich geworden, und an poetischem Wert überflügelt er alle europäischen Fabeldichter, Lafontaine nicht ausgenommen.

Diese Männer ebneten Alexander Puschkin (1799 bis 1837), dem größten russischen Dichter, den Weg; mit ihm beginnt die Periode der neuern Litteratur Rußlands. Puschkin trat zuerst als Romantiker auf. Die Napoleonischen Kriege gaben ihm Gelegenheit, patriotische Lieder anzustimmen, die er Shukowskij nachdichtete, welcher seinerseits unter dem Einfluß der deutschen Kriegsromantiker stand. Getragen von dem liberalen Zeitgeist, schrieb er, kaum dem Knabenalter entwachsen, seine "Ode auf die Freiheit", welche damals vom Kaiser Alexander mit Wohlwollen aufgenommen, später aber streng verboten ward. Schon einige Jahre darauf, nach den Kongressen von Aachen (1818), Troppau und Laibach, trat die Reaktion ein, und Puschkin, der sich inzwischen durch das romantische Poem "Rußlan und Ludmilla" wie durch Freiheitslieder und wohlgezielte Epigramme einen Namen erworben hatte, entging nur durch die Verwendung gewichtiger Männer der Verbannung nach Sibirien. Er wurde zuerst nach dem Süden, dann auf sein Landgut verwiesen und unter polizeiliche Aufsicht gestellt. Hier in der Einsamkeit reiften seine besten Werke. Er entsagte der Romantik; der lebensmüde Byronismus erfaßte ihn, aus welchem er jedoch durch die immer größer werdende Fühlung mit den Strömungen nationaler Bewegungen gerettet wurde. Gerade um jene Zeit fing man an, sich mehr mit der Volksdichtung zu beschäftigen. Die aufgefundene Sammlung der epischen Volkslieder (Bylína) von K. Danilow (hrsg. von Kalaidowitsch, 1818) erregte die Aufmerksamkeit der aufgeklärtern Forscher und Dichter. Es erschienen verschiedene Sammlungen, die bis in die Gegenwart mit großem Fleiß fortgesetzt werden (s. unten). Man findet diese Lieder in den verschiedensten Gouvernements zerstreut, besonders im Norden, wo, geschützt durch weite Einöden und Wälder, alter Glaube und Sitte sich frisch und unbeeinflußt erhalten haben. Eine Vereinigung der verschiedenen Gesänge zu einem Ganzen hat sich nicht vollzogen, wodurch sich das russische Volksepos vor dem der andern Völker auszeichnet; denn die Epen dieser sind bereits in litterarischer Bearbeitung auf uns gekommen, und die Kritik bemüht sich (wie bei der "Ilias" und dem "Nibelungenlied"), die ursprünglichen Lieder herauszufinden, während es bei den russischen Bylinen nur des Abtrennens der ältern Formen von den neuern Varianten bedarf. So wie sich das politische Leben Rußlands historisch um Kiew, Nowgorod und Moskau gruppiert, so auch die Sagenkreise. Die ältesten gehören der Kiewschen Epoche an, und der Hauptheld des Volkes, Ilja Muromez, ist zugleich der größte Held des Kiewschen Sagenkreises, dessen Helden den Fürsten Wladimir umgeben. Ilja ist Repräsentant des freien russischen Landmanns; er bleibt stets seinem Stande treu, verschmäht jeden Antrag von Fürstenwürde und sonstiger Erhöhung und rettet das von höchster Gefahr bedrohte Vaterland, als Fürst Wladimir ihn im Namen der Witwen und kleinen Kinder beschwört (vgl. Ilja von Murom). Neben ihm steht übrigens noch eine Reihe von Helden und Heldinnen mit ausgeprägter Charakterzeichnung.

Das gleichsam neu hinzugekommene Element der Volksdichtung, bis dahin vernachlässigt, übte seinen Einfluß auch auf die russische Kunstlitteratur und gab ihr zuerst durch Puschkin und die ihn umgebenden Dichter neue Kraft und eine neue Richtung. Jetzt erst verdient die russische Litteratur den Namen einer nationalen und erhält allmählich ein kulturelles, allgemein europäisches Grundgepräge. Seit dieser Zeit versuchen Geist und Talent der besten Dichter und Prosaiker die Strömungen des nationalen Wesens mit den vom Westen hereingedrungenen auszugleichen. Sie sind bestrebt, das Ideal eines den Erfordernissen Rußlands angemessenen Charakters zu zeichnen, und zwar suchen die einen das Ziel mehr durch Anlehnung an die westeuropäischen Litteraturen zu errei-^[folgende Seite]