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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Sardinien

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Sardinien (Insel).

sich der 1050 m hohe erloschene Vulkan Monte Ferru erhebt, der bis an die Westküste vordringt; in seinem Krater liegt das Dorf San Lussurgiu. Weiter nördlich, in dem zerrissenen Bergland an den Quellen des Temo, des Rio di Porto Torres und des Ozieri erheben sich zahlreiche kleinere trachytische Vulkankegel. Der südwestliche gebirgige Teil, der ebenfalls über 1000 m (Linas 1242 m) ansteigt, wird durch eine von NW. nach SO. ausgedehnte Tiefebene vom übrigen Gebirgsland getrennt; es ist das durch seine Fruchtbarkeit berühmte Campidano, das von Cagliari bis Oristano reicht. Eine andre kleine Tiefebene trennt im nordwestlichsten Teil die Gebirgsgruppe von La Nurra ab. Hier mündet an der Nordküste der Rio di Porto Torres, einer der wenigen Flüsse der Insel, deren Wasser im Sommer nicht ganz versiegt. Die bedeutendsten der zahlreichen Flüsse und Bäche sind: der Flumendosa (Saprus), der am Gennargentu entspringt und an der Ostküste ins Meer fällt, der Coghinas an der Nordküste, der Tirso und Temo im Westen und der Samassi im Süden.

S. hat ein mildes Klima; die Mitteltemperatur des Jahrs beträgt in den Küstenlandschaften 17-18° C., die des Winters 11° C., des Sommers 24° C., und bei der vom Meer und den zahlreichen Flüssen hinreichend feucht erhaltenen Luft ist die Vegetation eine reiche und üppige. Es gedeihen alle Kulturgewächse der südlichen Mittelmeerländer, die Zwergpalme ist heimisch und häufig, auch der Dattelpalme begegnet man nicht selten, und Agrumen finden sich, im großen gezogen, bei Milis nördlich von Oristano in ganzen Wäldern. Auch der Ölbaum gedeiht vortrefflich (1885 Ertrag 35,160 hl Olivenöl), ebenso der Weinstock, der den spanischen ähnliche Weine liefert (1886: 767,900 hl). An Weizen wurden 1886: 782,000, an Gerste 1885: 288,216, an Hülsenfrüchten 1883: 54,028 hl geerntet. Doch steht die Bodenkultur auf niederer Stufe, Gestrüpp oder Unland, im günstigen Fall Wald (5980 qkm) bedeckt die im Altertum angebaut gewesenen Striche. Dieser Rückgang der Bodenkultur und die Vernachlässigung der Wasserläufe, welche zu Anfang des Sommers zu stagnieren beginnen, haben S. außerordentlich ungesund gemacht: es herrscht die Malaria im Sommer nicht nur an den Küsten und in den Ebenen, sondern bis in die Gebirge und bringt den Fremden große Gefahr, während die Eingebornen sich durch Bekleidung mit Schafpelzen auch im Sommer zu schützen wissen. Ehedem war der größte Teil des Bodens der Insel lehnbares Besitztum und mit einer Unzahl von Steuern und Lasten überbürdet, unter denen der Wohlstand der bäuerlichen Bevölkerung erlag. Diese Lehen wurden seit den 30er Jahren von der Regierung abgelöst. Die Tierwelt hat manches Eigentümliche. Der Muflon, Wildschweine und Hirsche sind in den Bergwäldern nicht selten. Viehzucht beschäftigt einen Teil der Bewohner, namentlich die Zucht grobwolliger Schafe, deren man 1881: 844,851 zählte, und die man hauptsächlich zur Käsebereitung benutzt, daneben die Zucht von Rindvieh (279,438 Stück), Ziegen (261,531) und Pferden (1876: 64,801). Thun- und Korallenfischerei an der Nord- und Südwestküste sind sehr ergiebig. Der Bergbau, dessen Zentrum Iglesias ist, liefert namentlich Bleierze (1881: 436,000 metr. Ztr.), metallisches Blei (16,000 metr. Ztr.), Zinkerz (924,600 metr. Ztr.), Eisenerz (126,400 metr. Ztr.), Silber, Mangan u. Braunkohlen. Sehr bedeutend (an 2 Mill. metr. Ztr.) ist der Ertrag der Salzgärten an den Küsten.

Die Einwohnerzahl betrug 1881: 682,002 und hat gegen 1861, wo man 588,064 Seelen zählte, um 18,7 Proz. zugenommen (sie wurde Ende 1887 auf 723,833 Seelen berechnet). Dennoch kommen auf 1 qkm erst 29 Einw. (in ganz Italien 99). Die Sarden sind ein Gemisch von verschiedenen Völkerschaften, nähern sich aber ihrem Wesen nach mehr den Spaniern, mit denen sie ja auch lange politisch vereinigt waren, als den Italienern. Italienisch wird auch nur in den großen Städten gesprochen. Die Volksdialekte weichen stark voneinander ab, einige derselben liegen dem Spanischen, namentlich aber dem Lateinischen nahe. Der Sarde ist fast noch Naturmensch, von mittlerer Größe, regelmäßig gebautem, schlankem, aber kräftigem Körper, ruhig und gemessen, oft melancholisch in seinem Wesen, wie sich dies namentlich in seiner Volkspoesie ausprägt. Gastfreiheit wird heilig gehalten, aber auch die Blutrache ist noch nicht völlig verschwunden. Ein lederner Rock und ein Ziegen- oder Schafpelz sind die wichtigsten Stücke der Nationaltracht. Von großem Interesse sind merkwürdige, noch ungenügend erklärte Altertümer, die sogen. Nurhags (s. d.), 10-20 m hohe Steinkegel mit mehreren Kammern übereinander. Es sind deren noch immer gegen 3000 vorhanden. Um die Volksbildung ist es noch schlecht bestellt; 83 Proz. der Gesamtbevölkerung können weder lesen, noch schreiben. Auch die Wissenschaften liegen trotz der zwei Universitäten (zu Cagliari und Sassari) ganz danieder. Industrie existiert bei den geringen Bedürfnissen der Sarden kaum, nur die Tabaksindustrie ist etwa zu nennen. Der Handel ist trotz der günstigen Lage und der trefflichen Seehäfen der Insel unbeträchtlich. Die Hauptgegenstände der Ausfuhr sind: Blei-, Eisen- und Zinkerz, Seesalz, Käse, Wein, Häute, Vieh, Thunfische, Holzkohle, Getreide, Ölsaat etc.; die der Einfuhr: Kaffee, raffinierter Zucker, Petroleum, Seife, Baumwoll- und Wollwaren, Bauholz, Eisenwaren, Steinkohlen u. a. Der Schiffsverkehr belief sich 1886 in sämtlichen 16 Häfen der Insel (worunter die wichtigsten Cagliari, Carloforte, Terranova, Porto Torres und La Maddalena) auf je 5967 handelsthätig ein- und ausgelaufene Schiffe mit 1,186,787 Ton. Das bereits 1863 konzessionierte Eisenbahnnetz besteht gegenwärtig aus der Hauptlinie Cagliari-Sassari-Porto Torres mit den Abzweigungen Decimomannu-Iglesias u. Chilivani-Terranova-Olbianova (zusammen 427 km). In administrativer Beziehung zerfällt S. in 2 Provinzen: Cagliari und Sassari (s. d.). In kirchlicher Beziehung begreift die Insel 3 Erzbistümer (Cagliari, Oristano und Sassari) mit 8 Bistümern. Hauptstadt ist Cagliari.

Geschichte der Insel Sardinien.

Die ältesten Einwohner von S., die Sarden, waren vermutlich iberischen Stammes und wegen ihrer Bosheit und Trägheit berüchtigt (daher Sardi venales, feile Sarden). Die ersten fremden Ansiedler waren die Etrusker, seit dem 6. und 5. Jahrh. v. Chr. die Karthager, deren bedeutendste Niederlassungen Caralis (jetzt Cagliari) und Sulci auf einer Insel im Südwesten waren. Die Griechen gründeten Neapolis an der West- und Olbia an der Nordostküste, konnten aber ihre Unabhängigkeit gegen die Karthager nicht behaupten. Von den empörten karthagischen Mietstruppen zu Hilfe gerufen, landeten 240 die Römer auf der Insel und eroberten Olbia. Gajus Sulpicius schlug später eine vor S. stationierte karthagische Flotte und eroberte während des karthagischen Söldnerkriegs den größten Teil der Insel (238). Die Insel bildete fortan, mit Corsica vereinigt, eine römische Provinz. Aber erst um 120 gelang es den Römern, die Insel völlig zu unterwerfen. Im J. 40 ward die Insel von Menas, dem Freigelassenen