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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Sardinische Monarchie

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Sardinische Monarchie (Geschichte 1748-1823).

die Dauphiné und Provence ein Einfall gemacht. Im Aachener Frieden 1748 ward ihm hierauf alles bewilligt, was Österreich versprochen. Auch um die Hebung der innern Zustände seiner Lande bemühte sich Karl Emanuel, so durch Anlegung von Kanälen, Abschluß eines Handelsvertrags mit Mailand (1752) und Einführung des Corpus Carolinum, einer revidierten Sammlung der früher erlassenen allgemeinen Gesetze für Zivil- und Kriminalrecht, mit subsidiarischer Geltung des römischen Rechts. Er besteuerte die geistlichen Güter, besetzte alle Stellen selbst und unterwarf die päpstlichen Bullen seiner Bestätigung.

Ihm folgte 1773 sein Sohn Viktor Amadeus III., unter dessen Regierung die meisten Schöpfungen seines Vaters wieder verfielen. Der von diesem gesammelte Schatz wurde zwecklos vergeudet und dem Land noch eine Schuldenlast von 100 Mill. Frank aufgebürdet. Die große Armee diente nur zur Parade. Als Schwiegervater der Brüder Ludwigs XVI. von Frankreich begünstigte der König während der französischen Revolution die Emigranten und lehnte ein Bündnis mit Frankreich ab, worauf ihm dieses 15. Juli 1792 den Krieg erklärte. Ohne Widerstand wurden Savoyen und Nizza von den Franzosen besetzt und der französischen Republik einverleibt. Zur Wiedererlangung seiner Lande schloß Viktor Amadeus nun mit England einen Subsidienvertrag, und nachdem es ihm gelungen, ein Heer von 50,000 Mann aufzustellen, wurden die Franzosen zurückgedrängt. Allein schon 1794 drangen sie aufs neue durch die Gebirgspässe, und obgleich sie mit Hilfe der Österreicher 1795 abermals zurückgeworfen wurden, so rückten Schérer und Kellermann mit zwei Kolonnen wiederum ein, schlugen 22. und 25. Nov. die Heere der Österreicher und Sardinier und bezogen Winterquartiere. Nachdem 1796 Bonaparte den Oberbefehl über das französische Heer übernommen und bei Montenotte und Millesimo die verbündeten Heere fast vernichtet hatte, schloß Viktor Amadeus 26. April zu Cherasco einen Waffenstillstand und 15. Mai den Frieden von Turin, in welchem er Savoyen und Nizza an Frankreich abtrat. Er starb 16. Okt. 1796 und hatte seinen Sohn Karl Emanuel II. (IV.), einen bigotten, engherzigen Fürsten, zum Nachfolger. Derselbe befand sich ganz in den Händen der französischen Generale, mußte denselben in einem Vertrag vom 28. Juni 1798 alle seine Festungen einräumen und verzichtete, als das Direktorium ihm trotzdem den Krieg erklärte, 9. Dez. gegen freien Abzug von Turin auf seine festländischen Besitzungen. Er begab sich nach der Insel Sardinien, wo er in Cagliari seine Residenz aufschlug, trat 4. Juni 1802 die Krone an seinen Bruder Viktor Emanuel I. ab und starb als Jesuit 1819 in Rom. Zivilbehörden und Militär wurden nun völlig nach französischem Zuschnitt umgeformt. Am 11. Sept. 1802 erfolgte die förmliche Vereinigung Piemonts mit Frankreich und seine Einteilung in sechs Departements. Erst durch den Sturz Napoleons I. 1814 kamen die sardinischen Lande wieder unter ihren ehemaligen Herrscher zurück und wurden noch durch das Herzogtum Genua und die Souveränität über Monaco vermehrt. Zu gleicher Zeit wurde auf dem Wiener Kongreß die Erbfolge dahin geregelt, daß nach dem Erlöschen des regierenden Mannesstamms die von Thomas Franz, dem jüngern Sohn des Herzogs Karl Emanuel I., gestiftete Linie Savoyen-Carignan zum Thron gelangen sollte.

Am 14. Mai 1814 hielt Viktor Emanuel seinen Einzug in Turin. Er selbst, gutmütig, aber beschränkt, kümmerte sich nicht viel um die Regierung; um so eifriger aber waren sein Beichtvater, der Abbé Botta, und die Königin Maria Theresia, eine Österreicherin, bemüht, die alten Zustände wiederherzustellen und alles, was in den 16 Jahren 1798-1814 geschehen war, auszurotten. Die Jesuiten wurden zurückberufen und die Inquisition wieder eingeführt, neue Klöster erstanden; die Waldenser und übrigen Protestanten sowie die Juden wurden aufs äußerste beschränkt, die alte Rechtspflege ward wieder eingeführt und dabei das Volk durch hohe Abgaben und Zölle völlig ausgesogen. Einem bestimmten, Österreich gegebenen Versprechen zufolge wurde dem Land keine Verfassung verliehen. Die französische Herrschaft hatte jedoch den politischen Ansichten, vorzüglich der gebildetern Stände, eine liberale Richtung gegeben, der selbst der Adel nicht fern blieb. Daher ward die Gärung bald allgemein, und eine Zweigverbindung der Karbonari bildete eine Verschwörung zur Proklamierung der spanischen Konstitution, in die selbst der Prinz Karl Albert von Savoyen-Carignan, der präsumtive Nachfolger des Thronerben Karl Felix, verwickelt war. So wurde die piemontesische Revolution vorbereitet. Am 10. März 1821 erhoben sich die Verschwornen zu Alessandria, Pignerol und Vercelli und proklamierten die spanische Konstitution und das Reich Italien. Am 11. März zogen sie in Turin ein, wo sie jubelnd empfangen wurden. Entmutigt entsagte der König in der Nacht des 13. März zu gunsten seines Bruders Karl Felix dem Thron, ernannte den Prinzen von Carignan zum Regenten bis zu dessen Ankunft aus Modena, wo er sich aufhielt, und begab sich nach Nizza. Der Prinz proklamierte, die Trikolore in der Hand, die Annahme der spanischen Konstitution. Eine "im Namen des Königreichs Italien" handelnde einstweilige Giunta sowie ein neues Ministerium wurden sogleich gebildet, die Errichtung einer Nationalgarde dekretiert, und Karl Albert leistete der Verfassung sowie dem König Karl Felix den Eid der Treue. Der neue König erließ jedoch 16. März ein Manifest, in dem er jede Verfassung ablehnte und erklärte, daß er im Notfall Österreichs und Rußlands Intervention anrufen werde. Bereits 19. März gab Karl Albert die liberale Sache auf und verließ Turin, und 7. April überschritten 20,000 Österreicher unter Bubna den Ticino. Eine kleine Schar Truppen, welche der Konstitution anhingen, wurde 8. April bei Novara nach tapferer Gegenwehr geworfen; 10. April besetzte della Torre mit königlichen Truppen die Hauptstadt, und Bubna rückte 11. April vor Alessandria, welches sich ebenfalls unterwarf. Unter dem Schutz der österreichischen Bajonette, welche bis 1823 im Land blieben, begann nun die vollständigste Reaktion. Durch Hochverratsprozesse ohne Zahl wurden alle bei der Revolution nur einigermaßen Beteiligten verfolgt; die Jesuiten wurden zurückgeführt, und die Beförderung von Beamten ward von der strengsten Beobachtung der kirchlichen Zeremonien abhängig gemacht. Ein königliches Edikt von 1825 erlaubte unter anderm das Lesen- und Schreibenlernen nur denen, die ein Vermögen von 1500 Lire aufweisen konnten. Karl Felix starb 27. April 1831, und mit ihm erlosch der Mannesstamm der regierenden Linie.

Nach den Bestimmungen des Wiener Kongresses folgte ihm Karl Albert, Prinz von Savoyen-Carignan, der, nachdem er die Umkehr seiner Gesinnung dadurch bekundet hatte, daß er den Feldzug des Herzogs von Angoulême gegen Spanien 1823 mitmachte, als Statthalter nach Sardinien geschickt worden war und nach seinem Regierungsantritt durchaus das