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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Schädelkultus; Schädellehre

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Schädelkultus - Schädellehre.

kann ein S. durch die angelegte Zange oder den Kranioklasten entstehen. Durch Schlag oder Sturz auf den Kopf bricht gewöhnlich zuerst das Schädeldach, jedoch zuweilen auch die Basis allein, und der Sprung setzt sich auf das Keilbein oder die Felsenbeine bis zum Dach hin fort. Bei Brüchen dieser Art zerreißen Blutgefäße an der Basis, es blutet aus Rachen, Nase und Ohr zuweilen sehr heftig. Die Größe der Gefahr hängt beim S. ab von der Menge von Blut, welche in die Schädelkapsel ergossen wird, da z. B. bei Zerreißung der mittlern Arterie der harten Hirnhaut nicht selten selbst bei einem an sich kleinen S. der Tod durch Gehirndruck (s. d.) eintreten kann. Meistens erfährt auch das Gehirn eine direkte Quetschung (contusio cerebri) mit Blutaustritt; wenn Heilung erfolgt, so wandeln sich diese an der Oberfläche gelegenen Stellen in braune Narben (plaques jaunes) um. S. Gehirnerweichung.

Schädelkultus, s. Kopfjagden.

Schädellehre (Kraniologie), die Lehre vom menschlichen Schädel in anthropologischer Hinsicht, wurde nach dem Vorgang von Camper, Blumenbach, Prichard, Geoffroy Saint-Hilaire, Spix, Morton u. a. von Retzius begründet, welcher, auf die Profilbildung des Gesichtsschädels u. die Form des Hirnschädels gestützt, eine Klassifikation der Schädel erreichte, die, vielfach modifiziert, fast sämtlichen neuern Systemen zu Grunde liegt. Camper fand ein Maß für die Bestimmung des mehr oder weniger starken Hervorspringens der Mundpartie über das Stirn- und Obergesichtsprofil in gewissen Gesichtslinien (s. d.), und Prichard nannte die Schädel, deren Mundpartie infolge der schrägen, nach vorn gerichteten Stellung der Zähne, bez. Kiefer schnauzenartig vorspringt, prognath im Gegensatz zu den orthognathen. Indem Retzius diese Bezeichnungen annahm, benutzte er, um die Form der Schädelkapsel mathematisch auszudrücken, das Verhältnis zweier Durchmesser derselben, eines größten Längsdurchmessers, von der Unterstirn bis zum hervorragendsten Punkte des Hinterhaupts gezogen, und eines Breitendurchmessers, nämlich die größte Breite der Schädelkapsel senkrecht zur Länge gemessen. Beide Maße lassen sich bei der Betrachtung des Schädels von oben gleichzeitig überblicken und vergleichen und lassen, je nachdem die Länge die Breite mehr oder weniger übertrifft, die Form der Schädelkapsel bald mehr längsoval, bald annähernd kreisförmig erscheinen. Als Längen-Breitenindex (I) des Schädels bezeichnet man das Verhältnis beider Maße zu einander, das Längenmaß = 100 gesetzt (L:Br = 100:I, I = (Br × 100) / L).

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In dieser Weise unterschied Retzius Langschädel oder Dolichokephalen und Kurzschädel oder Brachykephalen und gelangte unter Mitbenutzung des Gesichtswinkels zu vier Gruppen: ortho- und prognathe Dolichokephalen und ortho- und prognathe Brachykephalen. Welcker und Broca fixierten noch eine Mittelgruppe zwischen Dolicho- und Brachykephalen, nämlich die Orthokephalen (W) oder Mesokephalen (Br). Die spätern Systeme charakterisieren sich wesentlich durch die eigenartige Messung der Hauptdurchmesser und durch die der Messung zu Grunde gelegte Aufstellung des Schädels, die sogen. Horizontale. Man versteht darunter diejenige Haltung des Schädels, welche der lebende stehende Mensch bei Betrachtung des natürlichen Horizonts einnimmt, wobei die Augenachsen horizontal gerichtet sind. Je nach der gewählten Aufstellung des Schädels muß das Messungsergebnis gewisser Durchmesser, namentlich der Höhe, ein sehr verschiedenes sein. Die gebräuchlichsten Horizontalen sind: 1) der Plan alvéolo-condylien Brocas, eine Ebene, welche durch den vorstehendsten Punkt der untern Fläche der Gelenkfortsätze des Hinterhauptsbeins nach dem untern Rande des Alveolarfortsatzes des Oberkiefers zwischen den Schneidezähnen geht (französisches Meßverfahren); 2) die sogen. Göttinger Horizontale, durch den obern Rand des Jochbogens gehend; 3) Jherings Horizontale: unterer Augenhöhlenrand, Mitte der äußern knöchernen Ohröffnung; 4) deutsche Horizontale (1877 vereinbart und von fast allen deutschen Anthropologen angenommen): oberer Rand der knöchernen Ohröffnung, senkrecht über der Mitte und tiefste Stelle der untern Kante des Augenhöhlenrandes (Fig. 1 h h). Die Hauptmaße nach der sogen.

^[Abb.: Fig. 1. Mesokephaler Schädel in der Seitenansicht (Norma lateralis)]

^[Abb.: Fig. 2. Langschädel in der Seitenansicht]

^[Abb.: Fig. 3. Der mesokephale Schädel, von oben gesehen (Norma verticalis)]

^[Abb.: Fig. 4. Der mesokephale Schädel in der Vorderansicht (Norma frontalis)]