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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Schädellehre; Schädeltheorien

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Schädellehre - Schädeltheorien.

Frankfurter Vereinigung lassen Fig. 1-4 erkennen. Aus der Vergleichung der entsprechenden Maße ergeben sich dann folgende Indices:

100 × Breite : (geteilt durch) Länge = Längenbreitenindex,

100 × Höhe : Länge = Längenhöhenindex,

100 × Gesichtshöhe : Jochbreite = Jochbreitengesichtsindex,

100 × Obergesichtshöhe : Jochbreite = Jochbreitenobergesichtshöhenindex,

100 × Augenhöhlenhöhe : Augenhöhlenbreite = Augenhöhlenindex,

100 × Nasenöffnungsbreite : Nasenhöhe = Nasenindex,

100 × Gaumenbreite : Gaumenlänge = Gaumenindex.

Eine internationale Vereinigung über Gruppeneinteilung und Bezeichnung der Schädelindices vom J. 1886 teilt die Schädel in folgender Weise ein:

1) Dolichokephale Hauptgruppe:

1. Gruppe: Index 55,0-59,9

2. " " 60,0-64,9 Ultra-Dolichokephalie

3. " " 65,0-69,9 Hyper-Dolichokephalie

4. " " 70,0-74,9 Dolichokephalie.

2) Mesokephale Hauptgruppe:

5. Gruppe: Index 75,0-79,9 Mesokephalie.

3) Brachykephale Hauptgruppe:

6. Gruppe: Index 80,0-84,9 Brachykephalie

7. " " 85,0-89,9 Hyper-Brachykephalie

8. " " 90,0-94,9 Ultra-Brachykephalie

9. " " 95,0-99,9.

Außer den angeführten Maßen werden noch allgemein die den Schädelumfang betreffenden Maße (Sagittal-, Horizontal-, Querumfang) und zwar mit dem Bandmaß genommen.

Die Kapazität, d. h. der Rauminhalt der Schädelhöhle, gestattet vergleichsweise wichtige Schlüsse auf die Größe des Gehirns und ist daher ebenfalls Gegenstand der Bestimmung. Zur Ausführung füllt man Sand, Hirse, Kanariensamen, Schrot durch das Hinterhauptsloch in den Schädelraum ein und bestimmt die Mengen dieser Substanzen durch Ausgießen in einem Maßcylinder. Die Fehlerquellen dieser Methoden sind bedeutend, und ein Vergleich der auf verschiedene Weise gewonnenen Zahlen ist nicht ohne weiteres statthaft. Für die europäische Bevölkerung nimmt man als Maximum 1800-2000 ccm, als Minimum 1000-1100 ccm Schädelinhalt an. Nach Welcker haben die germanischen Völker, die Kelten, Romanen, Griechen eine mittlere Kapazität von 1400-1500 (ähnlich auch die Slawen), die semitischen und hamitischen Völker 1250-1470 (obenan Juden, Araber), die Mongolen 1320-1490, die Malaien 1350-1450, die Papua 1370-1460, die Australier 1320, die Neger 1300-1400 (Buschmänner nur 1244), die vorderindischen Völker 1260-1370, die Amerikaner 1300-1450 ccm. Die Kapazität des weiblichen Schädels ist im allgemeinen geringer als die des männlichen. Endlich scheint die Schädelkapazität im direkten Verhältnis zu der mittlern Körpergröße der Völker zu stehen.

Die gebräuchlichsten Meßinstrumente sind: der Virchowsche Stangenzirkel, der Tasterzirkel, das Bandmaß. Das Spengelsche Kraniometer ermöglicht die Bestimmung der Höhe, Breite und Länge sowie des Profilwinkels zu gleicher Zeit mit Rücksicht auf eine bestimmte Horizontale. Rankes Goniometer dient gleichen Zwecken. Eine sehr wichtige Rolle spielt die bildliche Darstellung der Schädel, in erster Linie durch gute Photographien und durch das geometrische Verfahren Lucäs. Letzteres gestattet eine landkartenartige Aufnahme des Schädels, so daß die mit der Papierfläche parallelen Durchmesser unverkürzt zur Darstellung kommen und auf der Zeichnung gemessen werden können. Vgl. Retzius in Müllers "Archiv" 1845, 1848, 1849, 1853; Lucä, Zur Morphologie der Rassenschädel (Frankf. 1861-64); Welcker, Untersuchungen über Wachstum und Bau des menschlichen Schädels (Leipz. 1862); His u. Rütimeyer, Crania helvetica (Basel 1864); Ecker, Crania Germaniae (Freib. 1863-65); v. Hölder, Zusammenstellung der in Württemberg vorkommenden Schädelformen (Stuttg. 1877); Virchow, Zur physischen Anthropologie der Deutschen (in den "Gesammelten Abhandlungen etc."); v. Baer, Crania selecta (Petersb. 1859); Ranke, Der Mensch (Leipz. 1886, 2 Bde.); Benedikt, Kraniometrie und Kephalometrie (Wien 1888).

[Phrenologie.] Unter S. (Kraniologie, Kranioskopie, Phrenologie) versteht man auch die von Gall (s. d.) herrührende Lehre von der Erkenntnis der menschlichen Geistesanlagen aus den Hervorragungen der Schädeloberfläche. Nach dieser von Spurzheim, Carus, Scheve u. a. weiter ausgebildeten Lehre ist das Gehirn, das Organ für alle geistigen Verrichtungen, nicht bei jeder einzelnen Geistesthätigkeit mit seiner ganzen Masse aktiv, sondern jede besondere Geistesverrichtung kommt vermittelst eines besondern Teils (Organs) desselben zu stande, so daß das Gehirn als ein Inbegriff von Organen erscheint, die teils den verschiedenen Äußerungen des Begehrungsvermögens, teils den Thätigkeiten des Erkenntnisvermögens dienen. Die geistigen Fähigkeiten vergrößern oder vermindern sich mit den entsprechenden Hirnteilen, so daß sich die Energie eines bestimmten Seelenvermögens aus der räumlichen Entwickelung des betreffenden Hirnteils erkennen läßt. Dies kann aber am Lebenden geschehen, da die Organe des Gehirns auch die äußere Form der Schädelknochen bestimmen und Hervorragungen, Buckel und Vertiefungen erzeugen. Die Phrenologen unterscheiden einige dreißig geistige Anlagen oder Grundkräfte des Geistes und glauben für dieselben bestimmte Teile des Gehirns nachweisen zu können. Nun hat die neuere Physiologie die Lokalisation der einzelnen Hirnfähigkeiten in der That nachgewiesen; außer gewissen Bewegungszentren ist aber nur das Sprachzentrum aufgefunden worden, und die Behauptungen der Phrenologen erscheinen um so haltloser, als die äußern Schädelumrisse keineswegs den Umrissen des Gehirns entsprechen. Vgl. Gall und Spurzheim, Anatomie et physiologie du système nerveux (Par. 1810-20, 4 Bde.; 2. Aufl. 1822-25); Combe, System of phrenology (5. Aufl., Lond. 1843; deutsch, Braunschweig 1833); Carus, Grundzüge einer neuen und wissenschaftlich begründeten Kranioskopie (Stuttg. 1841); Noël, Grundzüge der Phrenologie (2. Aufl., Leipz. 1856); Derselbe, Die materielle Grundlage des Seelenlebens (das. 1874); Carus, Atlas der Kranioskopie (2. Aufl., das. 1864); Wittich, Physiognomik und Phrenologie (Berl. 1870); Scheve, Katechismus der Phrenologie (7. Aufl., Leipz. 1884). Eine ausgezeichnete vorurteilslose Kritik der Gallschen S. gab Hyrtl in seiner "Topographischen Anatomie".

Schädeltheorien, diejenigen Ansichten, welche man in der Zoologie und vergleichenden Anatomie über den Bau des Wirbeltierschädels im allgemeinen und über seine Beziehungen zur Wirbelsäule aufgestellt hat. Man ist, seitdem man sich überhaupt mit vergleichender Betrachtung der Skelettteile abgegeben hat, allgemein davon überzeugt gewesen, daß der Schädel als das Vorderende der Wirbelsäule nur eine Reihe umgeänderter Wirbel bilde, von denen sich sogar die drei hintersten noch deutlich nachweisen lassen sollten. Demgemäß faßte man früher (Goethe und Oken) als den ersten sogen. Schädelwirbel den Knochenring auf, welcher vom Basilarteil, den beiden Seitenteilen und der Schuppe des Hinterhaupts-^[folgende Seite]