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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Schiller

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Schiller (1781-1784).

Bombastisch-Übertriebene die absolute Unnatur überwog, waren die "Räuber" von zwar noch in teilweise trüber Gärung begriffenem, aber feurigstem und edelstem Geist und mit der wenn auch ungebändigten, doch reinsten Begeisterung einer die Menschheit in unendlicher Liebe umfassenden Dichterseele erfüllt. Das Werk äußerte trotz aller Auswüchse die mächtigste Wirkung; seit Goethes Frühschöpfungen hatte kein dichterisches Erzeugnis solche Gewalt auf die Zeitgenossen ausgeübt. S., der ursprünglich an keine theatralische Darstellung seines wilden Werkes gedacht, ward von Mannheim aus durch den Buchhändler Schwan und den Theaterintendanten v. Dalberg zu einer Bühnenbearbeitung der "Räuber" veranlaßt, die mit großem Erfolg im Januar 1782 auf der Mannheimer Hof- und Nationalbühne in Szene ging. Dieser Erfolg legte ihm zuerst den Gedanken nahe, sich ausschließlich der dramatischen Dichtung zu widmen, womöglich eine Anstellung am Mannheimer Theater selbst zu finden. Er begann unmittelbar nach der ersten Aufführung der "Räuber" an einer zweiten Tragödie: "Fiesco, oder die Verschwörung zu Genua", zu arbeiten. Gleichzeitig veröffentlichte er die hervorragendsten seiner Jugendgedichte mit all ihrer genialen Originalität und ihren Auswüchsen in einer "Anthologie auf das Jahr 1782", angeblich zu Tobolsk, in Wahrheit zu Stuttgart, wiederum auf Kosten des Herausgebers, der hierdurch in Schulden geriet, gedruckt.

Aber während seine litterarische Thätigkeit in diesem Aufschwung begriffen war, zogen schwere Wetter über S. herauf. Im Mai hatte er eine Wiederholung der "Räuber" mit Frau v. Wolzogen, der Mutter zweier ihm befreundeter Karlsschüler, beigewohnt und war deshalb heimlich nach Mannheim gereist. Diese Reise und der Umstand, daß eine Stelle in den "Räubern" in Graubünden Anstoß erregt hatte, zogen das Verbot des Herzogs an S., fernerhin Komödien oder sonst dergleichen zu schreiben, nach sich. Ein Gesuch des Dichters, das unerträgliche Interdikt zurückzuziehen, wurde nicht gewährt, ja ihm ferneres Schreiben an seinen Landesherrn untersagt. Das gab den Anstoß zu dem Plan Schillers, sich durch die Flucht dem Druck des heimischen Despotismus zu entziehen. Am 17. Sept. 1782 verließ der Dichter in Begleitung seines treuen Freundes, des Musikers Andreas Streicher, Stuttgart, am 19. traf er in Mannheim ein. Er brachte den "Fiesco" fast vollendet mit, auf den er große Hoffnungen für seine Zukunft setzte. Jedoch schon die ersten Mannheimer Tage brachten Enttäuschungen. Die Mannheimer Schauspieler, der Regisseur Meyer, Beil, Böck u. a., mißbilligten Schillers Entschluß, nur Iffland beurteilte denselben günstiger. Dalberg war abwesend, er weilte als Festgast in Stuttgart. Von dort liefen auf briefliche Anfragen Schillers über die Art, wie man seine Flucht aufgenommen, wenig beruhigende Antworten ein; ein Gesuch an den Herzog um Verzeihung und Gewähr freier litterarischer Entfaltung ward ungenügend beantwortet. S. fühlte sich daher in Mannheim nicht sicher genug; 30. Sept. wanderte er mit Streicher weiter nach Frankfurt, wo sie in der Vorstadt Sachsenhausen in bescheidener Herberge einkehrten. Von dort schrieb S. an Dalberg, legte ihm vertrauensvoll seine schlimme Situation dar und bat um einen Vorschuß auf den "Fiesco". Eine Antwort des Theaterregisseurs Meyer schlug die Bitte ab und erklärte die Dichtung in ihrer dermaligen Gestalt für bühnenunbrauchbar. Eine kleine Geldsendung von Streichers Mutter ermöglichte den Freunden, sich in Sachsenhausen loszumachen und in die Nähe von Mannheim zurückzukehren. Im Dorf Oggersheim nahmen sie in armseliger Wirtsstube Wohnung und hausten dort sieben entbehrungsreiche Wochen hindurch, während deren der Plan zu dem bürgerlichen Trauerspiel "Luise Millerin" (später "Kabale und Liebe" betitelt) entworfen, der "Fiesco" umgearbeitet, jedoch abermals als bühnenunbrauchbar vom Mannheimer Nationaltheater zurückgewiesen wurde. Anfang Dezember öffnete sich dem Dichter ein besserer Zufluchtsort. Einer schon in Stuttgart an ihn ergangenen Einladung der Frau v. Wolzogen folgend, begab er sich auf ein derselben gehöriges Gut zu Bauerbach bei Meiningen. "Fiesco" war inzwischen von dem Mannheimer Buchhändler Schwan gegen ein Honorar von 11 Louisdor in Verlag genommen worden und erschien alsbald. Er hatte unter allen Jugenddramen Schillers und überhaupt unter allen Dramen der Sturm- und Drangperiode den stärksten dramatischen Nerv, den vorzüglichsten Bau und eine Steigerung der Handlung und des Interesses, welche die stellenweise zu äußerliche Charakteristik und das forcierte Pathos der Sprache mehr als aufwog. Die erste Aufführung in Mannheim (Januar 1784) machte gleichwohl nur geringes Glück, mehr Erfolg hatten die Aufführungen in Berlin und Frankfurt. In der winterlichen Stille des Bauerbacher Aufenthalts wurde die "Luise Millerin" beendigt (11. Jan. 1783) und im März "Don Karlos" begonnen. Der freundschaftliche Verkehr mit dem Meininger Bibliothekar Reinwald, der später Schillers Schwester Christophine heiratete, brachte dem Dichter Unterhaltung und Förderung in seine Einsamkeit. Im März traf ein Brief Dalbergs ein. Der Freiherr hatte sich überzeugt, daß von Stuttgart aus keine weitere Verfolgung Schillers stattfinden werde, und begann die früher zurückgewiesene engere Verbindung des Dichters mit seinem Theater wünschenswert zu finden. Die fortgesetzte Korrespondenz hatte zur Folge, daß der Dichter im Juli 1783 nach Mannheim zurückkehrte und im August von dem Intendanten zum Theaterdichter für die dortige Bühne engagiert wurde. S. versuchte jetzt in Mannheim heimisch zu werden. Im Januar 1784 ging, wie erwähnt, "Fiesco", 9. März "Kabale und Liebe" zuerst über die Mannheimer Bretter und fand begeisterten Beifall. Das Stück bekundete Schillers dramatisches Talent in einer völlig neuen Weise. Es stellte Zustände der traurigsten damaligen Wirklichkeit dar, es vergegenwärtigte den ungeheuern Widerspruch der neuen Bildung und der bestehenden alten Verhältnisse mit gelegentlich greller Zeichnung, aber im ganzen doch mit echt poetischer Leidenschaft und Kraft der Charakteristik. Der Erfolg hob Schillers Lebensmut, ohne den materiellen Bedrängnissen, in die er sich fortwährend versetzt sah, ein Ende zu bereiten. Die Aufnahme in die vom Kurfürsten protegierte Kurpfälzische Deutsche Gesellschaft (Februar 1784) sah er als "einen großen Schritt zu seinem Etablissement" an. Beim Eintritt las er (26. Juni) die Abhandlung "Was kann eine gute stehende Schaubühne wirken?", welche jetzt in den gesammelten Schriften unter dem Titel: "Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet" steht. Sie entwickelte für die dramatische Kunst den edlen Gedanken, der Schillers ganze ästhetische Anschauung auch später beherrschte, daß die Kunst ähnlichen Beruf wie die Religion habe und die Menschheit zu erziehen, zu adeln bestimmt sei. Diese Wahrheit sollte schöpferisch durch den unterdessen fortgeführten "Don Karlos"