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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Schiller

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Schiller (Jugendjahre).

den großen Preußenkönig nach Schlesien mitziehen. Während er, nach der Heimkehr 1759 zum Leutnant befördert, nahe bei Kannstatt im Übungslager stand, gebar ihm seine Gattin im Haus ihrer Eltern zu Marbach den ältesten Sohn, unsern Dichter. Der Militärdienst des Vaters führte die Familie während der nächsten Jahre an verschiedene Orte, endlich 1765 nach Lorch, von wo aus der zum Rang eines Hauptmanns beförderte Schiller in der benachbarten Reichsstadt Gmünd das Werbegeschäft zu treiben beauftragt war. In Lorch erhielt der Knabe bei dem Ortspfarrer Moser (dem ein Erinnerungszeichen in den "Räubern" gilt) den ersten regelmäßigen Unterricht, ohne schon damals hervorragende Begabung zu zeigen. 1768 wurde der Vater zur Garnison nach Ludwigsburg zurückberufen, zwei Jahre später übertrug ihm Herzog Karl die Aufsicht über die um sein Lustschloß Solitüde gelegenen Baumpflanzungen und Gärten. S. blieb, seinen Schulkursus zu beendigen, in Ludwigsburg zurück, wo er bei dem strengen Magister Jahn Wohnung und Kost hatte, bis ihn der Herzog zu Anfang 1773 als Zögling in seine mit einer Abteilung für künftige Zivildiener verbundene militärische Pflanzschule auf der Solitüde kommandierte. S. hatte damals unter dem Einfluß der Mutter und der idyllischen Jugendumgebungen den Plan gefaßt, Theologie zu studieren, und brachte, indem sein Eintritt in die Karlsschule das Aufgeben dieses Studiums bedingte und er sich zunächst für die Jurisprudenz zu entscheiden hatte, in seiner Weise den Plänen des Herzogs Karl ein Opfer. Doch wurde weder dieses Opfer allzu hart empfunden, noch darf verkannt werden, daß die Hohe Karlsschule nach mehr als einer Richtung hin für Schillers Gesamtausbildung segensreich wirkte. Daß der in beschränkten Verhältnissen geborne Knabe eine freie Weltbildung erwarb, war wesentlich der halb militärischen, halb wissenschaftlichen Lieblingsanstalt des Herzogs Karl zu danken. Die Einrichtung derselben und die persönliche Teilnahme des Herzogs an dieser eigentümlichen Schöpfung führten der Phantasie des werdenden Poeten sehr bedeutende Eindrücke zu, das Erziehungssystem unterdrückte jedenfalls keine wesentliche geistige Begabung und Regung. In einer Charakteristik, welche die Zöglinge einer vom andern zu entwerfen hatten, ward neben Verstand, Bescheidenheit und Fleiß des Knaben seine Einbildungskraft und seine Neigung für Poesie gerühmt, dagegen Mangel an Reinlichkeit vorgeworfen. Verglichen mit dem Bild, welches uns Stuttgarter Freunde später von dem jugendlichen Regimentsmedikus entworfen haben, ist der rohen Skizze eine gewisse Treue nicht abzusprechen. Schillers Neigung zur Poesie war zunächst durch Klopstocks "Messias" genährt worden, und dieser Anregung entsprang der Plan zu einem Epos: "Moses". Tiefer und unmittelbarer wirkten die wilden dramatischen Produkte der Sturm- und Drangperiode auf S. ein; Leisewitz' "Julius von Tarent", Gerstenbergs "Ugolino", Klingers Erstlingsdramen und Goethes "Götz" regten ihn zur Nacheiferung an. Seinen Mitschülern las er Szenen aus einem Drama: "Der Student von Nassau", und aus einer Tragödie: "Cosmus von Medici", vor, in denen sie schon dramatisches Genie bewunderten. Den stärksten Einfluß auf Schillers Richtung und Bildung gewannen aber Plutarch und J. J. Rousseau. Am erstern nährte er den Zug seiner Natur zur realistischen Charakteristik, am andern eine überschwengliche Naturbegeisterung, einen ebenso ungestümen wie unbestimmten Freiheitsdrang. Die Karlsschule war 1775 von der Solitüde nach Stuttgart verlegt und bei dieser Gelegenheit auch eine medizinische Fakultät an ihr errichtet worden. S. ging jetzt vom Rechtsstudium zu dem der Medizin über; teils äußere Verhältnisse, teils ein gewisser Instinkt, daß der Arzt der Natur näher stehe als der Rechtsgelehrte, entschieden diesen Berufswechsel. Wahrhaft Ernst war es dem werdenden Dichter nur um seine Poesie. Seit 1776 erschienen im "Schwäbischen Magazin" einzelne Proben seiner Lyrik. 1777-78 begann die Ausarbeitung einer neuen Tragödie: "Die Räuber", an deren Vollendung ein Kreis jugendlicher Bewunderer (Scharffenstein, Kapf, Petersen u. a.) in atemloser Spannung Anteil nahm. Um den litterarischen Bestrebungen freier huldigen zu können, ersehnte S. seine alsbaldige Entlassung aus der Hohen Karlsschule. Aber die 1779 eingereichte Abhandlung "Philosophie der Physiologie" erregte um ihres "zu vielen Feuers" und ihrer exzentrischen Ausdrücke willen die Aufmerksamkeit des Herzogs Karl, der ein pädagogisches Experiment nach seiner Weise beliebte und befahl, daß S. zur Abkühlung und Abdämpfung noch ein Jahr in der Akademie zu verweilen habe. Gewiß ist in dieser Episode der erste Grund des spätern Mißverhältnisses Schillers zu seinem Fürsten, dem er bis dahin eine vollkommen aufrichtige Dankbarkeit und Hingebung gewidmet hatte, zu suchen. Während des erzwungenen Jahrs beendete S. eine Umarbeitung seiner "Räuber" und sah bei Gelegenheit des Besuchs, den Herzog Karl August und Goethe dem württembergischen Hof und der Karlsschule auf der Rückkehr von ihrer gemeinsamen Schweizerreise Ende 1779 abstatteten, den nachmaligen großen Dichterfreund zum erstenmal. Im Dezember 1780 erlangte er endlich auf Grund zweier Probeschriften, deren eine ein medizinisches, die andre ein naturphilosophisches Thema behandelte, die Entlassung aus der Karlsschule. Er wurde zum Medikus ohne Portepee beim Grenadierregiment des Generals Augé mit 18 Guld. Monatsgage ernannt und erfuhr damit, da Herzog Karl eine gute Versorgung in Aussicht gestellt hatte, eine neue schmerzliche Enttäuschung. Allerdings ließ ihm das schlecht besoldete Amt Muße genug zu litterarischen Studien und dichterischen Anläufen. Er übernahm die Redaktion einer kleinen Zeitschrift und begann nach einem Verleger für die "Räuber" zu suchen, der sich nicht finden wollte, so daß der Autor zuletzt, wie Goethe bei seinem "Götz", zum Selbstverlag genötigt war. Von neuen Dichtungen entstanden in dieser Zeit hauptsächlich die überschwenglichen Oden "An Laura", zu denen eine Stuttgarter Hauptmannswitwe, Frau Vischer, den ersten Anlaß gegeben haben mag. Eine gewisse Kraftgenialität, ein Streben nach dem Ungewöhnlichen und Packenden, noch ohne jede Läuterung des Geschmacks, war inzwischen nicht nur den lyrischen Dichtungen Schillers in dieser Zeit eigentümlich, sondern durchhauchte auch das ganze persönliche Leben und Treiben seines Kreises. Die Terminologie wie die geselligen Formen zeigten die Mischung von wüster Renommage und blitzendem Geist, welche noch in einzelnen Szenen der "Räuber" erhalten ist. Diese geniale Jugendtragödie Schillers erschien 1781. In ihr gipfelte der die Zeit erfüllende Entfesselungsdrang, der sich in Leben und Dichtung gegen die sozialen und geistigen Schranken der Despotie, der Mode und der Heuchelei empörte. Diese Opposition hatte in zahlreichen poetischen Erzeugnissen jener Tage bereits Ausdruck gefunden, als Schillers dramatischer Erstling vor die Öffentlichkeit trat; aber während in den meisten Dichtungen gleicher Tendenz das Fratzenhafte,