Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Schiller

480

Schiller (Bedeutung für die Nationallitteratur).

kamen ihm "allgemeine Bewunderung, begeisterte Anerkennung und herzliche Teilnahme" entgegen. Ifflands Bemühungen dankte er den theatralischen Genuß szenisch vollendeter Darstellungen des "Wallenstein", der "Jungfrau" und der "Braut von Messina". Aus den Kreisen seiner Gönner, an deren Spitze die edle Königin Luise stand, kamen ihm günstige Anträge, nach Berlin überzusiedeln. S., der ohnehin Weimar ungern verlassen hätte, sah von ernstlichen Verhandlungen ab, nachdem Herzog Karl August ihm auf die freimütige Darlegung der Angelegenheit seinen Gehalt auf 800 Thlr. erhöht hatte. Bald nach der im Mai 1804 erfolgten Rückkehr gebar Lotte dem Dichter die zweite Tochter. Aber S. sollte die neue Vaterfreude nur kurze Zeit genießen. Im September meldete er an Körner, daß er sich so unwohl fühle wie nie nach seinen schwersten Krankheiten. Zwar gelang ihm das zwischen 4. und 8. Nov. zur Begrüßung der weimarischen Erbprinzessin auf Goethes Zureden gedichtete Festspiel "Die Huldigung der Künste" überaus glücklich, aber der folgende Winter brachte ihm fast keinen schmerzlosen Tag mehr. Peinliche Krämpfe, die ihn schon seit Jahren oft heimgesucht hatten, stellten sich immer häufiger ein. Dennoch beschäftigte ihn eifrig der "Demetrius", den wir leider nur als Torso, doch als einen, welcher höchste Vollendung des Ganzen ahnen läßt, besitzen sollten. Als ihm sein Leiden selbständiges Schaffen ganz verwehrte, begann er, "um doch nicht ganz müßig zu sein", eine metrische Übersetzung von Racines "Phädra". Im März 1805 konnte er an Goethe schreiben, daß er wieder mit dem "Demetrius" im vollen Zug sei. Der Frühling brachte neues Hoffen auf Genesung mit sich, eine ungewöhnliche Reisesehnsucht bemächtigte sich des Dichters. Der Wunsch, die Schweiz zu sehen, war in nie vorher gefühlter Stärke über ihn gekommen. Aber das Verlangen sollte nicht befriedigt werden. Am 9. Mai 1805 in der sechsten Abendstunde endete ein sanfter Tod das Leben des Dichters.

In S. schied der einzige große Dichter unsrer klassischen Litteraturepoche aus dem Leben, dessen Poesie alle Kreise der Nation zugleich ergriffen und durchdrungen hatte. Man darf sagen, daß seine Erscheinung geradezu eine einzige war, und selbst Goethe, der sich am tiefsten mit S. zusammengelebt hatte und ihm mehr als ebenbürtig war, fand, als er an die Vollendung des "Demetrius" dachte, daß es (nach den Worten eines neuern Dichters) "ebenso leicht sei, für S. zu atmen, als für ihn zu dichten", und mußte sich auf seinen wunderbar schönen feiernden Epilog zu Schillers "Glocke" beschränken. In S. war von Haus aus neben einem starken realistischen Menschendarstellungstalent, einer wahrhaften poetischen Unmittelbarkeit, welche den nachhaltigen Wert der "Räuber" und des "Fiesco" verbürgt, längst nachdem deren ethisches Pathos unwirksam geworden ist, ein Element subjektiver Reflexion, ein Zug zur abstrakten Ideenverkündigung lebendig, welcher durch seine frühste Vertiefung und Läuterung nur noch verstärkt wurde. Lag ihm auch die gemeine Utilitätstendenz, welche die Dichtung nur als Vehikel für moralische Beispiele und Ermahnungen betrachtet, tief unter den Füßen, so waren sein an Rousseau genährtes Freiheitspathos und sein idealer Traum von der allgemeinen Menschenbeglückung stärker als seine poetische Freude an der Fülle der Einzelerscheinungen. So wuchsen denn allerdings Schillers Dichtungen oft und leicht über die Grenzen des rein Ästhetischen hinaus, der Dichter ward zum Philosophen. Aber freilich trat eben hier wieder die ganze Stärke und Weihe seiner Subjektivität zu Tage. Was bei tausend andern leidige Abstraktion und bloße Didaktik blieb, ward unter Schillers Hand zur Poesie. Seine großen allgemeinen Ideen lebten in ihm mit einer Stärke und Wärme, daß sie sich in Gefühl und Leidenschaft und damit wiederum in Poesie verwandelten. Die Hoheit und der sittliche Adel seiner Natur, hinter der nach Goethes herrlichem Worte "das Gemeine in wesenlosem Scheine lag", war mit dem eigentümlichen Zauber verbunden, der die Idealität auf andre überträgt. S. ruft gleichsam in jedem Augenblick die höchsten Fähigkeiten, die idealste Stimmung seiner Hörer und Leser empor und legt ihnen sein eignes erhabenes Pathos in die Seele. Es hat einen tiefen Sinn, daß S. vorzugsweise der Dichter der Jugend ist, und daß das Alter, von den Erfahrungen des Lebens gesättigt und nach den Jugendträumen zurückverlangend, gern zu seiner Welt zurückkehrt. S. selbst war sich der Eigenart seiner Dichtung und des in ihm vorwaltenden philosophischen Zugs sehr wohl bewußt. Was bei der Schöpfung seiner Jugenddramen noch ganz naiv und instinktiv in ihm obgewaltet hatte, ward, während er am "Don Karlos" dichtete, ohne alle Frage zur Absicht. In voller Deutlichkeit bezeichnete das die Laufbahn des Dichterphilosophen eröffnende Gedicht "Die Künstler" die Gesamttendenz Schillers in Leben und Dichten. In das Land der Erkenntnis, der befreienden, dringt der Mensch nur "durch das Morgenrot des Schönen". "Was erst, nachdem Jahrtausende verflossen, die alternde Vernunft erfand, lag im Symbol des Schönen und des Großen voraus geoffenbart dem kindischen Verstand." Die Schönheit ist dem Dichter damals noch propädeutisches Symbol der Wahrheit, "die uns frei macht". In den "Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts" findet sich in naturgemäßer, Schillers reifender Erkenntnis entsprechender Steigerung der Gedanke ausgeführt, daß der Weg zu aller Freiheit, auch zur politischen, durch das Ästhetische, durch die Kunst gehen müsse. Dann wirkte Goethes naiv-schöpferische Natur in unendlicher Förderung auf die Schillers, sie allmählich immer entschiedener aus den abstrakten Denkregionen in die Wirklichkeit des Lebens ziehend. S. rühmte es wiederholt und ausdrücklich dankend von dem Freunde, daß er ihm die Tendenz, vom Allgemeinen zum Individuellen zu gehen, abgewöhne und ihn umgekehrt von einzelnen Fällen zu großen Gesetzen fortführe. Und Goethe faßte die beiderseitig anziehend und korrektiv aufeinander wirkenden Stellungen, die S. und er selbst innehatten, dahin zusammen: "Er predigte das Evangelium der Freiheit, ich wollte die Rechte der Natur nicht verkürzt wissen". In dem Aufsatz "Über naive und sentimentalische Dichtung" konnte S. schon mit klarer Erkenntnis im allgemeinen und mit tiefer Selbsterkenntnis im besondern die beiden verschiedenen Hauptrichtungen aller Poesie darlegen, und er mußte sich demnach jetzt der Notwendigkeit, die Einseitigkeit jeder dieser Richtungen aufzuheben, bewußt sein. Das Streben zu solcher Selbsterziehung bezeichnen die spätern Dichtungen Schillers aufs deutlichste. Natürlich blieb S. auch jetzt sich selbst getreu und der Dichter der Ideen. Auch jetzt noch läßt sich seine Lyrik nur selten als der unmittelbar naturwüchsige Ausdruck der reinen Stimmung betrachten, noch bleibt sie wesentlich eine Gedankenlyrik. Die Freiheit ist ihm die goldene Frucht in der silbernen Schale der Kunst geblieben, wie sie es war von Jugend auf; Erziehung zur Freiheit galt ihm als Aufgabe der Poesie wie alles geistigen Menschentums. Eine Lehrmeisterin war die Schönheit