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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Shelley; Shenandoah

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Shelley - Shenandoah.

wiesen, bezog er die Universität Oxford, bereits erfüllt von Abscheu gegen die Grausamkeit und Bigotterie, die, wie er meinte, alle Beziehungen des zivilisierten Lebens erfüllte. Hier studierte er Spinoza, fiel aber bald völligem Skeptizismus anheim und bekannte ohne Scheu seine freigeistigen Ansichten, über die er sogar zu Disputationen aufforderte. Hume ward sein Evangelium, und noch vor Ablauf seines zweiten Studienjahrs schrieb er ein Büchlein: "The necessity of atheism", infolgedessen er von der Universität verwiesen ward. Auch sein Vater sagte sich gleichzeitig von ihm los. Dem Zweifel einmal verfallen, warf sich S. auf das Studium der Metaphysik, um Gott zu suchen, den er in den Zuständen der Menschheit nicht fand, und der Glaube an die unbegrenzte, aber künftig schon auf Erden erreichbare Vervollkommnung des Geschlechts, an eine Zukunft, wo die "Erde des Himmels Wirklichkeit" sein würde, wurde seine Religion. Erst 18 Jahre alt, schrieb er sein Gedicht "Queen Mab", das Byrons Bewunderung, im übrigen aber wegen der darin enthaltenen atheistischen Grundsätze großen Anstoß erregte. Seine mit der von ihm aus der Pension entführten Miß Harriet Westbrook, der Tochter eines Londoner Kaffeewirts, eingegangene Ehe war nicht glücklich und wurde schon nach drei Jahren wieder gelöst. Um seine erschöpfte Gesundheit wiederherzustellen, unternahm S. 1814 eine Reise nach dem Kontinent und verweilte längere Zeit am Vierwaldstätter See. Die nächsten Jahre verlebte er wieder in London, mit medizinischen Studien beschäftigt, meist in bitterer Not; indes fiel ihm später gesetzlich ein Lehnsgut zu, dessen Ertrag er für eine Jahresrente von 1000 Pfd. Sterl. seinem Vater abtrat, und er lebte nunmehr ohne Nahrungssorgen. 1816 ging er eine zweite Ehe ein mit Miß Mary Wollstonecraft Godwin, der Tochter William Godwins (s. Godwin 1 u. 2), und lebte mit ihr den Sommer über an den Ufern des Genfer Sees in einem Landhaus nahe der Villa Diodati, welche Byron bewohnte, mit dem er hier das innigste Freundschaftsbündnis schloß. Nach England zurückgekehrt, wollte er die Kinder aus seiner ersten Ehe, deren Mutter im Wahnsinn durch Selbstmord geendet hatte, zu sich nehmen, ward aber als Atheist gerichtlich für moralisch unfähig erklärt, Vaterstelle zu vertreten. Tief verwundet durch diese Behandlung, zog er sich mit seiner Gattin in die Einsamkeit zurück und hielt sich längere Zeit in Great Marlow in Buckinghamshire auf. Im Frühjahr 1818 ging er nach Italien und lebte dort abwechselnd zu Venedig, wo damals Byron verweilte, Neapel und Rom; doch war seine Gesundheit bereits gebrochen und sein Nervensystem überreizt. Er ertrank 8. Juli 1822 auf einer von Livorno aus unternommenen Fahrt im Busen von Spezia durch das Umschlagen seines Boots. Erst 14 Tage später wurde der Leichnam aufgefunden; Lord Byron ließ denselben am Ufer in antiker Weise feierlich verbrennen und die Asche auf dem Kirchhof der Protestanten zu Rom neben der Cestiuspyramide bestatten. S. besaß ungemeine Kenntnisse fast in allen Fächern des menschlichen Wissens, dabei tiefen Scharfsinn und großen Geschmack; aber das Schwanken seines Geistes und der Kampf seiner Philosophie mit der Poesie um die Oberherrschaft in den Leistungen des Dichters gestatteten ihm nicht, seinen Gedichten durch innere Ruhe die nötige Vollendung zu geben. Auch fehlt seiner Poesie zu sehr das sinnliche Element. Gleichwohl ist nicht zu leugnen, daß er als Dichter der ernsten Betrachtung an intensiver Wärme des Gefühls und Adel der Sprache seine Vorgänger und Nachfolger auf diesem Gebiet weit übertrifft. Dabei hatte er tiefes Gefühl für alles Edle und Große, und der Lauterkeit seines Charakters lassen selbst seine Feinde Gerechtigkeit widerfahren. "Den Traum eines Romans, eine Geschichte von Geheimnis und Kummer" nennt R. Chambers das Leben des Dichters. Von Shelleys zahlreichen Dichtungen sind außer der an schönen Stellen reichen "Queen Mab" noch hervorzuheben: "Alastor, or the spirit of solitude" (1816), die Schilderung seiner selbst, eine tiefsinnige Elegie, welche in glühenden Farben die Reize der Natur und die Qualen einer leidenschaftlich kämpfenden Dichterseele besingt; "The revolt of Islam" (1818), das anspruchsvollste seiner Gedichte, ein Titanenkampf gegen Herkommen und Vorurteil; das lyrische Drama "Hellas" mit seinem schwungvollen Schlußchor; "Rosalind and Helen" (1819), worin S. nachzuweisen sucht, daß die Ehe ein Übel ist und in der modernen Gesellschaft nicht gestattet sein sollte; ferner das durch seinen Stoff abschreckende, in seiner Eigentümlichkeit aber bewundernswerte Trauerspiel "The Cenci"; das poetische Gespräch "Julian and Maddalo" (S. und Byron); das Drama "Prometheus unbound" (1820), eine symbolische Verherrlichung des Befreiungskampfes der Menschheit, die in großartigem, nur bisweilen allzu gefeiltem Stil geschrieben ist; "Adonais" (1821), eine Elegie auf den frühen Hintritt seines Freundes, des Dichters John Keats, und das viel bewunderte "Epipsychidion"; endlich Übertragungen aus Äschylos, Calderon und von Goethes "Faust". Unter seinen kleinern lyrischen Gedichten sind "To a sky lark", "The cloud" und "The sensitive plant" die schönsten und berühmtesten. Nachdem S. bei seinen Lebzeiten von seinen Landsleuten mit seltenem Haß verfolgt und mißachtet worden, wird ihm gegenwärtig die gebührende Bewunderung in immer weitern Kreisen zu teil. Von den zahlreichen Ausgaben seiner "Poetical works" sind die besten: die von seiner Witwe besorgte (1839, 4 Bde., u. öfter; mit den Briefen und Essays, 1854), die von Shepherd (1875, 4 Bde.), von Rossetti (1878, 3 Bde.), von Forman (1880, 8 Bde.). Ins Deutsche wurden die Dichtungen übersetzt von Seybt (Leipz. 1844), in Auswahl von Strodtmann (Hildburgh. 1866, 2 Bde.); die "Cenci" von Adolphi (Stuttg. 1837). Shelleys Biographie schrieben unter andern Medwin (1847, 2 Bde.), Middleton (1858, 2 Bde.), sein Studienfreund Hogg (1858, 2 Bde.), Mc Carthy ("Early life", 1872), G. B. Smith (1877), Symonds (2. Aufl. 1887), Cordy Jeaffreson ("The real S.", 1885, 2 Bde.), E. Dowden (1886, 2 Bde.), Sharp (1887), Fel. Rabbe (1888, 2 Bde.). Vgl. Medwin, The S. papers etc. (Lond. 1833); "Memorials, from authentic sources, by Lady S." (1859, 3. Aufl. 1874); Trelawney, Recollections of S. and Byron (1858); Calvert, Coleridge, S., Goethe (Boston 1880); Brandes, Hauptströmungen der Litteratur des 19. Jahrhunderts, Bd. 4 (Berl. 1876).

Shenandoah (spr. schennandóh-a), Fluß im nordamerikan. Staat Virginia, bildet sich unterhalb Front Royal aus der Vereinigung des North und South Fork, fließt nordöstlich durch ein wegen seiner Fruchtbarkeit berühmtes Thal und fällt nach einem Laufe von 200 km bei Harper's Ferry in den Potomac, dessen größter Nebenfluß er ist. Während des Sezessionskriegs wurde um den Besitz des Shenandoahthals vielfach gekämpft. Die bedeutendsten Gefechte fanden statt 8. Juni 1862 bei Croß Keys (Sieg der Unionstruppen unter Fremont), 28. Aug. 1862 bei Tho-^[folgende Seite]