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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Waldverderber

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Waldverderber (Insekten).

offenbar vermehrt, wahrscheinlich infolge des schlagweisen Forstbetriebs, des Anbaues sehr großer Flächen mit gleichalterigen Beständen derselben Holzart u. des Überhandnehmens des Nadelholzanbaues. Große Verheerungen der Wälder durch Raupen in den nordostdeutschen Flachländern kamen vor: 1502, 1506, 1532 (große Kiefernraupe, besonders in der Mark Brandenburg), 1590-93 (Lausitz), 1605 (Kurmark), 1638 (bei Tangermünde), 1736-38 (Nonne in der Kurmark und Altmark), 1750, 1754, 1774 (Lausitz), 1776-87 (Marken, Pommern, Lausitz), 1791-94 (große Kiefernraupe in der Mark, Sachsen, Pommern, Posen, Schlesien), 1806-1808 (Forleule in der Lausitz), 1803, 1804, 1805, 1808, 1815, 1816-18 (Ost- und Westpreußen), 1827-29 (große Kiefernraupe im ganzen Nordosten von Deutschland), 1835 und 1836 (Nonne in Sachsen, der Mark, Schlesien), 1837-40 (große Kiefernraupe daselbst), 1845-60 (Verheerungen der Nonne in Ostpreußen), 1861-67 und 1868 bis 1872 (große Kiefernraupe in der Mark, Sachsen, Pommern, Schlesien, Posen), 1876 und 1877 (Nonne in der Mark und Lausitz). Im Harz haben große Verheerungen durch Borkenkäfer namentlich in den Jahren 1780-1800 stattgefunden. Der Westen von Deutschland, den Insektenverheerungen wenig unterworfen, wurde 1827-29 durch den gemeingefährlichen Eichenprozessionsspinner heimgesucht; in Franken, wo im Nürnberger Reichswald ein alter Herd von Insektenschäden liegt, sind 1449, 1599-1600 (Forleule), 1726, 1835-36 (Nonne, besonders im Reichswald bei Nürnberg) große Insektenschäden vorgekommen. Das böhmisch-bayrische Waldgebirge endlich ist 1874-76 von einem vernichtenden Borkenkäferfraß heimgesucht worden. Unter den Käfern (s. Tafel I) sind die Borkenkäfer die verderblichsten, vor allen der achtzähnige Fichtenborkenkäfer (Bostrichus typographus L.), welcher, einer ungeheuern Vermehrung fähig, seine lotrechten Muttergänge und wagerechten Larvengänge unter der Rinde treibt und ganze Bestände, besonders 80-100jährige, auch von jüngerm Alter, im weitern Verlauf einer großen Fraßperiode sogar Bestände aller Altersklassen zum raschen Absterben bringt. Dieser Käfer ist der gefährlichste Feind der Fichte. In seinem Gefolge finden sich oft andre Borkenkäfer, besonders der sechszähnige Fichtenborkenkäfer (B. chalcographus L.), der zottige Fichtenborkenkäfer (B. autographus L.) u. a. An der Kiefer wird selten B. stenographus Dftsch. (großer Kiefernborkenkäfer), dagegen häufig an jungem Material B. bidens F. (zweizähniger Kiefernborkenkäfer) merkbar schädlich, an der Weißtanne B. curvidens Grm. (krummzähniger Tannenborkenkäfer), diese sämtlich durch Rindengänge. In den Holzkörper selbst treiben andre Borkenkäferarten ihre Gänge und werden dadurch Nutzholzverderber, ohne jedoch jemals Bestände zu verwüsten, so: B. monographus F., dryographus Rtzb., Saxesenii Rtzb., quercus Eichh., lineatus Ol., domesticus L.; B. dispar dagegen hat auf manchen Kulturen Tausende von Eichheistern getötet. Unter den Bastkäfern ist besonders Hylesinus piniperda L. (Waldgärtner) mit seinem nahen Verwandten H. minor Htg. (kleiner Kiefernbastkäfer) an der Kiefer (s. d.) schädlich durch zahlreiches Abstechen der Triebspitzen sowie, namentlich der letztgenannte, durch ihr Brüten an den Stämmen. H. ater Payk., angustatus Herbst, opacus Er. vernichtet auf den Kulturen die ganz jungen Kiefern, cunicularius Er. desgleichen Fichten durch Abnagen der Rinde am Wurzelknoten. Als schädliche Splintkäfer sind besonders der große Rüsternsplintkäfer (Eccoptogaster scolytus F.), an Ulmen, und der Birkensplintkäfer (E. destructor Ol.), an Birken, zu nennen. Die arten- und individuenreiche Käferfamilie der Bockkäfer (Cerambycidae oder Longicornia) enthält einige merkbar schädliche Arten, welche durch ihre ovalen, bis ins feste Holz getriebenen Gänge den Nutzholzwert der Stämme beeinträchtigen, besonders Cerambyx heros L. (großer Spießbockkäfer), an alten Eichen; Callidium insubricum Germ. (Ahornbock), an Ahornen; C. luridum L., an Fichten; Saperda carcharias L., an Pappeln, u. a. Die Waldkulturverderber unter den Käfern finden sich besonders in den Familien der Rüsselkäfer (Curculionidae) und der Maikäfer (Melolonthidae). Unter den erstern ist der große braune Kiefernrüßler (Hylobius abietis L.) der gefährlichste. Er bewohnt Fichten- und Kiefernkulturen; die Larve entwickelt sich an den Wurzeln absterbender, kränkelnder oder gefällter Stämme; der Käfer benagt platzweise die Rinde junger Pflanzen und tötet sie hierdurch. Auch der kleine braune Kiefernrüsselkäfer (Pissodes notatus L.) wird in Kiefern- und Fichtenschonungen durch den in geschlängelten Gängen verlaufenden Fraß der Larven unter der Rinde der Stämme erheblich schädlich, desgleichen P. piniphilus Herbst in Kiefernbeständen vom Stangenholzalter an aufwärts und zwar an den obern Stammteilen unter der gelben Rinde. In 80-100jährigen Fichtenbeständen wird der Harzrüsselkäfer (P. hercyniae Herbst) in neuerer Zeit sehr schädlich. Seine Larven fressen geschlängelte Gänge im Bast und Splint. Der Käfer hat besonders am Südharz großen Schaden gethan. Von andern Rüsselkäfern ist noch der weißbunte Cryptorhynchus lapathi L. zu nennen, welcher sich sowohl in jungen Erlen als in den Weidenstecklingen entwickelt und dieses Brutmaterial in Masse zum Absterben bringt; ferner Cneorhinus geminatus L., der ausgedehnte Kulturen von Kiefern und Meerstrandskiefern ernstlichst bedrohte; Strophosomus coryli L., Polydrosus micans u. a., welche die jungen Triebe von Eichen im Lodden- und Heisteralter schälen sowie deren Knospen zernagen; als Feinde der Buche können noch Orchestes fagi L. und Phyllobius argentatus L. angeführt werden. Der gefährlichste Feind der Kiefernkulturen im Flachland ist aber die Larve (der Engerling) des gemeinen Maikäfers (Melolontha vulgaris Fab.); sie frißt die Wurzeln bis zehnjähriger Pflanzen ab und tötet sie dadurch. Die neuerliche Massenverbreitung dieses schädlichen Insekts in den mitteldeutschen Flachländern scheint mit der durch den Kahlschlagbetrieb herbeigeführten Entblößung großer Flächen und dem regelmäßigen Anbau der Kiefer in Saatstreifen und Verbandpflanzungen unter starker Lockerung des Bodens in engem Zusammenhang zu stehen. Unter den Käfern sind es die Borkenkäfer allein, welche bisher ganze Waldgebiete verwüstet haben. Ihnen nahe an verderblichem Wirken stehen mehrere Schmetterlingsarten; ja, die Ordnung der Schmetterlinge enthält offenbar die gefährlichsten W. (s. Tafel II). Unter ihnen nimmt der große Kiefernspinner (Gastropacha pini L.) die erste Stelle ein. Seine überwinternden Raupen besteigen, sobald im Frühjahr die Bodentemperatur +5° R. erreicht, die Kiefern, um den Hauptfraß zu beginnen. Sie fressen die Nadeln bis in die Blattscheide ab, schonen bei hochgradigen Kalamitäten keine Altersklasse und werden hierdurch für ausgedehnte Kiefernwaldungen zum vernichtenden Feind. Dem Kiefernspinner steht an Gefährlichkeit die Nonne (Liparis [Ocneria] monacha L.) nahe. Sie wird jedoch der Fichte weit gefähr-^[folgende Seite]