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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Wind

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Wind (Wirkung der Orkane, Sturmfluten etc.).

Durchmesser, und die Zentren, welche oft beinahe stillzustehen scheinen, bewegen sich im allgemeinen nach West, zwischen SW. und NW. durch alle Striche der Windrose umherschwankend. Je weiter der Wirbel in höhere Breiten hinaufdringt, desto mehr erweitert er sich, und desto mehr nimmt er die Eigenschaft der Stürme der gemäßigten Zone an.

Die Geschwindigkeit, mit welcher die tropischen Sturmzentren fortschreiten, ist sehr verschieden. In dem Meerbusen von Bengalen und in dem Chinesischen Meer stehen sie oft so gut wie ganz still. Anderwärts beträgt ihre Geschwindigkeit 26-36 km in der Stunde. Da, wo die Sturmzentren im westlichen Teil ihrer Bahn nach NO. umkehren, ist ihre Geschwindigkeit häufig am geringsten. Sie wird größer, je mehr sie in die gemäßigte Zone hinein vordringen, und ist in dieser gewöhnlich größer als in der warmen Zone. An einem Punkte der nördlichen Halbkugel, über welchen die Nordseite eines Wirbels hinweggeht, dreht sich der W., wie schon oben angegeben ist, gegen die Sonne; wenn er dagegen von der Südseite des Wirbels getroffen wird, dreht er sich mit der Sonne. Dadurch ist es möglich, wenn sich ein herannahender Sturm durch rasches Fallen des Barometers kenntlich macht, aus der Drehung des Windes zu bestimmen, nach welcher Seite das Sturmzentrum liegt, und durch zweckmäßige Fahrt die Gefahr für ein Schiff zu vermindern. Geht das Sturmzentrum selbst über einen Ort hin, so wird an diesem mit einem stärker fallenden Barometer der W. bei wachsender Stärke stets aus derselben Richtung wehen; plötzlich wird es windstill, das Barometer hört auf zu fallen, und der Regen strömt unter fortwährendem Donnern und Blitzen aus einer dunkeln Wolke hernieder. Ebenso plötzlich aber, wie diese schauerliche Stille begann, nimmt sie eine [sic] Ende, das Barometer fängt an zu steigen, der Orkan setzt von der gerade entgegengesetzten Seite wieder ein und weht aus dieser Richtung, bis die Atmosphäre ihr Gleichgewicht wiedererlangt hat.

Die Geschwindigkeit, mit welcher das Sturmzentrum (Zentrum der Cyklone) fortschreitet, ist wohl zu unterscheiden von der eigentlichen Windgeschwindigkeit im Wirbelsturm selbst: letztere erreicht zuweilen die Größe von 70-90 Seemeilen in der Stunde oder 35-45 m in der Sekunde, während die erstere, welche durch die Vergleichung der Zeitpunkte gefunden wird, in denen der Sturm an verschiedenen Punkten seiner Bahn anlangt, sehr verschiedene Werte annehmen kann. Die Durchmesser der Cyklone schwanken zwischen 50 und 1500 Seemeilen; sie sind am kleinsten, wo die Stürme am heftigsten wehen, und nehmen zu, wenn die Wirbel in höhere Breiten gelangen und sich dort ausdehnen. Die Höhe, bis zu welcher die Wirbelstürme emporreichen, hat man früher weit überschätzt; vielmehr ist der ganze eintretende Sturmkörper wegen seiner großen horizontalen Ausdehnung als eine flache Scheibe von höchstens nur 2-3000 m Höhe zu betrachten. Der Verbrauch von mechanischer Arbeit ist bei den Orkanen infolge der Bewegung der in den Sturmcylinder einströmenden Luft ein ganz ungeheurer. Einer der größten, zerstörendsten und am längsten anhaltenden Orkane war der sogen. Cubaorkan vom 5., 6. und 7. Okt. 1814; dieser hat unter der Annahme, daß die äußere Luft an der Grenze des Wirbels eine Geschwindigkeit von 12-13 m in der Sekunde und im Orkan eine Geschwindigkeit von 41 m in der Sekunde hatte, nach einer Berechnung von Reye allein zur Bewegung der einströmenden Luft mindestens eine Arbeit von 473½ Mill. Pferdekräften während jener drei Tage aufgewendet, d. h. mindestens 15mal soviel, wie alle Windmühlen, Wasserräder, Dampfmaschinen und Lokomotiven, Menschen- und Tierkräfte der ganzen Erde in der gleichen Zeit leisten. Die zerstörenden Wirkungen der Orkane sind in manchen Fällen ungemein groß, besonders wenn sich mit ihnen die verheerenden Wirkungen der Meeresfluten verbinden. Die von allen Seiten heranbrausenden Luftströme treiben gewaltige Wassermassen zusammen, die zu einer Sturmflut anschwellen, welche, wenn sie eine niedrige Küste, wie z. B. die Gangesmündungen, erreicht, in Verbindung mit dem während des Orkans herniederstürzenden wolkenbruchartigen Regen weite Landstrecken plötzlich unter Wasser setzen kann. Auf offenem Meer ist die Sturmflut nicht wahrnehmbar, da ihre Anschwellung sich über eine größere Fläche verbreitet; für die Schiffe sind aber der brandende Wellenschlag und die aufgeregte See um so gefährlicher, je näher ein Schiff dem Zentrum eines Wirbelsturms ist, wo es dem W. und den Wogen völlig preisgegeben ist.

Auch die Küsten unsrer Nord- und Ostsee werden bisweilen bei besonders heftigen Stürmen durch Sturmfluten heimgesucht. Die größten historisch bekannten Sturmfluten von der Nordsee waren die von 1170 (Allerheiligenflut), durch welche die Inseln Texel und Wieringen vom Festland getrennt und der von einer frühern Sturmflut herrührende Zuidersee erweitert wurde; die vom 17. Nov. 1218, durch welche der Jadebusen entstand; vom 13. Jan. und 25. Dez. 1277, von 1287 und 1377, durch welche der jetzige Dollart gebildet wurde; vom 2. Nov. 1570, bei welcher 41,000 Menschen umgekommen sein sollen; zu Weihnachten 1717, vom 3. und 4. Febr. 1825, bei welchen die höchste Höhe der Sturmflut erreicht wurde, nämlich in der Jade 6 m über dem mittlern Wasserstand der Nordsee; endlich die vom 30. und 31. Jan. 1877, welche an manchen Orten dieselbe Höhe und noch 15 cm mehr erreichte. Auch an den Ostseeküsten ereignen sich solche Sturmfluten, aber seltener als an der Nordsee und nur infolge von plötzlich hereinbrechenden Oststürmen, welche die im allgemeinen durch die herrschenden Westwinde nach O. fließenden Wassermassen aufstauen und an die niedrigen Küsten von Pommern, Mecklenburg und Holstein werfen, so in den Jahren 1695, 1836, 1872 (13. Nov.); bei letzterer, der bedeutendsten bis jetzt bekannten Sturmflut der Ostsee, erhob sich das Wasser gegen 4 m über den gewöhnlichen Nullpunkt des Wasserstandes der Ostsee.

Glücklicherweise sind die tropischen Orkane nicht so häufig wie die Stürme der gemäßigten und kalten Zonen. Sie treten an den verschiedenen Orten vorzugsweise in bestimmten Jahreszeiten auf, so daß man eine ziemlich ausgeprägte Periodizität im Auftreten der tropischen Stürme erkennen kann. Auf beiden Halbkugeln fallen die meisten Wirbelstürme auf die heißen Monate im Jahr bis in den Herbst, so im Atlantischen Ozean (Westindien) vom Juni bis November, im südlichen Indischen Ozean (Mauritiusorkane) vom Dezember bis Mai, die chinesischen Teifune ausschließlich von Juni bis November. In dem nördlichen Indischen Ozean, vorzugsweise in dem Meerbusen von Bengalen, treten zwei Maxima der Häufigkeit auf, im April und Mai und September bis November, beide dem Wechsel der Monsune (s. d.) entsprechend. Gewaltsame Bewegungen der Luft, welche oft an Stärke nicht gegen die eigentlichen Orkane zurückstehen, aber einen viel geringern Raum umfassen, sind die sogen. Tornados und die