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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Zeitungen

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Zeitungen (geschichtliche Entwickelung).

Krieg auch das Bedürfnis der untern Kreise. Erst seit dieser Zeit gewannen die Äußerungen derer, die nicht Unmittelbar am politischen Leben beteiligt sind, einen größern Einfluß, und die Wechselbeziehungen der Massen zu dem Gang der politischen Ereignisse traten deutlicher hervor. Diese Entwickelung der öffentlichen Meinung ist zu ihrem großen Teil mit ein Werk der Z., die ihr selbst wiederum ihren Aufschwung verdanken. Darin liegt die Bedeutung der Z., daß sie sich aus Organen, welche der Verbreitung von Nachrichten über Thatsachen oder Ereignisse dienten, zu Trägern der öffentlichen Meinung umbildeten, indem sie den Stoff des Thatsächlichen der beurteilenden Besprechung unterzogen. So deckt sich ihre Geschichte mit der der öffentlichen Meinung.

Die Acta diurna (s. d.) der Römer wird man nicht zu den Z. in unserm Sinn rechnen dürfen; es fehlten ihnen alle Mittel jener raschen und regelmäßigen Verbreitung, die für den Begriff Z. wesentlich ist. Wenn sich in der trocknen Aufzählung von Thatsachen, die sie boten, ein Institut erkennen läßt, das einigermaßen an einen Staatsanzeiger erinnert, so sind sie doch von den allerersten Anfängen unsers Zeitungswesens durch einen Zeitraum von anderthalb Jahrtausenden geschieden. Keine Tradition greift auf sie zurück, und von einem historischen Zusammenhang kann nicht die Rede sein. Das Zeitungswesen ist eine freie Schöpfung der germanisch-romanischen Völker. Die ersten Spuren der Z. zeigten sich unmittelbar nach der Entdeckung der Neuen Welt. Die Auffindung Amerikas war ein Ereignis, dessen Bedeutung überall sofort gefühlt ward. Der Brief von 1493, in welchem Kolumbus dem königlichen Schatzmeister Rafael Sanchez die Thatsache schilderte, ward in fast alle Sprachen übersetzt und in zahllosen Exemplaren verbreitet. Er war wohl das erste Druckerzeugnis seiner Art, das rasche und allgemeine Verbreitung fand. Seitdem ergossen sich in den ersten Jahren des nächsten Jahrhunderts eine Menge »Zeyttungen«, »Newe Zeyttungen«, »Copeyen« von Briefen über die Dinge, die mit jener Entdeckung zusammenhingen, teils im einzelnen, teils als Sammelwerke rasch über den Weltteil. Boten diese fliegenden Blätter, die nicht selten, um anzulocken, mit einem Bild in Holzschnitt versehen waren, nur kurze Beschreibungen, so traten schon in den 20er Jahren des 16. Jahrhunderts Gedanken in ihnen hervor. Die kirchlichen Reformbewegungen waren es, welche zuerst die rasche Verbreitung von Ideen erzeugten und förderten. Aber hier wie dort fehlte die Periodizität, welche hauptsächlich den Verbesserungen des Postwesens zu danken ist. Auch die Notizie scritte, die »geschriebenen Nachrichten«, welche etwas später die Republik Venedig an öffentlichen Orten auszustellen pflegte, können noch nicht als eigentliche Z. in unserm Sinn betrachtet werden, obwohl von dem Geld (gazeta), das man für die Erlaubnis, sie lesen zu dürfen, zahlen mußte, heute noch die Z. in französischer, spanischer und englischer Sprache genannt werden. Diese Notizen sind eher den römischen Acta verwandt. So kann man eigentlich erst seit dem 17. Jahrh. von einer regulären Presse reden; besonders in der zweiten Hälfte desselben, mehr noch zu Anfang des 18. Jahrh., bildete sich jener kontinuierliche Ideenumsatz aus, der seitdem, immer mehr wachsend, allmählich zu einer Weltmacht geworden ist.

Man nimmt an, daß gegenwärtig auf der ganzen Erde etwa 40,000 Zeitschriften erscheinen, zu deren Herstellung vielleicht an 100,000 Berufsjournalisten arbeiten, die Mitarbeiter und Reporter ungerechnet. Diese Z. verteilen sich nach einer 1889 angestellten Berechnung auf die einzelnen Erdteile etwa in folgender Weise: Europa: Deutschland 6000, Österreich-Ungarn ca. 1200, Schweiz ca. 450, Großbritannien ca. 4000, Frankreich ca. 4000, Italien 1400, Rußland ca. 800, Schweden 350, Norwegen (1876) 178, Dänemark ca. 250, Spanien ca. 850, Portugal ca. 250, Holland ca. 300, Belgien ca. 300, Türkei und Griechenland ca. 200. - Amerika: Nordamerika ca. 17,000, Mittel- und Südamerika ca. 1000. - Asien: Ostindien ca. 600, China ca. 50, Japan ca. 2000, Persien ca. 6. Übriges Asien ca. 10. - Afrika: ca. 300. - Australien: ca. 700. Danach käme auf der ganzen Erde 1 Zeitung auf ca. 82,600 Menschen.

Wie der internationale geistige Verkehr dadurch gewachsen ist, beweist die Thatsache, daß in Deutschland jetzt Z. in 36 verschiedenen Sprachen gelesen werden. Von diesen erscheinen in Deutschland selbst nur in 8 Sprachen Z.: in deutscher, französischer, englischer, polnischer, dänischer, wendischer, litauischer und hebräischer Sprache. Die größte Sprachverschiedenheit repräsentieren die Länder der österreichischen Monarchie, in welchen Z. in 13 verschiedenen Sprachen erscheinen: in deutscher, französischer, italienischer, polnischer, ungarischer, tschechischer, griechischer, romanischer, serbischer, slowakischer, kroatischer, ruthenischer und slowenischer Sprache. Außer den genannten bezieht man in Deutschland durch die kaiserliche Reichspost noch Z. in russischer, spanischer, portugiesischer, holländischer, schwedischer, neugriechischer, vlämischer, bulgarischer, lateinischer, rumänischer, romanischer, armenischer, finnischer, norwegischer, türkischer und persischer Sprache. Von allen diesen Z. haben die in französischer Sprache die größte internationale Verbreitung; auf sie folgen die englischen, dann die deutschen Z. Werden die ersten außer in Frankreich noch in 15 andern, die zweiten außer in England noch in 13 andern, so werden die letztern außer in Deutschland noch in 10 andern Staaten gelesen. Heusinger (»Die Zeitungspreisliste der Reichspostverwaltung«, im »Archiv für Post und Telegraphie«, Maiheft 1878) hat ausgerechnet, daß in den 10 Jahren von 1868 bis 1878 mehr Z. durch die Post vertrieben worden sind als in den 40 Jahren vorher. Die Zahl der Verlagsorte, an denen deutsche Z. erscheinen, belief sich 1881 auf 1432. Ganz besonders ist die Zahl der durch die Post vertriebenen deutschen Z. und ihrer Verlagsorte in Österreich, in der Schweiz und in den Vereinigten Staaten sehr erheblich gewachsen. Während in Österreich um 1828 an 6 Orten nur 26 Z. erschienen (10 davon in Wien), in der Schweiz an 3 Orten nur 10, in den Vereinigten Staaten gar keine, erschienen 1881 in Österreich an 85 Orten 434 (209 in Wien), in der Schweiz an 125 Orten 328, in den Vereinigten Staaten an 31 Orten 230, darunter über die Hälfte in New York, wobei jedoch nicht zu vergessen ist, daß hier nur die Zeitungslisten der deutschen Reichspost zu Grunde gelegt sind (Heusinger a. a. O.). Nicht ohne Interesse ist auch ein Blick auf die Erscheinungsweise der Z. In Großbritannien ist in dem genannten Zeitraum nicht eine einzige Zeitung mehr als sechsmal wöchentlich erschienen. Wie dies mit der strengen Feier des Sonntags in England zusammenhängt, so mag es in dem politisch erregten Naturell der Franzosen begründet sein, daß die Zahl der siebenmal wöchentlich erscheinenden Z. in Frankreich bei weitem die der wöchentlich sechsmal erscheinenden überwiegt. Von den deutschen Z. erschienen 1881: 36 in 12 wöchentlichen Nummern, acht 13mal wöchentlich, eine 14mal, vier