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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Zoologie

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Zoologie (Entwickelung seit dem 17. Jahrhundert).

ten die Academia naturae curiosorum, die zu bedeutendem Ansehen gelangte und sich sogar bis in die Gegenwart zu erhalten gewußt hat. Um dieselbe Zeit wurden auch die Royal Society in London und die Académie des sciences in Paris gestiftet. Den ersten Schritt zum Neubau der Z. als Wissenschaft in der Form, in welcher sie nun bald 200 Jahre bestanden hat, that der Engländer John Ray (1693). Er wurde ein direkter Vorgänger Linnés und trat durch die Aufstellung des naturhistorischen Begriffs der Art, durch die vorwaltende Berücksichtigung der Anatomie der Tiere als Grundlage der Klassifikation und durch die Einführung von schärfern Definitionen bahnbrechend auf. Die zahlreichen Arbeiten der Zeitgenossen und unmittelbaren Nachfolger Rays gaben der Z. ein wissenschaftlich gesichertes Ansehen, doch zeigte sich bei der Fülle des von allen Seiten herbeiströmenden Stoffes sehr bald die Notwendigkeit zu einem vorläufigen Abschluß, der zugleich als neuer Ausgangspunkt dienen konnte. Einen solchen bewirkte der Schwede Karl v. Linné (Linnaeus). Dieser wurde, ohne sich gerade weitgreifender Forschungen und hervorragender Entdeckungen rühmen zu können, durch die scharfe Sichtung des Vorhandenen zum Begründer einer neuen Forschungsrichtung und so gewissermaßen zum Reformator der Wissenschaft. Indem er für die Gruppen verschiedenen Umfangs in den Begriffen der Art, Gattung, Ordnung, Klasse eine Reihe von Kategorien aufstellte, gewann er die Mittel, um ein System von strenger Gliederung zu schaffen. Anderseits führte er mit dem Prinzip der binären Nomenklatur eine feste und doch einfache Bezeichnung ein und schuf so ein systematisches Fachwerk, in welchem sich die spätern Entdeckungen leicht an sicherm Ort eintragen ließen. Seine Klassifikation der Tiere (und auch der Pflanzen) war eine künstliche, weil sie nicht auf der Unterscheidung natürlicher Gruppen beruhte, sondern meist vereinzelte Merkmale des innern und äußern Baues als Charaktere benutzte. Linné brachte die schon von Ray angedeuteten Verbesserungen des Aristotelischen Systems zur Durchführung und teilte die Tiere nach der Bildung des Herzens, nach der Beschaffenheit des Bluts, nach der Art der Fortpflanzung und Respiration in sechs Klassen, nämlich in die Säugetiere, Vögel, Amphibien, Fische, Insekten und Würmer; die letzte Klasse enthielt, wie es nicht anders sein konnte, ein buntes Gemisch der verschiedensten Tierformen. Linnés »Systema naturae«, das übrigens in seinen 13 Auflagen wesentliche Veränderungen erlebte, erlangte eine weite Verbreitung und einen so großen Einfluß, daß leider sogar noch heutzutage viele Anhänger desselben die strenge Methode der formellen Systematik für die Z. selbst halten und die Bestimmung und Beschreibung der für unveränderlich erklärten Spezies als das einzige Ziel und die eigentliche Aufgabe der Z. betrachten. Dem gegenüber erhielt aber die eingehendere wissenschaftliche Behandlung des Gegenstandes eine bedeutende Kräftigung durch Buffon und namentlich durch Bonnet, indem beide den zoologischen Einzelerfahrungen durch allgemeine Ideen einen geistigen Zusammenhang zu geben versuchten. Zugleich nahm durch die Arbeiten von Reaumur, Rösel v. Rosenhoff, de Geer, Schäffer u. a. die Kenntnis der Lebensgeschichte der Tiere in außerordentlichem Maße zu, und gleichzeitig wurde die vergleichende Anatomie gefördert, welche allerdings unter dem Einfluß v. Hallers, des Schöpfers der Experimentalphysiologie, zunächst in den Dienst der Physiologie trat und in erster Linie die Lebenderscheinungen zu erklären versuchte. In dieser Richtung legte Spallanzani durch seine Arbeiten den thatsächlichen Grund zu einer Theorie der Befruchtung, während Kaspar Friedrich Wolff (1759) die Haltlosigkeit der Evolutionstheorie, nach welcher die Entwickelung eine bloße Vergrößerung und Entfaltung des im Ei als vorgebildet anzunehmenden Keims sei, nachwies und so den Grund zur heutigen Entwickelungsgeschichte legte. Wolffs Arbeiten gerieten aber zunächst in Vergessenheit, Epoche machte hingegen gleich bei seinem Auftreten Georg Friedr. Cuvier, welcher 1812 eine wesentlich veränderte Klassifikation aufstellte, die seit Aristoteles den bedeutendsten Fortschritt der Wissenschaft bezeichnete. Im Gegensatz zu der damals gültigen Ansicht von der Einheit der tierischen Organisation suchte er zu zeigen, daß es im Tierreich vier Hauptzweige gebe, deren Unterabteilungen nur leichte, auf die Entwickelung oder das Hinzutreten einzelner Teile gegründete Modifikationen seien. Als solche »Baupläne« oder »Typen« erschienen ihm die Wirbeltiere, Weichtiere, Gliedertiere und Strahltiere. Diesen Anschauungen Cuviers standen lange die Lehren bedeutender Männer, der Anhänger der sogen. naturphilosophischen Schule, gegenüber, die in Frankreich vorzüglich von Lamarck und E. Geoffroy Saint-Hilaire, in Deutschland von Oken und Schelling vertreten wurde. Für sie handelte es sich wesentlich um die Frage nach der Konstanz der Art, also um die Untersuchung darüber, ob die einzelnen Arten stets als solche getrennt bestanden haben oder die einen aus den andern hervorgegangen seien. In diesem Streit, an dem auch Goethe aus der Ferne den lebhaftesten Anteil nahm, blieb damals Cuvier mit seiner überwältigenden Detailkenntnis Sieger und sah auch bald seine Ideen durch die entwickelungsgeschichtlichen Arbeiten von Karl Ernst v. Baer bestätigt. Dieser brachte die Embryologie zu Ehren und wurde hierin von einer großen Anzahl Forscher um so eifriger unterstützt, je mehr sich die Bedeutung dieses Wissenschaftszweigs für die gesamte Z. herausstellte. Auch die vergleichende Anatomie, welche auf Grund der von Schleiden und Schwann aufgestellten Zellenlehre die mikroskopischen Verhältnisse berücksichtigen lernte, erlangte großen Einfluß namentlich auf die Anschauungen über die niedern Tierformen, von denen die meisten bis dahin gar nicht oder nur unvollkommen bekannt gewesen waren. Hervorragendes leisteten hier Johannes Müller, der in einer bis zum heutigen Tag unerreichten Weise Anatom und Physiolog zugleich war, sowie Rathke, Owen, Milne-Edwards, Huxley, v. Siebold, Steenstrup, Gegenbaur, Häckel, die zum Teil noch leben, sowie viele andre. Die Paläontologie erhielt durch Cuvier, Lamarck, Agassiz, Owen etc., die Zoogeographie durch Agassiz, Schmarda, Sars, Forbes und vor allen durch Wallace gebührende Rangstellung. Während aber diese Arbeiten zum Teil auch auf die Ausbildung des Systems gerichtet waren, strebte die größere Zahl der Forscher nach immer tieferer Einsicht in das Leben und vorzüglich in den Bau der einzelnen Formenkreise. Als solche wurden allmählich statt der vier von Cuvier aufgestellten Typen sieben unterschieden (Wirbel-, Weich-, Glieder-, Strahltiere, Würmer, Zoophyten und Urtiere), ohne daß jedoch die an ihrer Selbständigkeit häufig auftauchenden Zweifel sich Geltung verschaffen konnten. Erst Darwin gelang es, 1859 mit seinem Werk »Über die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl« den schon wankend geworde-^[folgende Seite]