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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Desjardins - Desmidiaceen

gelernt, man hat aber auch manche der früher schon bekannten, welche etwas mehr verlassen waren, wieder entsprechender gewürdigt. Bevor diese aber besprochen werden sollen, muß hervorgehoben werden, daß heute als ein Hauptgrundsatz zu gelten hat: chemische Desinfektionsmittel können in ihrer Wirkung nur dann richtig beurteilt und untereinander verglichen werden, wenn die Infektionsstoffe, auf welche sie einwirken sollen, den Mitteln ohne weiteres auch alle gleich zugänglich sind. Meistens sind aber die Infektionsstoffe, d.h. die Bakterien, in den verschiedenartigsten Schmutz eingelagert, welcher oft zu zähen Massen oder festen Krusten vertrocknet, dieselben mit einer schützenden Hülle gegen die Desinfektionsmittel umgibt. Gelangen solche Krankheitsstoffe enthaltende Massen in den Körper von Menschen oder Tieren, so weiden diese Umhüllungen aufgelöst, und es erfolgt die Infektion ungehindert. Es ist folglich eine Hauptbedmgung jeder D. mit chemischen Mitteln, durch gründliche Reinigung die Schmutzsubstanzen, welche vorwiegend organischer Natur sind und aus Fett-, Eiweiß-, Leimsubstanzen bestehen, aufzulösen und so die Bakteriender Einwirkung der Desinfektionsmittel zugänglich zu machen. Dies hat unter Umständen wieder seine besondern Schwierigkeiten, weil manche Objekte nicht ohne weiteres einer Abwaschung, z. B. mit Seifenwasser und Soda, unterworfen werden tonnen, ohne daß sie hierdurch unbrauchbar gemacht würden. In solchen Fällen muß entweder der Gegenstand geopfert werden, oder man wählt besondere Auskunftsmittel (so das Abreiben der tapezierten Wände mit Brot, wodurch eine sehr vollständige D. derselben sogar ohne Zuhilfenahme eines Desinfektionsmittels erreicht werden kann). Handelt es sich um abwaschbare Räume und Gegenstände, so empfiehlt es sich zum Schutz derjenigen, welche die Arbeit vorzunehmen haben, unter Umständen zunächst die Objekte mit einem Desinfektionsmittel vorläufig zu befeuchten oder abzuwaschen, sodann dieselben einer gründlichen Reinigung zu unterziehen und dann erst die eigentliche D. vorzunehmen.

Es sind also bei der D. mit chemischen Mitteln sehr mannigfache Gesichtspunkte zu beachten, und es muß das Verfahren beinahe für jeden Einzelfall besonders ausgedacht werden; die Mannigfaltigkeit der notwendigen Maßnahmen wird aber noch erheblich vermehrt dadurch, daß, wie man jetzt weiß, auch die einzelnen pathogenen Bakterien (s.d., Bd. 2 u. 17) eine sehr verschiedene Widerstandsfähigkeit besitzen, ja daß die einen derselben leichter durch dieses, die andern leichter durch jenes Desinfektionsmittel zerstört werden. Einige Beispiele mögen genügen: Die Mikrotolken, welche die Wundinfektionskrankheiten hervorrufen, werden sehr sicher und rasch durch Karbolsäure getötet, nicht so die Milzbrandsporen. Das Ouectsilbersublimat tötet sofort Milzbrandsporen, die widerstandsfähigsten Infektionserreger, welche wir kennen, ist aber zur D. des tuberkelbacillenhaltigen Auswurfs der Schwindsüchtigen völlig unbrauchbar; dieser wird dagegen durch Kreolin schon in 2proz. Lösung sicher desinfiziert. Hieraus ist ersichtlich, daß es wünschenswert sein muß, verschiedenartige Desinfektionsmittel zu kennen, so daß jedesmal nach Art der Krankheit, gegen welche desinfiziert werden soll, und nach Art des zu desinfizierenden Gegenstandes das geeignetste derselben ausgewählt werden kann. Es kommen gegenwärtig folgende chemische Desinfektionsmittel in Betracht: obenan stehen die im Artikel D. (Bd. 4) aufgeführten Mittel Sublimat und Karbolsäure als diejenigen von der allgemeinsten Wirksamkeit.

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Sodann ist erst jetzt einem Mittel durch die bakteriologische Forschung die ihm gebührende Beachtung zu teil geworden, einem Mittel, welches wohl ohne Zweifel als das älteste Desinfektionsmittel bezeichnet werden muß: es ist dies der frisch gelöschte gebrannte Kalk. Derselbe steht in seiner Wirkung der Karbolsäure nahezu gleich, ist geruchlos, ungiftig, überall leicht zu beschaffen, billig; er eignet sich vortrefflich zu einem desinfizierenden Anstrich gemauerter oder getäfelter Wände sowie besonders zur D. von Typhus-und Cholerastühlen, überhaupt jeder Jauche, wofern sie nicht Milzbrandsporen oder Tuberkelbacillen enthält. Von den uns bis jetzt bekannten Infektionsstoffen sind diese beiden wohl die einzigen, welche^ durch den Kalk nicht abgetötet werden. Noch ein zweites, in den letzten Jahren etwas unterschätztes, längst bekanntes Desinfektionsmittel ist durch die neuesten Untersuchungen wieder mehr zur Geltung gekommen, nämlich der Chlorkalk. Er ist im stande, in kürzester Zeit Milzbrandsporen und Tuberkelbacillen abzutöten, allerdings nur, wenn er als dicker Brei mit denselben in Berührung kommt. Bei der Tünchung von Wandflächen, Abschlämmung von gepflastertem oder Lehmschlagboden u. dgl. ist jedoch die Anwendung in dieser Form sehr wohl thunlich. Den Kalk an Wirksamkeit noch übertreffend ist von neuen Mitteln zu nennen die Schwefelkarbolsäure, eine durch Mischung der an sich wenig wirksamen rohen Karbolsäure mit reiner Schwefelsäure hergestellte sirupartige Flüssigkeit, aus welcher 2-5proz. wässerige Verdünnungen hergestellt werden. Diese Mischungen sind im stande, Milzbrandsporen und Tuberkelbacillen zu töten; sie sind wie Kalk leicht zu beschaffen und billig. Nach den großen Überschwemmungen des Jahrs 1888 wurden sie auf Anordnung des königlich preußischen Kultusministeriums zur D. von Brunnen angewandt, nachdem eingehende Untersuchungen das Verfahren als erfolgreich erwiesen hatten. Als der Schwefelkarbolsäure chemisch verwandter Körper ist zu nennen das Kreolin (s. d., Bd. 17). Das souveränste Desinfektionsmittel ist die Hitze geblieben; für metallene Gegenstände eignet sich am besten das Ausglühen (der Gegenstand braucht dabei nicht bis zum Glühen zu kommen, sondern muß nur so weit erhitzt werden, daß er weißes Papier, Stoff, Watte etc. bräunt, da organische Substanzen bei ca. 150° C. sich bräunen und bei dieser Temperatur sämtliche Bakterien abgetötet werden). Für alle Textilgegenstände, selbst Seide, ferner für Betten ist der strömende Dampf von 100° C. oder gespannter Dampf von etwas über 100° C. das einzige, aber unbedingt verläßliche Desinfektionsmittel. Pelz- und Lederwaren dürfen Dämpfen nicht ausgesetzt werden. Zur D. dieser Gegenstände ist noch kein nach allen Seiten befriedigendes Verfahren gefunden.

Vgl. »Mitteilungen aus dem kaiserlichen Gesundheitsamt« (Bd. 2); Wolffhügel, Schweflige Säure etc.; »Arbeiten aus dem kaiserlichen Gesundheitsamt« (Bd. 5); Jäger, Untersuchungen über die Wirksamkeit chemischer Desinfektionsmittel etc.; Liborius, Untersuchungen über die Desinfektionswirkung des Kalks (»Zeitschrift für Hygiene«, Bd. 2); Fränkel, Die desinfizierenden Eigenschaften der Kresole (»Zeitschrift für Hygiene«, Bd. 6).

Drsjardins, 2) Ernest, Archäolog, starb 23. Okt. 1886 in Paris.

Desmidiaceen. Ähnlich wie bei den Diatomeen, besteht nach neuern Untersuchungen die Zellhaut der meisten D. aus zwei getrennten Stücken, die mit ihren Rändern einander umfassen. Bei manchen Arten