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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Deutschland (Geschichte 1888, 1889).

Anmerkung: Fortsetzung des Artikels 'Deutschland'

Anmerkung: Fortsetzung von [Geschichte.]

Bürgermeister der Freien Städte zur persönlichen Teilnahme an der Eröffnung des Reichstags eingeladen. Mit Ausnahme des Fürsten Reuß ältere Linie erschienen sie sämtlich oder waren durch ihre Thronfolger vertreten. Die Thronrede, welche der Kaiser, von den Fürsten umgeben, verlas, verkündete, daß er entschlossen sei, als Kaiser und als König dieselben Wege zu wandeln, auf denen sein Großvater das Vertrauen seiner Bundesgenossen, die Liebe des deutschen Volkes und die wohlwollende Anerkennung des Auslandes gewonnen habe. »Ich bin entschlossen«, fuhr der Kaiser fort, »Frieden zu halten mit jedermann, soviel an Mir liegt. Meine Liebe zum deutschen Heer und Meine Stellung zu demselben werden mich niemals in Versuchung führen, dem Lande die Wohlthaten des Friedens zü verkümmern, wenn der Krieg nicht eine durch den Angriff auf das Reich oder auf dessen Verbündete uns aufgedrängte Notwendigkeit ist.« Als diese Verbündeten wurden Österreich und Italien bezeichnet, mit welchen Ländern gleiche geschichtliche Beziehungen und gleiche nationale Bedürfnisse der Gegenwart das Deutsche Reich verbinden. Nach Annahme einer Adresse an den Kaiser wurde der Reichstag 26. Juni wieder geschlossen.

Schon in der Thronrede hatte der Kaiser die sorgfältige Pflege seiner persönlichen Freundschaft für den Kaiser von Rußland und der seit 100 Jahren bestehenden friedlichen Beziehungen zu dem russischen Nachbarreich, welche seinen persönlichen Gefühlen ebenso wie den Interessen Deutschlands entspreche, als seine Absicht bezeichnet. Da er durch Anknüpfung persönlichen Verkehrs mit den Monarchen der Nachbarstaaten der Aufrechterhaltung des Friedens einen Dienst zu leisten glaubte, machte er im Juli zunächst einen Besuch am russischen Hof, indem er, von einer ansehnlichen Flotte begleitet, auf der kaiserlichen Jacht Hohenzollern nach Kronstadt fuhr. Nach mehrtägigem Aufenthalt in Peterhof begab sich der Kaiser 24. Juli ebenfalls zur See nach Stockholm zum Besuch des Königs Oskar und von da 28. Juli nach Kopenhagen. Nach Kiel 31. Juli zurückgekehrt, stattete er auf der Fahrt nach Berlin dem Reichskanzler in Friedrichsruh einen Besuch ab. Nachdem er in einer Rede bei Gelegenheit der Enthüllung des Denkmals des Prinzen Friedrich Karl in Frankfurt a. O. 16. Aug. Anlaß genommen hatte, die Gerüchte, als ob sein Vater die Absicht gehabt habe, das, was er und Prinz Friedrich Karl mit dem Schwert erkämpften (Nordschleswig, Elsaß-Lothringen oder einen Teil Hannovers), wieder herauszugeben, als eine Verleumdung entschieden zurückzuweisen, trat der Kaiser eine Reise an die süddeutschen Höfe in Stuttgart, Mainau und München an, traf 3. Okt. in Wien ein, wo er von der Bevölkerung mit stürmischem Jubel empfangen wurde, und wo der Kaiser Franz Joseph bei dem Galaessen 4. Okt. ein Hoch auf die deutsche Armee als das leuchtendste Muster aller militärischen Tugenden ausbrachte, und reiste dann nach Italien weiter, wo er 11. Okt. in Rom und 16. Okt. in Neapel einen begeisterten, glänzenden Empfang fand; in Rom wurde eine Heerschau, in Neapel eine Flottenschau abgehalten. Auch den Papst im Vatikan besuchte Kaiser Wilhelm, vermied es aber, auf die »römische Frage«, d. h. die weltliche Souveränität des Papstes, näher einzugehen; in dem Trinkspruch auf das italienische Königspaar und die italienische Armee, welchen der Kaiser am Abend desselben Tags (12. Okt.) darbrachte, nannte er wohl nicht ohne Absicht Rom die Hauptstadt des Königs. Am 21. Okt. kehrte der Kaiser nach Potsdam zurück. Unzweifelhaft trugen seine Reisen und seine Äußerungen ↔ in den ersten Monaten seiner Regierung wesentlich dazu bei, die Lage zu klären und die Bahnen, in welchen sich die auswärtige Politik des neuen Herrschers bewegen würde, zu bezeichnen; namentlich trat immer mehr die außerordentliche Bedeutung des Dreibundes für die Aufrechterhaltung des Friedens hervor; die Politik desselben wurde im einzelnen von Bismarck mit Crispi und Kalnoky, welche nach Friedrichsruh kamen, vereinbart.

Dem Reichstag, welcher 22. Nov. vom Kaiser wieder eröffnet wurde, legte die Reichsregierung außer dem Etat eine Vorlage über Verstärkung der Kriegsmarine durch neue Kriegsschiffe und den Entwurf eines Gesetzes über die Invaliditäts- und Altersversicherung der Arbeiter vor. Im Etat, welchen der neue Schatzsekretär v. Maltzahn-Gültz befürwortete, machte sich schon die neue Branntweinsteuer durch Erhöhung der Einnahmen, welche eine Verminderung der Matrikularbeiträge gestattete, bemerklich; er wurde genehmigt, ebenso wie die Marinevorlage, an welche sich auch eine Änderung in den Marinebehörden knüpfte, indem der Chef der Admiralität das Oberkommando der Marine verlor und dies einem kommandierenden Admiral übertragen wurde. Chef der Admiralität wurde Admiral Heusner, kommandierender Admiral der Admiral v. d. Goltz. Die meiste Zeit nahm die Beratung des großen sozialpolitischen Gesetzes über die Invaliditäts- und Altersversicherung in Anspruch, welches von Sozialdemokraten, Freisinnigen und Ultramontanen hartnäckig bekämpft wurde, und gegen welches auch agrarisch gesinnte Konservative aus dem Osten Bedenken hatten, so daß es schließlich 24. Mai 1889 nur mit einer geringen Mehrheit (185 gegen 165 Stimmen) angenommen wurde. Ferner beschäftigte sich der Reichstag mit der Kolonialpolitik. Dieselbe erlitt 1888 einige Rückschläge. In Südwestafrika wurde der Häuptling der Herero, welcher den Deutschen die Ausbeutung der Bergwerke übertragen hatte, diesem Vertrag 1888 zu gunsten eines Engländers, Lewis, untreu, und da der deutsche Reichskommissar keine bewaffnete Macht zur Verfügung hatte, mußte er sich vorläufig zurückziehen. In Ostafrika trat der Sultan von Sansibar der Deutschen Ostafrikanischen Gesellschaft 28. April 1888 die Verwaltung der Küste des deutschen Gebiets auf 50 Jahre ab. Die Gesellschaft nahm etwas eilig und ohne die erforderlichen Vorsichtsmaßregeln von den abgetretenen Häfen Besitz (16. Aug.) und rief dadurch einen Aufstand der arabischen Sklavenhändler, welche sich im Betrieb ihres Geschäfts gefährdet glaubten, hervor. Dieselben bemächtigten sich nach und nach durch Überfälle der Häfen außer Bagamoyo und ermordeten mehrere Deutsche. Die deutsche Regierung vereinbarte mit England eine Blockade der ostafrikanischen Küste, um den Sklavenhandel zunächst zur See zu unterdrücken, und erhielt nicht nur hierfür vom Reichstag die Genehmigung, sondern im Februar 1889 auch dafür, daß der berühmte Afrikareisende Wißmann zum Reichskommissar für Ostafrika mit der Aufgabe ernannt wurde, eine kleine Streitmacht zu sammeln und sich der Küste wieder zu bemächtigen. In Samoa erhob sich gegen den von den Deutschen eingesetzten König Tamasese der Häuptling Mataafa und wurde von amerikanischen Abenteurern unterstützt; eine Abteilung deutscher Marinesoldaten wurde 18. Dez. 1888 von den Scharen Mataafas überfallen und erlitt empfindliche Verluste. Ein furchtbarer Seesturm vernichtete 16. März 1889 im Hafen von Apia zwei deutsche Kriegsschiffe, Adler und Eber, während das dritte, Olga, später wieder flott gemacht werden konnte.

Anmerkung: Fortgesetzt auf Seite 241.