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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Französische Litteratur (seit 1884: Geschichtschreibung)

ter des Herzogs Victor Amédée von Savoyen, den "Schmied ihres Glücks" nannte, weil er ihre Heirat mit dem Enkel Ludwigs XIV. vermittelt hatte.

Der Briefwechsel von Georges Sand, ein prächtiges Denkmal, wozu die hochbegabte Frau unbewußt das Material lieferte, wurde noch durch zwei Bände (5 und 6) vermehrt, welche die Jahre 1864-76 umfassen. An die Stelle der Leidenschaft ist ein mildes Feuer, eine durchdringende Gefühlswärme getreten, die sich auf alles ausdehnt, was ihr nahekommt, und dabei hat die Großmutter und Freundin ihre volle Geistesfrische bewahrt. Unter den Persönlichkeiten, die sich in den letzten Jahren der liebevollen Teilnahme der Schloßfrau von Nohant erfreuten, steht Gustave Flaubert in der vordersten Reihe. Der Verfasser der "Madame Bovary", welchem die Kunst so schwer schien, wie sie George Sand leicht war, welcher keinen Satz ohne Ringen niederzuschreiben vermochte und sich in furchtbaren Kämpfen erschöpfte, flößte ihr eine innige Freundschaft ein, die der Einsiedler von Croisset erwiderte. Seine "Briefe an Georges Sand", in denen er freimütig poltert und sie in sein Herz blicken läßt, das er sorgfältig zu verschließen gewöhnt ist, legen davon einen rührenden Beweis ab. Seitdem sind zwei andre Bände der Briefe Flauberts erschienen, die einer Fortsetzung harren; denn die Briefe desselben greifen in die ersten Jahre der Schriftstellerlaufbahn des Schreibers zurück und sind an seine Mutter und einige Jugendfreunde, die des zweiten Bandes vorwiegend an die Dichterin Louise Colet gerichtet, welche während eines ansehnlichen Zeitraums die Geliebte Flauberts war. Der Roman zwischen den beiden ist uninteressant, desto interessanter aber der Einblick in die Schaffensthätigkeit Flauberts, der alles rechtfertigt, was Maxime Du Camp über die furchtbaren Wehen erzählt hatte, unter denen sein Freund eines Buches genas.

Geschichtschreibung. Tagespolitik. Reisebilder etc.

Die neuesten Werke des Akademikers und Herzogs de Broglie, welche wie gewöhnlich zuerst in der "Revue des Deux Mondes" erschienen, sind: "Marie Thérèse impératrice" und "Le secret du roi", geheime Korrespondenz Ludwigs XV. mit seinen diplomatischen Agenten. Der Herzog von Broglie pflegt sich stets streng an vorhandenes Material zu halten, verarbeitet es gewissenhaft und untersagt sich alles Phantasieren im Gegensatz zu seinem akademischen Kollegen Renan, welcher in den bisher erschienenen zwei Bänden der "Histoire du peuple d'Israël", die sich der "Geschichte des Ursprungs des Christentums" anschließt, am meisten durch seine Phantasie fesselt. Der erste Band umfaßt die patriarchalische Periode, die Gefangenschaft in Ägypten, die Eroberung des Gelobten Landes, die Richter, Saul und die Anfänge Davids; der zweite die Regierung Davids in acht Kapiteln, die Herrschaft Salomos und den Glanzpunkt der Entwickelung Israels, das Prophetentum, welches einem kleinen Nomadenstamm weltgeschichtliche Bedeutung sicherte. Wer bei Renan die Bestätigung des auf den Schulbänken Erlernten sucht, wird enttäuscht, vielleicht entrüstet das Buch zuschlagen; wer sich hingegen vorurteilslos neuen Eindrücken hingeben, Fremdes unter bekannten Namen im Zauber einer glänzenden Darstellung auf sich wirken lassen will, der findet in dieser Geschichte des Volkes Israel reiche Anregung. Die geschichtliche Kritik läßt davon manches nicht gelten, und die Orthodoxie schreit über eine neue Entweihung der Heiligen Schrift, diesmal des Alten Testaments, während der unbefangene Leser erstaunt. Vergleiche des Königs David mit einem Mahdi, mit dem Emir Abd el Kader, seines Sohns Salomo mit Ludwig XIV. hinnimmt, nicht ohne eine gewisse Verblüffung erfährt, daß das israelitische Prophetentum ein Journalismus war, der im Namen Gottes auftrat, der erste Artikel eines intransigenten Journalisten 800 Jahre vor Christi Geburt von Amos geschrieben wurde und zwischen den Propheten und gewissen pöbelhaften Kapuzinern in Neapel, den heulenden Derwischen und den bis zur Raserei fanatischen Marabuts eine unleugbare geistige und äußerliche Verwandtschaft besteht. Die schmutzigen Einsiedler, welche aus ihren Wüsteneien hervorbrachen, um die Unzufriedenen gegen die Könige aufzuhetzen, sich vor den Stadtthoren niederließen, in Schmähreden ergingen, statt der Maueranschläge Inschriften an Stöcken schwangen und die Gaffer noch durch ihre Tänze, ihre krampfhaften Zuckungen, ihre Quacksalberkünste zur Aufmerksamkeit zwangen, waren orientalische Vorläufer der heutigen Revolutionäre, gleich gewissenlos, gleich schlau auf ihren Nutzen bedacht. Sie drohten den Reichen, wie heute die Anarchisten den "Mastbürgern", und der Messias, den sie verhießen, war ein politischer Popanz.

Napoleon und das erste Kaiserreich üben noch beharrlich ihre Anziehungskraft, wie man aus den zahlreichen Schriften über jene bewegte Zeit und ihre Leiter schließen darf. Manche sind von untergeordnetem Wert und nur dazu da, den Namen des Verfassers auf den Büchermarkt zu bringen; andre behandeln streng abgegrenzte militärische und politische Fragen oder ziehen Persönlichkeiten ans Licht, die nach kurzem Aufflackern in einer Fachschrift, wohl auch in einem anspruchsvollen Sonderabdruck, wieder ins Dunkel zurücksinken werden. Es gehörte ein eifriger Napoleonkultus dazu, um, wie Tancrède Martel es that, die "Œuvres littéraires" Bonapartes zu veröffentlichen, fleißige Aufsätze und Jugendarbeiten, mit denen der arme Leutnant sich bei Preisbewerbungen in der Provinz einstellte, um sein mageres Einkommen zu vermehren, oder auch Entwürfe zu Werken, die er niemals ausführte. Die Enthüllungen der Frau de Remusat über die unerquicklichen Familienverhältnisse im Haus Bonaparte vervollständigte ein (bei Plon) ohne Autornamen erschienenes Buch: "Le prince Lucien Bonaparte et sa famille", das dem jüngsten Sohn der Madame Lätitia zur Ehre gereicht, weniger aber seinem großen Bruder, der kein Mittel verschmähte, um die Vermählung Luciens mit Alexandrine de Bléschamp rückgängig zu machen, trotz Drohungen, Gefängnis, Verweigerung des Lebensunterhalts, umsonst. In keinem günstigern Lichte tritt uns der Kaiser entgegen in dem Werk des Konsuls Marcellin Pellet: "Napoléon à l'île d'Elbe", der Korrespondenz eines royalistischen Spions mit dem damaligen französischen Konsul in Livorno, einem Ritter Mariotti, aus den Archiven des französischen Konsulats in Livorno. Erst kürzlich erschienen: "Lettres inédites de Talleyrand à Napoléon", 1800-1809, 332 Stück, zum Dritteil nur nichtssagende Billets, ebenso viele trockne Geschäftsbriefe, die übrigen aber von hohem Interesse. Diese haben auf die Unterhandlungen mit Preußen (1803), mit Österreich (1805), mit der Türkei und Persien, endlich auf den langen Aufenthalt Talleyrands in Warschau Bezug. Der Herausgeber Pierre Bertrand bespricht in einer kurzen Vorrede die Echtheit der Briefe und stellt eine eingehendere Studie über die Gesamtheit derselben in Aussicht. Gleich-^[folgende Seite]