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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Isländische Litteratur
teratur, Bd. 11) im 13. Jahrh. ihren Höhepunkt erreicht hatte, bezeichnen das 14. und 15. Jahrh. eine Periode des Verfalls, in welcher nichts von Bedeutung geschaffen wurde. Der »Háttalykill« von Loptr Guttormsson (gest. 1436), eine unpoetische Sammlung von erotischen Versen, hat eine unverdiente Berühmtheit erlangt. Erst gegen Ende des 16. Jahrh. begann mit dem wieder auflebenden Interesse für die altnationale Poesie und Geschichtschreibung die isländische Renaissance. Die Bibel wurde von dem Bischof Gudbr. Thorlaksson überseht und 1584 gedruckt; Arngrimr Jonsson (der Gelehrte) verfaßte lateinische Beschreibungen Islands (»Crymogaea«, Hamb. 1610, und »Specimen Islandiae«, Amsterd. 1643) und die »Anatome Blefkeniana« (Holum 1612 u. Hamb. 1613) gegen die Schrift Blefkens (Leiden 1607); er wird als einer der Wiedererwecker der altnordischen Studien gerühmt. Der litterarisch thätige Bauer Björn a Skardsá (gest. 1655) schrieb seine noch immer geschätzten »Annalen«. Als Geschichtsforscher war Torfäus (1636-1719) fleißig und vielumfassend; als Antiquar Arni Magnusson (1663-1730), der Sammler der berühmten Handschriftensammlung; als Jurist und vielseitiger Gelehrter Páll Vídalín (1667-1727). In der Poesie wurde die alte skaldische Kunstform, deren man sich bis zum 4. Jahrh. bediente, durch die sogen^[korrekt: sogen.] Rímur verdrängt, Gedichte mannigfaltigsten Inhalts in vierzeiligen Strophen in denen neben der Allitteration (diese fehlt in keinem Erzeugnis isländischer Dichtkunst) der Endreim angewendet wurde. Auch einzelne Stoffe der altisländischen Sagas wurden in diese Form gekleidet und erhielten sich so in der Erinnerung des Volkes, während die Mehrzahl (und darunter gerade die bedeutendsten) vollständig in Vergessenheit geraten waren und erst durch die gelehrte Forschung wieder ans Licht gezogen werden mußten. Zum größten Teil aber waren die Rímur religiösen Inhalts. Eine Sammlung der letztern wurde von dem Bischof Gudbr. Thorlaksson besorgt (Holum 1612; 2. Ausg., das. 1648), u. »Vísnabók« (»Liederbuch«) genannt. Der einzige nennenswerte Dichter des 17. Jahrh. war der Pfarrer Hallgrimr Pjetursson (gest. 1674), durch seine bis auf den heutigen Tag aufgelegten Passionspsalmen berühmt (sie wurden zweimal ins Lateinische übersetzt); auch der Pfarrer Stefán Olafsson (gest. 1688) erwarb sich einen Namen, doch meist als satirischer Dichter. Der berühmteste Kanzelredner war der Bischof Jon Vídalín (1666-1720), dessen Postille noch immer eines großen Ansehens genießt. Eine früher nie gesehene Erscheinung war Eggert Olafsson (1726-1768), gleich ausgezeichnet als Philolog, Archäolog, Naturforscher, Ökonom, Historiker und Dichter; ihm verdankt man die schätzbare ausführliche Beschreibung Islands, die auf öffentliche Kosten herausgegeben wurde (Kopenh. 1772, auch ins Deutsche und Französische übersetzt), und die nie ihren Wert verlieren wird. E. Olafsson hat, obwohl spät, einen entschiedenen Einfluß auf alle Richtungen des geistigen Lebens in Island gehabt (seine Gedichte wurden in Kopenhagen 1832 gedruckt). Der Bischof Finn Jonsson oder Johannäus (1704-83) verfaßte (lateinisch) seine berühmte Kirchengeschichte Islands (Kopenh. 1772-78, 4 Bde.), die von dem Bischof P. Pjetursson fortgesetzt wurde (das. 1841). Der Sohn und Nachfolger Finn Jönssons, der Bischof Hannes Finnsson (1739-96), war ein sehr gelehrter und vielseitiger Schriftsteller u. ebenso gründlich wie populär.
Einen neuen Impuls erhielt die i. L. durch die auf Anregung in Kopenhagen studierender Isländer gestiftete Königliche Inländische Litteraturgesellschaft (nicht zu verwechseln mit der spätern von Rask). Sie gab 1781-98 ihre Schriften gelehrten und populären Inhalts in 15 Bänden, darin auch Übersetzungen von Büschings »Naturgeschichte«, Popes »Temple of fame« von Ben. Gröndal dem ältern) und die ersten Gesänge von Miltons »Paradise lost« von Jón Thorlaksson (1744-1819). Dieser unermüdliche und sprachgewandte, aber phantasiearme Übersetzer der ganzen »Messiade« von Klopstock (Kopenhagen 1838) und Miltons TTTTT (das. 1828) lebte in unaufhörlichen Verlegenheiten und in der größten Armut als Pfarrer und verfaßte trotzdem eine Menge andrer Übersetzungen und originaler Gedichte; er wurde lange Zeit als der bedeutendste Dichter Islands betrachtet. In Kopenhagen wirkten Thorkelin (1752-182i) und Thorlacius (1741-1815) als Philologen und Beförderer der altnordischen Studien; später Finn Magnusson (1781-1847) nls Archäolog, Mytholog und Runolog; diese drei bedienten sich der lateinischen und dänischen Sprache.
Am Schluß des 18. und dem Anfang des 19. Jahrh, blühte Ven. Gröndal der ältere (gest. 1825) als gelehrter und kraftvoller Lyriker, gewissermaßen der Vorläufer und das Vorbild Bjarni Thorarensens. Magnus Stephensen (1762-1833), oberster Richter (Justitiarius) und Konferenzrat, beherrschte lange Zeit die i. L. Reich und unabhängig, für die Fortschritte des Landes wirkend, wollte er, von Franzosen (Voltaire) und englischen Essayisten beeinflußt, die europäische »Aufklärung« in Island einführen und gab viele Schriften verschiedenen Inhalts heraus, teils Zeitschriften, teils Spezialwerke; aber wegen dieser Neuerungen, seines schwerfälligen Stils und seiner ziemlich rücksichtslosen, obwohl in bester Meinung vorgenommenen Niederreißung der ältern und nach seiner Ansicht geschmacklosen Erbschaft früherer Zeiten (z. B. der Rímur) stieß er auf großen Widerstand, hatte aber einen großen Einfluß auf seine Zeit und brachte viel Neues; seine Verdienste sind erst in neuerer Zeit gewürdigt worden. Im J. 1816 stiftete Rask die Isländische Litterarische Gesellschaft (hidh ízlenszka bókmentafèlag), die viele Werke veranlaßte, so die ältere Ausgabe von »Sturlunga« (1816-20), die »Arbaekur Islands« (isländische Geschichte in Annalenform) von Jón Espolín, von 1263 bis zu 1832 reichend, etc.
Die bedeutendsten Dichter waren Bjarni Thorarensen (1786-1841), ein kräftiger Lyriker, bilder- und ideenreich, aber Form und Sprache nicht immer beachtend, und der geschmackvolle S. Egilsson (s. d., Bd. 5; seine meisterhafte Übersetzung der »Odyssee« und der »Iliade« [die erstgenannte in antikem Versmaß] machten ihn auf Island berühmt; seine lyrischen Gedichte sind in Form und Sprache tadellos, einige ersten Ranges). Später trat Jonas Hallgrimsson aus (1807-45), ein lieblicher und sprachgewandter Lyriker, erst von S. Egilsson, dann von Schiller und Heine beeinflußt (merkwürdigerweise war Goethe diesen Dichtern beinahe unbekannt). Die geschmacklosen Monatsschriften: »Sunnanpóstur« (1835-38) und »Reykjavíkurpóstur« (1846-49), unter reaktionärer Leitung verfaßt, machten wenig Eindruck, um so mehr aber der »Fjölnir«, von isländischen Studenten in Kopenhagen 1835-47 herausgegeben (hauptsächlich von Konrad Gislason [s. d., Bd. 7], Jonas Hallgrimsson und Tomas Sämundsson), der durch die Begründung einer gesunden Kritik und durch die Verbreitung politischer Ansichten höchst segensreich