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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Bergsturz

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Bergsturz (Ursachen).

teraturgeschichte« (Berl. 1888), der die Komödie, die ionische und attische Prosa und die nachklassische Litteratur umfaßt, von Peppmüller herausgegeben.

Bergsturz, der plötzlich erfolgende Absturz sehr großer, zusammenhängender Gesteinsmassen von einem steilen Gehänge, welcher jedesmal eintritt, nachdem im Laufe der Zeiten der Zusammenhang dieser Massen mit ihrer Unterlage gelöst ist. Ein solcher Sturz kann nur an Gehängen vor sich gehen, welche steiler sind als der Böschungswinkel, unter dem lose Massen wie Gerölle liegen bleiben können, und an welchen nur der innere Zusammenhang der festen Gesteinsmassen diese vor dem Falle bewahrt. Wird nun durch irgend welchen Umstand dieser innere Zusammenhalt gelöst, so muß die ganze Masse infolge der Schwere herabstürzen. Bergstürze sind also eine Verstärkung desjenigen Prozesses, der in den steilern Partien eines Hochgebirges in kleinerm Maßstab beständig sich vollzieht, der Entblößung des Bodens oder der Denudation. Eine andre Vorbedingung für das Zustandekommen eines Bergsturzes ist eine in der Struktur der Gesteine gegebene Anlage für Herausbildung einer Ablösungsfläche, an welcher die Massen sich abtrennen und zur Tiefe gleiten können. Solche Flächen bilden sich in erster Linie in geschichteten Gesteinen. Die Neigung der Schichten muß dem steilen Gehänge zugekehrt sein, sie muß groß genug sein, um ein Abgleiten von Felsmassen auf der Schichtfläche zu gestatten, aber kleiner bleiben als die des Gehänges. Besonders begünstigt wird eine Ablösung durch Wechsellagerung harter und weicher Gesteine, wie etwa von Kalk und Mergel oder Thon. Das überall in der Erdrinde auf Spalten und Schichtflächen zirkulierende Grundwasser wird den leicht zerstörbaren Mergel auswaschen und dadurch der darüber liegenden Kalkmasse ihre Unterlage entziehen. Das war z. B. die Veranlassung für den furchtbaren B., durch welchen 1806 der Ort Goldau zwischen Zuger und Lowerzer See in der Schweiz verschüttet wurde, indem Massen von harter Nagelfluh auf einer eingeschalteten Mergelbank abglitten. Der gleiche Fall muß eintreten, wenn auch ohne Wechsellagerung eine mächtige Ablagerung von harten Kalken auf weichem Thon liegt. Da letzterer für Wasser undurchlässig ist, so sammelt sich alles Sickerwasser auf der Grenze beider Gesteinsmassen und lockert durch Unterwaschung den Zusammenhalt derselben. Anstatt auf einer Schichtfläche kann die Ablösung sich auch auf einer der zahlreichen das Gestein durchsetzenden Verwerfungsspalte vollziehen. In jedem Falle bedarf es aber einer äußern Veranlassung, um die Massen in Bewegung zu setzen. Vor allem ist es die Thätigkeit des Wassers, welche hierbei in erster Linie in Betracht kommt. Ist das Gestein in seinem Innern mit Wasser durchtränkt, und gefriert letzteres in den Spalten, Klüften und Poren, so wird durch die beim Übergang in Eis eintretende Ausdehnung das Gestein gesprengt. Auch von untenher kann das Wasser der Bäche eingreifen, indem es die Thalwände unterwühlt und dadurch den überhängenden Felsmassen die Stütze entzieht. Außer solchen Naturkräften ist es auch der Mensch selbst, welcher durch Abholzung oder Anlage von Steinbrüchen und Bergwerken die Thalgehänge anschneidet und dadurch die höher liegenden Massen in Bewegung setzt. So lagen die Verhältnisse in dem Falle des Bergsturzes von Elm. Der Tschingelberg bei Elm, welcher den Ort mit sehr steilem Gehänge überragt, besteht aus dünn geschichteten schwarzen Schiefern, deren Lagerung stark zerstört ist; die Schichten sind nicht gegen die Thalwand hingeneigt, sondern fallen gegen den Berg zu ein. Um das Schiefermaterial zu verwerten, wurde 1868 ein Steinbruch eröffnet, der nach Verlauf von etwa 10 Jahren schon eine horizontale Länge von 180 m erreicht hatte und tief in das Gehänge des Berges einschnitt (s. Figur). Über dem Steinbruch treten »wilde Schiefer« auf, d. h. außerordentlich stark zerrüttete Gesteinsmassen; durch Sprengungen war der Zusammenhang der Massen in hohem Grade gelockert. Von den eigentlichen Ursachen der Lockerung ist der letzte Anlaß, welcher den Eintritt der Katastrophe herbeiführt, meistens sehr verschieden. Bei den Bergstürzen in den Alpen sind es gewöhnlich heftige Regengüsse oder massenhafter Wasserzufluß bei der Schneeschmelze im Frühjahr, welche den Anstoß geben, um eine aus andern Ursachen gelockerte Masse zum Falle, einen »reifen« B. zum Losbruch zu bringen. Daher pflegen in der Schweiz die meisten Bergstürze im April und in der ersten Hälfte des Septembers aufzutreten. Dieselbe Rolle spielen Erdbeben, indem sie den letzten Anstoß zur Ablösung der Felsmassen geben. So war es bei dem großartigsten Ereignis dieser Art, das in den Alpen bekannt ist, bei dem Sturze des Dobratsch, der im Gailthal 1348 so furchtbare Verwüstungen anrichtete. Die Gesamtmasse des herabgestürzten Materials läßt sich nur in wenigen Fällen einigermaßen genau schätzen; für den B. von Elm rechnet Heim 10 Mill. cbm, für denjenigen von Goldau 15 Mill. cbm, für den Sturz der Diablerets im Wallis werden sogar 50 Mill. cbm angegeben. Für manche Katastrophen aus vorhistorischer Zeit, deren Großartigkeit sich nur aus der Ausdehnung der Trümmer entnehmen läßt, müßten noch größere Zahlen angenommen werden. Die Schuttmasse, welche beim Sturze von Flims in Graubünden herabgelangte, wird auf 15 cbkm geschätzt. Da auf der Oberfläche des Schuttes erratische Blöcke und Spuren von Moränen sich finden, so muß der Sturz vor der großen Vereisung der Alpen stattgefunden haben.

Im allgemeinen sind die Verhältnisse, welche die Entstehung eines Bergsturzes bedingen, in den jüngern, äußern Teilen der Alpen, in der Kalkzone, dem Flysch- und Molassegebiet für die Entwickelung einer derartigen Katastrophe weit günstiger als in den alten Gesteinen der Zentralkette, und so gehören denn auch die größten Ereignisse der Art dem erstern Gebiet an, wie z. B. der Sturz des Dobratsch in Kärnten, der Einsturz eines mächtigen Felsturms in der Bocca di Brenta u. a. Zu den mächtigsten

^[Abb.: Bergsturz bei Elm.]