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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Bevölkerungsgeschichte

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Bevölkerungsgeschichte (Europa: Allgemeines).

Auch unter Ludwig XIII. und Ludwig XIV., wenigstens bis zum Höhepunkt von des Letztgenannten Regierung, dauerte das Wachstum an. Allerdings spielten auch so manche wichtige Ursachen in entgegengesetzter Richtung, als innere Wirren, äußere Kriege. Die letztern Ursachen nahmen dann in der letzten Regierungszeit Ludwigs XIV. sehr überhand, vornehmlich durch den Widerruf des Edikts von Nantes. Die nun vorliegenden wichtigen Berichte (Mémoires) der königlichen Intendanten gestatten für 1700 eine Volkszahl von 21-22 Mill. für das Gebiet des heutigen Frankreich anzunehmen, womit wir wieder bei derselben Ziffer angelangt sind, welche Uns schon zweimal begegnete. Mit Beginn des 18. Jahrh. werden die Verhältnisse immer ungünstiger, und mehr noch als Kriege verheeren Hunger und allgemeine Verarmung das Land, so daß wieder, und zwar zum letztenmal, ein Rückschlag der Bevölkerung erfolgt, welche sich um 1715 nur mit etwa 18 Mill. beziffert.

Nun beginnt die Zeit ununterbrochenen Anwachsens der Bevölkerung. Unter der im allgemeinen friedlichen Regierung Ludwigs XV. heben sich wieder Landbau und Industrie und steigt die Bevölkerung an, was auch unter seinem Nachfolger der Fall ist. Während man 1770: 24 Mill. Einw. zählte, betrug die Volkszahl beim Ausbruch der großen französischen Revolution von 1789 auf dem gegenwärtigen Gebiet des Landes bereits 26 Mill. Daß in der nun folgenden Zeit, etwa bis zur Restauration, eine Stockung des Anwachsens stattfinden mußte, ist leicht einzusehen; wir wissen z. B., daß zu Beginn des gegenwärtigen Jahrhunderts (1801) die Volkszahl nur 27⅓ Mill., also um weniges mehr als vor Ausbruch der Revolution und der ihr folgenden Kriegszeit, betrug. Dann aber folgt Frankreich, wenn auch in wesentlich schwächerm Maße, doch auch dem Zuge der Bevölkerungszunahme, welcher die ganze kultivierte Welt im 19. Jahrh. erfaßt hat; die Volkszahl betrug 1866: 38 Mill., 1872, nach dem Verlust zweier Provinzen, nur 36 und im J. 1886 wieder rund 38 Mill. Einw. Nur zeigt sich dabei, daß der natürliche Zuwachs des französischen Volkes bei der niedrigen Eheschließungs- und Geburtenziffer ein sehr kleiner ist und Frankreich diesbezüglich den übrigen Staaten, insbesondere auch dem Deutschen Reich, bedeutend nachsteht. Es ist begreiflich, daß dies im Lande beträchtliche Besorgnisse erweckt und geradezu zur brennenden Tagesfrage geworden ist, welche das Interesse der Akademie, nahezu aller Statistiker, der Staatsmänner und der gesamten gebildeten Bevölkerung erregt. Im nächsten Abschnitt soll auf diesen Punkt noch einmal zurückgegriffen werden; zuvor aber sollen in der nachfolgenden kleinen Tabelle die Hauptresultate der bevölkerungsgeschichtlichen Entwickelung Frankreichs kurz zusammengefaßt werden:

Epochen Bevölkerungszahl¹

Barbarisches Gallien zur Zeit Cäsars 6,7

Römisches Gallien unter den Antoninen 8,5

Zur Zeit Karls d. Gr. 5½-8

Erste Hälfte des 14. Jahrhunderts 20-22

Ende des 16. Jahrhunderts 20

Im Jahr 1700 21,1

1715 18

1770 24,5

1789 26

1801 27,4

1886 37,9

¹ Für das gegenwärtige Staatsgebiet (in Millionen).

V. Allgemeine Bevölkerungsgeschichte Europas.

In den letzten Jahrhunderten v. Chr. war die Bevölkerung auf dem südlichen Balkan und in Italien dort, wo der europäische Kontinent am dichtesten bewohnt war, in allgemeiner Zunahme begriffen, welche sich in Griechenland bis zum Ende des 4. und in Italien bis zum 1. Jahrh. v. Chr. konstatieren läßt und mit dem Emporblühen der daselbst wohnenden Völker und Staaten in Wechselwirkung steht. Um diese genannte Zeit aber macht sich eine allgemeine Stagnation bemerkbar, welche allmählich bis zur Zeit Christi sich in einen Bevölkerungsrückgang verwandelt. Die durchgreifend wirkende Ursache hierfür war die einschneidende Veränderung, welche durch das sich immer mehr ausbreitende Institut der Sklaverei in der Struktur der Bevölkerung hervorgerufen wurde. Die Sklaverei verhindert den vollkräftigsten und zahlreichsten Bestandteil der Bevölkerung, die Ackerbauer und Gewerbsleute, sich auf freier, gleichberechtigter Basis im Volke zu entwickeln, und unterbindet damit die wesentlichen Zuflüsse des Bevölkerungsstroms; auch in den amerikanischen Sklavenstaaten stand die Bevölkerung still und wuchs riesig an, sobald die beengende Fessel gefallen war. Zu Anfang unsrer Zeitrechnung, gleichzeitig mit Beginn der römischen Kaiserzeit, erfolgt eine allgemeine kräftige Volkszunahme nicht nur in Italien und Griechenland, sondern auch in Illyrien, in Gallien und Spanien sowie in einigen Donaugebieten, wo vorher die Bevölkerung der barbarischen Völkerschaften im allgemeinen als sehr spärlich angenommen werden darf; vornehmlich entstand eine Periode aufblühenden städtischen Lebens, welches sich an die römischen Niederlassungen anschloß.

Dieser gesamte Riesenbau des römischen Reiches wurde nun durch die 200 Jahre andauernde Völkerwanderung, in welcher wir die Folge von Übervölkerung in nördlichen und östlichen Gebieten zu sehen haben, zunächst in seinen Grundfesten erschüttert und dann niedergestreckt. Als deren Wellen allmählich ihre zerstörende Kraft verloren hatten, da zeigte sich vornehmlich das weströmische Gebiet in einer vollständigen Zerrüttung und Zersplitterung, in allgemeiner Gärung und steten Kriegen um die Hegemonie, während das oströmische Reich weit konsolidierter geblieben war und auch seine dichtere Bevölkerung erhalten hatte. Aber während nun in der Folge der Westen einer steten Gesundung entgegenging, wurde das Gebiet des oströmischen Reiches von dem entgegengesetzten Schicksal erreicht. Im 6. Jahrh. n. Chr. raffte die Bubonenpest die Hälfte der Bevölkerung dahin, die Araber verlegten den Weg nach Asien und Ägypten, die Avaren den Weg nach dem Balkan, und die Türkenherrschaft besiegelte endlich den populationistischen Niedergang dieser Länderstrecken; erst in der allerjüngsten Zeit, seit einigen Dezennien, mit der politischen Emanzipation der Balkanstaaten, tritt wieder eine Periode populationistischer Gesundung auf dem Balkan ein. Im Gebiet des weströmischen Reiches legten sich allmählich die Wogen der Völkerwanderung, die Bevölkerung blieb ziemlich dünn gesäet zurück und vermochte sich wegen der anhaltenden Kriege und wegen der großen Pest des 6. Jahrh. vorderhand noch nicht zu erholen. Der Prozeß der politischen sowie auch populationistischen Rekonstruktion Europas beginnt erst mit der Begründung der fränkischen Monarchie, und ihre erste Periode, welche bis in das 14. Jahrh. hineinreicht, trägt ein sehr charakteristisches Gepräge: das der Ausbreitung, nicht gerade der Verdichtung der europäischen Bevölkerung; der dichter bevölkerte Westen gab seinen Überschuß an den Osten, vornehmlich auch an die Ostmark ab, die großen nordischen