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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Deutsche Litteratur

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Deutsche Litteratur (1890: Roman).

kleinern Städten den kläglichen Liebhaberbühnen den Garaus machen und Ziele erreichen könnte, die immerhin bedeutend wären. Unter dieser Voraussetzung brauchte die theatralische Berufskunst die Konkurrenz dieser Volksbühne, die immer nur eine Festbühne zu sein vermochte, nicht zu fürchten, und alles käme darauf an, daß die Dichtung für diese Art der theatralischen Unterhaltung von vornherein nur in den besten Händen ruhte und die dramatische Poesie nicht etwa durch eine Folge von poetisch kraftlosen, lediglich aus Situationsbildern und lyrisch-rhetorischen Erläuterungen bestehenden Volksschauspielen gefährdet werde, die am Ende so verderblich wirken müßten wie die bloßen Fabrikate der sogen. praktischen Bühnenschriftstellerei. Von vornherein würde es nicht auszuschließen sein, daß die Volksbühne mit ihren Aufführungen in den Dienst gewisser patriotischer, religiöser und Parteitendenzen träte, eine Gefahr, die inzwischen noch lange nicht so groß ist als die des seelenlosen Schlendrians schlechter Theater.

Roman und Novelle.

Nach wie vor stehen der Roman und die Novelle im Vordergrund aller »belletristischen« Produktion in der deutschen wie in allen andern europäischen Litteraturen; aus rein äußerlichen wie innerlichen Gründen wächst die Zahl der Prosa-Epen ins Ungemessene, und die Masse entzieht sich schon längst der Beurteilung und jeder andern Gruppierung als der nach dem Umfang der einzelnen Werke. Zum Glück ist es noch immer möglich, die Darbietungen, die sich in einer oder der andern Weise über die Menge erheben, leicht zu unterscheiden, obschon die flache Alltagsbelletristik mit Zuhilfenahme der sozialen Fragen und des modischen Pessimismus einige Stufen höher zu kommen versucht, während auch die Berufenen durch eine Vielproduktion, die mehr in die Breite als in die Höhe strebt, unwillkürlich hinabgleiten. Wenn die Prosa an sich der Gefahr schnellerer Veraltung ausgesetzt ist als die poetische Darstellung in gebundener Rede, so läuft die neueste Erzählungskunst diese Gefahr doppelt und dreifach. Im Drange, die fieberische Hast und Erregung des modernen Lebens wiederzugeben, mit neuen Reizmitteln die erschlafften Nerven der Lesewelt aufzustacheln, gelangt ein Stil voll nervöser Unruhe, voll kurzatmiger Ausrufungen, voll jäher Sprünge und übergangsloser Gegensätze zur Herrschaft, der dem Bestand und der künftigen Geltung und Wirkung selbst gehaltreicher und interessanter Werke unsrer Tage Schlimmes weissagt.

Der historische Roman droht sich mehr und mehr in den archäologischen aufzulösen, der ohne eigentlich poetische Aufgabe, ohne poetisches Motiv im engern Sinne sich die Wiedergabe entschwundener Zeiten und Zustände zur ausschließlichen Aufgabe setzt. Ein leiser Zug zur Überschätzung des historischen Hintergrundes und der wissenschaftlich belegbaren Sittenschilderung geht selbst durch ein wahrhaft poetisches Meisterwerk mit lebendiger Gestaltung und tragischer Stimmung, wie »Die Versuchung des Pescara« von K. F. Meyer, hindurch. Von den Schriftstellern, die in einer gewissen regelmäßigen Folge historische Romane zu veröffentlichen pflegen, ließ Felix Dahn eine geschichtliche Erzählung aus dem Jahre 1000 v. Chr.: »Weltuntergang«, Ernst Eckstein »Die Numidierin«, Novelle aus dem altrömischen Afrika, W. Walloth die historischen Römerromane: »Tiberius« und »Ovid«, Georg Ebers »Josua«, eine Erzählung aus biblischer Zeit, erscheinen. Von sonstigen historischen Romanen wären »Sinkende Zeiten«, aus den Tagen des letzten Hansakriegs, von Ernst Jungmann, »Apollonia von Celle«, eine Familiengeschichte aus der Reformationszeit, von A. von der Elbe (Auguste von der Decken), »Der tolle Christian in Paderborn«, aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges und mit katholischer Tendenz, von H. Keiter, »Die letzten Mönche vom Oybin«, aus dem 16. Jahrh., von Johannes Renatus zu nennen.

Die Romane aus der Gegenwart überwiegen die historischen nicht nur der Zahl nach. Alle Gärung und aller innere Widerspruch wie das reiche, aber verworrene äußere Leben unsrer Zeit lagert sich in einer Fülle von Romanen ab, die, bald naiv auf die überlieferte Erfindung und Kompositionsweise aufgebaut, bald auf die vergleichende Beobachtung gestützt, mannigfache Lebensbilder, aber nicht, wie der Roman früherer Tage, ein Weltbild zu geben versuchen. Kein einziger unter den zahlreichen Romanen des letzten Jahres nimmt den Anlauf, ein Weltbild aufzustellen, selbst Romanfolgen verzichten hierauf, und der Spezialismus, der das Losungswort bereits nicht mehr in der Wissenschaft allein ist, scheint sich auch der Kunst bemächtigen zu wollen. Allerdings ist nur ein ganz geringfügiger Teil der neuesten Erzähler von einem eigentlich künstlerischen Geiste beseelt, der innerhalb des Rahmens seiner Aufgabe und seiner Begabung die Vollendung sucht und erstrebt, die Mehrzahl begnügt sich mit der Wirkung des Augenblicks und ist sich der Kurzlebigkeit ihrer Schöpfungen voll bewußt. Die poetisch wertvollsten, stimmungsreichsten und durch ihre Form eine längere Dauer verheißenden Romane erweisen sich meist als erweiterte Erzählungen. Zu diesen rechnen wir mehr oder minder: »Der eiserne Rittmeister« von Hans Hoffmann, wohl der vorzüglichste Roman des verflossenen Jahres, »Unsühnbar« von Marie Ebner-Eschenbach, von welcher Dichterin auch ein Band neuer vorzüglicher Novellen: »Miterlebtes«, erschien, die talentvollen, obschon noch allzusehr unter dem Banne der naturalistischen Doktrin stehenden Romane von Hermann Sudermann: »Der Katzensteg« und »Frau Sorge«, »Frau Minne«, Künstlerroman von Theophil Zolling, »Die Bergpredigt« von Max Kretzer, »Wahrheit« von Karl Frenzel, die beiden neuen Romane von Wilhelm Jensen: »Ein Doppelleben« und »Die Kinder vom Ödacker«, von denen besonders der letztere von den eigentümlichen Vorzügen der Jensenschen Erzählungskunst getragen erscheint, »Der Lar«, eine Oster-, Pfingst-, Weihnachts- und Neujahrsgeschichte von Wilhelm Raabe, wiederum eines jener halb humoristischen, halb elegischen Gebilde, in denen der Dichter zur Meisterschaft gediehen ist.

Eine immer wachsende Anzahl von Romanen und Novellen bezeichnet sich ausdrücklich als Berliner Geschichten oder haben, wenn sie sich nicht so bezeichnen, die Reichshauptstadt, ihre Gesellschaftskreise und Typen zum Mittelpunkt der Darstellung gemacht. Die Berechtigung wie die Gefahr des Berliner Romans liegen so auf der Hand, daß es müßig erscheint, sie immer wieder hervorzuheben. Am Ende befreit die Besonderheit des Stoffes unter keinen Umständen von den Gesetzen der Kunstgattung, und an Erfindungen und Ausführungen, die in der Reichshauptstadt spielen, lassen sich keine andern Maßstäbe anlegen als an Erzählungen überhaupt. Unter allen Schriftstellern, die im Augenblick den Berliner Roman pflegen, ist Theodor Fontane durch wahres poetisches Talent und die genaueste Kenntnis aller Zustände und Menschenklassen Berlins offenbar der berufenste, und sein kleiner Roman »Stine« überragt durch Lebendigkeit und Feinheit der Darstellung ganze Reihen von Romanen, die sich abmühen, getreue Sit-^[folgende Seite]