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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Deutsche Litteratur

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Deutsche Litteratur (1890: Lyrik, Epik, Drama).

Hervorzuheben sind ferner die »Gedichte« von Fr. Eggers, die von Felix Dahn eingeleiteten Gedichte von L. Rafael, die Sammlung »Homo sum« von Julius Hart, in der freilich die Reflexion, die nicht vollständig in poetisches Fleisch und Blut umgewandelt ist, eine beträchtliche Rolle spielt, der Dichter aber in einer Einleitung: »Die Lyrik der Zukunft«, seine besondere Weise apologetisch vertritt. Der Spruchpoesie gehören die Sprüche und Stachelreime Otto v. Leixners: »Aus der Vogelschau«, die »Modernen Xenien« Ernst Ziels und die satirischen Gedichte »Mit der Diogeneslaterne« von Albert Gehrke an. Die revolutionär-pessimistische Flüchtlingspoesie vertritt mit entschiedenem Talent und wilder Leidenschaftlichkeit Karl Henckell in seinem »Diorama«.

Von den zahlreichen epischen Dichtungen, die meist wohl besser als gereimte Erzählungen zu bezeichnen wären, haben nur einige wenige die Teilnahme eines größern Publikums gewinnen können. Vielleicht verbreitet sich nichts so langsam als größere erzählende Gedichte. Ad. Sterns »Johannes Gutenberg«, von dem eine neue durchgesehene Auflage erschien, hat zu diesem Erfolg 17 Jahre gebraucht; ein Gedicht wie Konr. Ferdinand Meyers »Engelberg« ist im gleichen Zeitraum erst in dritter, die prächtigen »Seegeschichten« von Heinrich Kruse erst in zweiter Auflage erschienen. Eine Ausnahme bilden die erzählenden Dichtungen von Jul. Wolff, die durch eine neue: »Die Pappenheimer«, ein Reiterlied, vermehrt wurden und gleich Scheffels »Trompeter von Säckingen« eine Reihe von Nachahmern hinter sich dreinziehen. Der Landsknechtston spielt in der erzählenden Dichtung der neuesten Zeit eine große Rolle; Gedichte, wie »Der Helfensteiner«, ein Sang aus dem Bauernkrieg von Joseph Lauff, tauchen immer häufiger auf, und die Mode hat am Vorwalten dieses Tones so gut ihren Anteil wie an der Vorliebe für die Butzenscheiben bei der Hausausstattung. Einen Versuch, einen modernen Stoff in ein episches Gedicht zu zwingen, unternahm Julius Grosse in seinem »Volkramslied«, dem freilich die epische Einheit des Stils und die lebensvolle Unmittelbarkeit gebricht. Vorzügliche kleinere erzählende Dichtungen bot Adolf Pichler in der Sammlung »Neue Marksteine«. Mit Dichtungen, wie »Nikephoros« von Fritz Löwe, eine Erzählung in Versen aus der Zeit der Christenverfolgungen, »Die Wogenbraut« von Adolf Volger, gerät man schon auf das Gebiet der wohlgemeinten Versuche. Eine besondere, mehr charakteristische als poetisch wertvolle, künstlerisch reife Leistung war das Gedicht »Eine Fahrt ins neue Deutschland« von Armin Meinrad, in welchem ein aus Amerika wiederkehrender Flüchtling von 1849 seine Eindrücke von unsern politischen Zuständen derb und drastisch schilderte. An poetischen Übersetzungen hat es gleichfalls nicht gefehlt, die wertvollsten darunter waren die vier Bände »Italienische Dichter«, in denen Paul Heyse die Resultate langjähriger Beschäftigung mit der italienischen Dichtung, Studien und Meisterstücke der Übersetzungskunst vereinigte.

Die dramatische Dichtung zeigt die alten Gegensätze eines Litteraturdramas, das auf die Bühne Verzicht leistet, aber schon seit Jahrzehnten nur noch in den seltensten Fällen ein lesendes Publikum gewinnen kann, und eines bühnengerechten Schau- und Lustspiels von so ausgeprägter poetischer und litterarischer Wertlosigkeit, daß bei den meisten Werken dieser Gattung und dieses Stils auf die Verewigung durch den Druck verzichtet wird. Unverkennbar aber ist man dieses Zustandes allseitig müde, und in dem Maße, wie sich die Aussichten der akademischen Dramatiker verringern, die lediglich den Lebensinhalt früherer Tage immer neu wiederholen, um gewisse Formen zu retten, wird man auch der ganz gehaltlosen, ausschließlich auf die Bühnenkonvenienz und Rollentradition gestellten Theaterstücke müde, deren Leere und Nichtigkeit man sich kaum mehr in dem zum bloßen Schwanke herabgebrachten Lustspiel und der Posse gefallen läßt. Zwischen beiden äußersten Polen zeigen sich Keime und Ansätze einer wirklichen Gestaltung, Werke, die freilich vielfach noch den Charakter des Experiments tragen, aber den Glauben an eine Neubelebung auch unsrer dramatischen Dichtung aufrecht erhalten. Daß diese Neubelebung von der Freien Bühne (s. d.) oder der Volksbühne ausgehen wird, läßt sich in Zweifel ziehen. Versuche, wie die von Gerhard Hauptmann: »Vor Sonnenaufgang« und »Das Friedensfest«, von K. Bleibtreu: »Ein Faust der That«, »Das Halsband der Königin« (Tragikomödie), Max Halbe: »Ein Emporkömmling«, Arno Holz und Johannes Schlaf: »Die Familie Selicke«, können Anlässe zu litterarischer Diskussion bieten, aber keine Eindrücke hinterlassen, wie sie von der Bühne auch der naturalistisch Gestimmte fordert. Man braucht deshalb noch gar nicht gering von diesen Versuchen zu denken, aber unter allen Umständen entsprechen dieselben keinem Gefühl u. Bedürfnis der Massen. Näher diesem Bedürfnis kommen offenbar schon H. Sudermann mit seinen Dramen »Die Ehre« und »Sodom« sowie Heinr. Bulthaupt mit »Der verlorne Sohn«. Von Ernst v. Wildenbruch erschienen zwei in ihrer Stoffwahl und Behandlung so grundverschiedene Dramen, daß man in einer andern als unsrer experimentierenden Periode sie schwerlich einem und demselben Dichter zugeschrieben haben würde. Während »Der Generalfeldoberst«, ein phantastisch-historisches und patriotisches Drama aus dem Beginn des Dreißigjährigen Krieges, sich den Versuchen nähert, der historischen Dramatik lyrische Frische und lebendige Beweglichkeit durch eine neue Versbehandlung zurückzugewinnen, stellt »Die Haubenlerche« ein peinliches Stück modernen Lebens dar und ist ohne alle Frage von den Bestrebungen des Naturalismus beeinflußt. Unter den ältern dramatischen Dichtern hat Paul Heyse mit gewohnter Unermüdlichkeit zwei neue Schau- und Lustspiele: »Ein überflüssiger Mensch« und »Gott schütze mich vor meinen Freunden«, und das Volksschauspiel »Weltuntergang« geschaffen; von Ad. Wilbrandt erschien ein dramatisches Gedicht: »Der Meister von Palmyra«, und ganz neuerdings ein Lustspiel: »Der Unterstaatssekretär«, von O. Gensichen eine Tragödie: »Michael Ney«, von Fr. Koppel-Ellfeld ein »Albrecht der Beherzte« (Gelegenheitsdrama zum 800jährigen Jubiläum des Hauses Wettin), von A. Weimar eine »Vittoria Accoramboni«.

Der Volksbühne, deren Existenz zur Zeit noch eine bestrittene ist, und die ein festes Heim nur in dem neuerrichteten Bühnenhaus in Worms gefunden hat, von H. von Maltzahn in der Schrift »Die Errichtung deutscher Volksbühnen« vertreten, von R. Prölß in »Das deutsche Volkstheater« bekämpft wurde, gehörten die inzwischen im Buchhandel veröffentlichten Lutherschauspiele von Otto Devrient: »Luther«, und von A. Trümpelmann: »Luther und seine Zeit«, das Schauspiel »Hutten und Sickingen« von A. Bungert, »Gustav Adolf in Erfurt« von Ottomar Lorenz an. Alle diese und ähnliche poetischen Versuche wenden sich nicht an die stehenden Theater, sondern an eine für einen bestimmten Aufführungszweck und ausschließlich für diesen zusammentretende Spielgenossenschaft, die namentlich in