Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Deppe; Derby; Desinfektion; Desmoulins; Deutsche freisinnige Partei; Deutsche Litteratur

185

Deppe - Deutsche Litteratur.

rungsprodukte in den Vertiefungen des Landes verzögert ebenso die Erreichung des untern Denudationsniveaus. Kommen die beiden Denudationsniveaus für die Gestaltung der ganzen Erdoberfläche in Betracht, so wird in jeder einzelnen Gegend eine Annäherung derselben wahrnehmbar sein, so daß man ein örtliches unteres und oberes Abtragungsniveau unterscheiden kann. Letzteres wird durch die höchsten Erhebungen bezeichnet, ersteres durch die tiefsten Punkte, welche das fließende Wasser in der betreffenden Gegend einnimmt. Vgl. A. Penck, Über Denudation der Erdoberfläche (in den »Schriften des Vereins zur Verbreitung naturwissenschaftlicher Kenntnisse«, Wien 1887).

Deppe, Ludwig, Komponist, seit Herbst 1886 kurze Zeit Hofkapellmeister in Berlin, starb 6. Sept. 1890 in Pyrmont.

Derby, 1) Edward Geoffrey Smith-Stanley, Graf, engl. Staatsmann. Seine Biographie schrieb Kebbel (Lond. 1890).

Desinfektion, s. Gesundheitspflege.

Desmoulins, Benoît Camille, franz. Revolutionär. 1890 wurde in seiner Geburtsstadt Guise sein Standbild enthüllt.

Deutsche freisinnige Partei erlangte bei den Reichstagswahlen vom 20. Febr. 1890, bei denen sie besonders das Kampfwort: »Gegen das Kartell« ausgab und allen Gegnern desselben Unterstützung lieh wie von ihnen empfing, eine bedeutende Verstärkung und stieg auf 64 Mitglieder, so daß sie die drittstärkste Partei war und der zweite Vizepräsident aus ihr gewählt wurde. Der Rücktritt Bismarcks erweckte bei einem Teile der Partei Hoffnungen auf Berücksichtigung seitens der Regierung und den Wunsch nach entgegenkommender Haltung, dem aber E. Richter sich siegreich widersetzte. Die Partei verhielt sich also bei den Reichstagsverhandlungen nach wie vor ablehnend, namentlich gegen die Militärvorlagen.

Deutsche Litteratur. Eine Jahresübersicht des litterarischen Lebens und der litterarischen Produktion kann, wenn sie nicht zur reinen Aufzählung von Schriftstellernamen und Büchertiteln werden soll oder eines von jenen weit auseinander liegenden Gnaden- oder Jubeljahren der Dichtung behandelt, in denen sich eine Reihe hochbedeutender Erscheinungen zusammendrängt, kaum anders als gewisse allgemeine Sätze und Beobachtungen, die im vergangenen Jahre gegolten haben und im nächsten wiederum gelten werden, wiederholen. Das seit unsrer letzten Übersicht der deutschen Litteratur verflossene Jahr zeichnete sich leider minder durch die Erweckung neuer, vielversprechender Talente, durch Vollendung oder Hervortreten besonders epochemachender Schöpfungen als durch die Verluste an hervorragenden Vertretern denkwürdig aus, die die deutsche Litteratur im gedachten Zeitraum betroffen haben. Rasch nacheinander sind Ludwig Anzengruber, Gottfried Keller, der greise Eduard v. Bauernfeld, Gustav zu Putlitz, von vielen minder gekannten Namen zu schweigen, vom Tode entrafft worden; einige von ihnen an der spätesten Grenze des Lebens und poetischer Schöpferkraft, andre, wie Anzengruber, aus der Mitte ihres Strebens und ihrer Thätigkeit, in allen aber verlor das deutsche litterarische Leben der Gegenwart maßgebende und vorbildliche Persönlichkeiten, deren Zahl sich mehr und mehr zu lichten beginnt. Muß ein falscher Autoritätsglaube und eine chinesische Autoritätsgeltung unbedingt jedem geistigen und künstlerischen Gebiet zum Unheil gereichen, so hat umgekehrt der völlige Mangel bewährter und allgemein anerkannter geistiger Autoritäten leicht eine gewisse Anarchie, eine Koterieherrschaft anspruchsvoller Mittelmäßigkeiten im Gefolge, die man der deutschen Litteratur künftiger Jahrzehnte unmöglich wünschen kann. Mit gutem Rechte richtet sich die Hoffnung der ernsten Freunde der Litteratur auf die kräftigere Entfaltung mancher Begabung, die mit einzelnen Anläufen Bedeutendes verheißen hat, ohne doch bisher zur Bedeutung im höchsten Sinne des Wortes gelangt zu sein. Es ist nutzlos, fortgesetzt auf die Flut der Überproduktion zu schelten, da diese einerseits mit geschädlichen Verhältnissen und Bedürfnissen, namentlich mit der Unzahl der Zeitungen und Zeitschriften, anderseits mit dem gesteigerten, geradezu nervösen Abwechselungsbedürfnis der Zeit im Zusammenhang steht. Es ist ein Irrtum, an wachsende Lesesucht und Bücherleidenschaft zu glauben, und wenn in diesen Dingen ein statistischer Nachweis möglich wäre, würde sich wahrscheinlich eine starke Abnahme des Lesebedürfnisses herausstellen, die stärkere Teilnahme an den Tageserscheinungen der Litteratur wird durch beständig größere Gleichgültigkeit gegen die wertvollen und bleibenden Schöpfungen der Vergangenheit erkauft. Man braucht sich nur zu vergegenwärtigen, daß der eifrigste Leser nicht im stande sein wird, auch nur den zehnten Teil der Neuheiten der Nationallitteratur im engern Sinne, der in Deutschland alljährlich auf den Büchermarkt geworfen wird, zu genießen, um zu dem bezeichneten Resultat auch noch dasjenige einer unerfreulichen Zersplitterung der Teilnahme und des Urteils zu erhalten. Der Mangel maßgebender kritischer Zeitschriften, die wenigstens in den Kreisen der Bildung ein gewisses Gleichmaß zu fördern vermochten, ist gleichfalls so oft beklagt wie die Überproduktion; am Ende aber muß man zugestehen, daß eine sachliche und eingehende Würdigung der Massenerscheinungen die Kräfte einer litterarischen Zeitschrift beinahe ebenso sehr übersteigen würde wie die Kraft des einzelnen Beurteilers.

Lyrische und epische Dichtung, Drama.

Bemerkenswert ist die Thatsache, daß eine gewisse Teilnahme an den Darbietungen der lyrischen Dichtung, die eine Zeitlang vollständig geschwunden schien, sich wieder zu zeigen beginnt. Auf die ersten Regungen dieser Teilnahme, die immer noch täuschende sein können, gründet sich die Wiederbelebung des Cottaschen »Musenalmanachs«, der am Schlusse des Jahres unter Otto Brauns Redaktion zum erstenmal nen erschienen ist und fortgesetzt werden soll. Unter den ältern Dichtern, deren Lyrik eine allmähliche Verbreitung gewinnt, ließ Theodor Fontane, dessen lebensvolles und echtes, dazu anspruchsloses Talent sich neuerdings einer lang versagten Würdigung erfreut, seine »Gedichte« in neuer, eigentümlich und erfreulich vermehrter Auflage erscheinen. Von Hermann Lingg erschien eine neue Sammlung von Gedichten (»Jahresringe«), welche die Eigenart und die erkannten Vorzüge des Poeten wieder aufweisen, einzelne Perlen Linggscher Lyrik einschließt, aber eine weitere innere Entwickelung oder Steigerung nicht bekundet. Von anerkannten Lyrikern veröffentlichte Adolf Wilbrandt »Neue Gedichte«, Wilhelm Jensen eine Sammlung: »Im Vorherbst«, Albert Möser eine vierte lyrische Sammlung: »Singen und Sagen«, und eine mannigfach umgearbeitete, in ihrem formellen Werte noch gesteigerte Neuauflage der ersten Sammlung seiner »Gedichte«. Richard Volkmann-Leander hinterließ als Scheidegruß »Alte und neue Troubadourlieder«, in denen die liebenswürdige und sonnige Natur des Lyrikers noch einmal zu Wort kam.