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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Festungen und Festungskrieg

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Festungen und Festungskrieg (Festungsbauten und Taktik im einzelnen).

verteidigung in Capua in Aussicht genommen und sind die Befestigungen der italienischen Inseln in der Ausführung begriffen.

Was endlich Deutschland anbetrifft, so kann hier nur mitgeteilt werden, daß eine Schleifung verschiedener Stadtumwallungen sowie die Aufgabe kleinerer Festungen, dagegen die Neubefestigung von Graudenz, Marienburg-Dirschau und Neubreisach in Aussicht genommen zu sein scheint. Auch ist vielfach von der Deckung Breslaus durch einige weit vorgeschobene Werke die Rede, während die Sicherung Berlins nur durch im Kriegsfall zu errichtende Befestigungsanlagen erfolgen soll. Eine Übersicht der Grenzfestungen im Osten und Westen Deutschlands gibt beifolgende Karte.

Aus vorstehender allgemeiner Übersicht geht wohl zur Genüge hervor, daß bei der großen Mehrzahl der sich für bedroht haltenden Staaten ein besonderes Gewicht auf eine sorgfältig vorbereitete Landesverteidigung gelegt wird, um einen festen Rahmen für die im Feldkrieg nicht verwendbaren jüngsten und ältesten Jahrgänge der waffenfähigen Bevölkerung zu gewinnen und um die eigentliche Feldarmee in den Stand zu setzen, erforderlichen Falls an einer der bedrohten Grenzen sich defensiv zu verhalten, um mit Hilfe der sich immer weiter verzweigenden Eisenbahnnetze sehr rasch sich von dem einen Kriegsschauplatz nach dem andern wenden zu können.

Was nun die Festungsbauten in ihren Einzelheiten anbetrifft, so sind die Ansichten im allgemeinen zur Zeit dahin geklärt, daß von einer geringen Truppenzahl besetzte permanente und provisorische Befestigungen nur dann einem energischen und überlegenen Angreifer längern Widerstand zu leisten vermögen, wenn von Panzerungen ein ausgiebiger Gebrauch gemacht wird, daß dagegen bei ausgedehntern, von größern Truppenmassen besetzten Festungsanlagen Panzerbauten nur zu ganz bestimmten Zwecken erforderlich erscheinen. Es ist nicht anzunehmen, daß die taktischen Ideen Schumanns, welcher den Kampf fast durchweg von seinen Panzerlafetten aus führen wollte, allgemeine Anerkennung finden werden, da zu befürchten ist, daß die zahlreichen, in kleinen Türmen verteilten und den Augen ihrer Führer entzogenen Bedienungsmannschaften in den Stunden der Gefahr nicht ihre volle Schuldigkeit thun werden. Wie im Feldkrieg, so ist, und zwar vielfach noch in höherm Maße, im Festungskrieg der große moralische Einfluß nicht zu unterschätzen, welchen der Kompanieführer auf seine Untergebenen ausübt; ihm fällt in erster Linie die Verantwortung zu, und er muß daher seine Mannschaften unausgesetzt im Auge behalten. Aus ökonomischen und andern Gründen hat man nun vorgeschlagen, von dem Bau permanenter Befestigungen möglichst Abstand zu nehmen und dagegen erst im Bedarfsfall provisorische Befestigungen zu errichten, denen man durch mobile Panzertürme eine größere Widerstandskraft zu verleihen hofft. Wenn aber vielfach von artilleristischer Seite behauptet worden ist, daß selbst nach allen Regeln der Kunst erbaute permanente, mit Panzerungen ausgestattete Befestigungen in kürzester Frist kampfunfähig gemacht werden könnten, was sollen dann so viel schwächere provisorische Anlagen nützen? Wenn auch die modernen zerlegbaren Panzerlafetten für Kaliber von 12 cm, wie dies die im September 1890 in Tangerhütte vom Grusonwerk veranstalteten großartigen Versuche ergeben haben, in wenigen Stunden zusammengesetzt werden können, so ist damit keineswegs bewiesen, daß provisorische Befestigungen, wie so viele Dilettanten glauben, in kurzer Frist zum anhaltenden Widerstand gegen Belagerungsgeschütze eingerichtet werden können; die Ausführung größerer Erdarbeiten sowie der notwendigsten Betonierungen zum Schutze der Eisendecken etc. erfordert in der Regel einen Zeitraum von mindestens 4 Wochen. Kann nun bei den oft so rasch zum Ausbruch kommenden und ebenso rasch verlaufenden Kriegen auf eine solche Frist gerechnet werden, namentlich an den einem feindlichen Angriff zunächst ausgesetzten Grenzen? Dagegen ist nicht zu verkennen, daß die schon vor einem Jahrzehnt in Vorschlag gebrachten mobilen Eisenkonstruktionen zur Verstärkung bestehender oder doch wenigstens, was die erste Anlage, Erd- und Mauerarbeiten etc. betrifft, vorbereiteter Befestigungen von ganz hervorragendem Nutzen sein werden, so daß derartige mobile Eisenkonstruktionen in dem nächsten Kriege eine große Rolle spielen dürften.

Was schließlich die Taktik des Festungskriegs in ihren Einzelheiten anbetrifft, so ist in vorstehendem schon angedeutet, daß sich zwei grundverschiedene Ansichten gegenüberstehen: rücksichtslose Offensive und schrittweises Vorgehen. Im Festungskrieg wird das rauchfreie Pulver einstweilen von besonderer Bedeutung nicht sein, weil es noch lange dauern wird, bis die Angriffs- und Belagerungsartillerie dieses noch nicht genügend erprobte und sehr kostspielige Treibmittel allgemein einführen kann und es sich ferner im Festungskrieg in der Regel um feste Ziele handelt, welche man bei Nacht und Nebel ebenso sicher trifft wie bei hellem Tage, so daß man voraussichtlich schon bald zur Erzeugung künstlicher Rauchwolken schreiten wird. Dagegen bricht sich immer mehr die Ansicht Bahn, daß die Infanterie mit ihren weittragenden Geschossen im Festungskrieg wie früher so auch in Zukunft die Entscheidungen herbeiführen wird, und daß die Artillerie diese Entscheidungen nur vorbereiten kann. Dieser Ansicht gegenüber ist es von Interesse, zu erfahren, wie die Vertreter der rücksichtslosen Offensive den abgekürzten Angriff auszuführen gedenken. Danach soll der Angreifer zunächst sein Wurffeuer gegen diejenigen Werke und Stellungen richten, welche seinen Vormarsch behindern. Wo schon gewöhnliche Sprenggranaten ausreichen, sollen solche verwendet werden, andernfalls Schrapnells und Brisanzgeschosse. Sobald die Wurfbatterien einige Zeit gefeuert und dadurch die Geschützbedienungen sowie die Infanterie zum Rückzug in die gesicherten Unterkunftsräume gezwungen haben, sollen sich die Angriffstruppen in Bewegung setzen und sich den Linien des Verteidigers bis zur Grenze des Gewehrfeuerbereichs nähern. Nun wird die Beschießung eingestellt und gewartet, bis der Verteidiger seine Brustwehren wieder besetzt, sodann das Feuer aber von neuem aufgenommen, welches Spiel je nach Umständen mehrere Male wiederholt werden soll, um den Verteidiger »alarmmüde« zu machen. Es folgt sodann die Vorbereitung zum Sturme, d. h. die Wegräumung der Hindernisse (Verhaue, Drahthindernisse, Verpfählungen etc.), wobei die Beschießung der Werke so geregelt werden soll, daß die Auskundschaftung und das Aufräumen der Hindernisse nicht gehindert wird. Nach solchen Vorbereitungen wird die Heranschaffung der Sturmgeräte (Grabenbrücken, Leitern etc.) für möglich erachtet und soll der Sturm selbst auf die Gefahr des Mißlingens gewagt, in letzterm Falle die Sturmkolonne 200-300 m von den angegriffenen Werken gesammelt und das Wurffeuer von neuem begonnen werden.