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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Handel Deutschlands

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Handel Deutschlands (Aufschwung seit 1879).

tage in der Schweiz nicht vorkommenden südeuropäischen Unkrauts) deuten auf einen zwischen der Schweiz und Südeuropa bestehenden uralten Handelsverkehr. Daß durch den vorgeschichtlichen H. Europa mit den Gebieten des Orients in Verbindung getreten ist, wird dadurch bezeugt, daß in einem vorgeschichtlichen Grabe bei Rügenwalde (Pommern) die Kaurimuschel des Indischen Ozeans aufgefunden wurde. Zur Herstellung ausgedehnter Handelsbeziehungen hat in der jüngern Steinzeit das seltene Vorkommen gewisser durch Zweckmäßigkeit oder Schönheit sich auszeichnender, zur Herstellung der neolithischen Geräte dienender Materialien, wie z. B. des Obsidians, Nephrits und Jadeïts, eine besondere Veranlassung gegeben. Ein überaus wichtiges Zentrum für den vorgeschichtlichen Handel bildeten auch jene Werkstätten von Feuersteingeräten, wie sie z. B. auf der Insel Rügen in beträchtlicher Zahl existiert haben. An die Stelle des Handels mit Steingeräten tritt später der H. mit den Erzeugnissen der Metall-, insbesondere der Bronzeindustrie, die zuerst von den asiatischen Kulturzentren den europäischen Mittelmeerländern und später von letztern aus dem Norden Europas zugeführt wurden. Von vielen Gelehrten wird angenommen, daß die Bronze außerdem noch auf einer zweiten, nördlich vom Schwarzen Meere nach Westen führenden Handelsstraße von Asien nach Mittel- und Nordeuropa gelangt sei. Während bei dem zwischen den Euphratländern, Kleinasien, Syrien und Ägypten in vor- und frühgeschichtlicher Zeit unterhaltenen H. die Hethiter (Cheta) wahrscheinlich eine wichtige Rolle gespielt haben, befand sich der zwischen Westasien und Ägypten einerseits und den europäischen Mittelmeerländern anderseits betriebene H. Jahrhunderte hindurch in den Händen der Phöniker. Während die in Cornwallis (England) geschürften Zinnerze, bez. das aus denselben gewonnene Metall ursprünglich wohl auf dem Landweg von der vorgeschichtlichen Bevölkerung Galliens nach den Mündungen des Rhodanus (Rhône) und des Eridanus (Po) transportiert und dort von phönikischen Händlern in Empfang genommen wurde, gelang es den Phönikern später, vom Mittelmeer aus die Zinninseln (Britischen Inseln) auf dem Seeweg zu erreichen und somit den Zinnhandel in neue Bahnen zu lenken. Erst infolge des Verfalles Phönikiens und der phönikischen Kolonien ging dieser H. allmählich in die Hände der Griechen, zunächst jener phokäischen Griechen, die an der Rhônemündung Massilia (Marseille) gegründet hatten, über. Eine wichtige Rolle hat im vor- und frühgeschichtlichen H. auch der Bernstein gespielt, der von den auf dem Landweg bis an die Ostseeküste vordringenden griechischen und römischen Händlern gegen die Erzeugnisse der südeuropäischen Metallindustrie eingetauscht wurde. Bezüglich der Phöniker lassen die Forschungen Müllenhoffs es zweifelhaft erscheinen, ob dieselben jemals an die Ostseeküste gelangt sind. Dagegen ist von jenen Kolonien, welche kleinasiatische Griechen aus Miletos um 600 v. Chr. an den Nordufern des Schwarzen Meeres gegründet hatten, ein lebhafter Verkehr mit dem Norden unterhalten worden. Münzfunde deuten darauf hin, daß in jener Zeit die Verkehrsstraße westlich von Klausenburg in das Theißgebiet und sodann in die Gegend von Ofen führte, um von hier nördlich über die Tatra in das Weichselgebiet überzugehen. Daß schon vor der Gründung der griechischen Kolonien am Pontus Euxinus Handelsbeziehungen zwischen den Ländern am Schwarzen Meere, bez. Kleinasien und den baltischen Gebieten bestanden haben, wird wahrscheinlich gemacht durch die Übereinstimmung, welche die pomerellischen Gesichtsurnen mit gewissen von Schliemann in Hissarlyk ausgegrabenen Urnen aufweisen. Die von Italien, bez. den Mittelmeerländern nach den baltischen Küsten und speziell zum bernsteinreichen Samland führende vorgeschichtliche Handelsstraße hat nach Virchow von Griechenland oder Italien her durch das spätere Noricum (Steiermark) und Carnuntum (Kärnten) nach der Oder und durch das Oderthal bis zur Ostsee geführt. Auch beweisen arabische und kufische Münzen, die auf einer Anhöhe unweit dem ehemals durch seinen H. hochberühmten Wollin (Julin) aufgefunden wurden, daß im ersten nachchristlichen Jahrtausend aus dem östlich vom Kaspischen Meere gelegenen Ländern Handelsartikel nach den Ostseeküsten gelangten, und ebenso bezeugt der berühmte Goldfund von Vettersfelde, daß gelegentlich auch Kunsterzeugnisse vom Schwarzen Meere nach den besagten Gebieten gelangten. Der vor- und frühgeschichtliche H. ist vorwiegend ein Tauschhandel gewesen, doch wurden in den ältern Abschnitten der Prähistorie wohl auch Muscheln, in der spätern vorgeschichtlichen sowie in frühgeschichtlicher Zeit vielfach die unter dem Namen der »Regenbogenschüsselein« bekannten Goldmünzen sowie das »Hacksilber« (s. Silberfunde, Bd. 14) als Zahlungsmittel benutzt. Vgl. auch den geschichtlichen Artikel Straßen.

Handel Deutschlands. Der unverkennbare Aufschwung, den Deutschlands Handel seit der deutschen Wirtschaftsreform im J. 1879 genommen hat, hat bis zur Gegenwart (Anfang 1891) angehalten. Ist derselbe in jüngster Zeit auch schwieriger geworden, ist insbesondere in vielen Zweigen der Umsatz nur mit allen Kräften bei niedrigen Preisen und geringerm Nutzen zu erzielen gewesen, so ist doch das Gesamtbild ein freundliches. Wie aus der gegenüberstehenden, den »Monatsheften zur Statistik des Deutschen Reichs« entnommenen Tabelle über die Handelsbewegung in den Jahren 1886-89 ersichtlich ist, zeigt die Einfuhr eine stete Steigerung, in geringerm Maße (abgesehen vom Jahre 1889) auch die Ausfuhr. Der Hauptanteil der Steigerung der Einfuhr fällt auf Rohstoffe, Nahrungsmittel und Halbfabrikate; unter Berücksichtigung dieses und andrer erläuternder Umstände ergibt sich eine Steigerung der Kaufkraft Deutschlands. Durch dieselbe erklärt sich auch zu einem Teile die nicht in demselben Verhältnis wachsende Zunahme der Ausfuhr, wiewohl nicht verkannt werden darf, daß in den letzten Jahren eine Vernachlässigung des ausländischen Marktes durch die deutsche Industrie in die Erscheinung getreten ist.

Für die Zahlengruppierung speziell des Jahres 1889, in welcher sich eine Unterbilanz (d. h. Überwiegen der Einfuhr über die Ausfuhr) von 830,639,000 Mk. ergibt (seit der Wirtschaftsreform wurden 6 Überbilanzen und nur in den Jahren 1884, 1885 und 1888: 3 verhältnismäßig sehr kleine Unterbilanzen erzielt, während die zurückliegenden Jahre vor jener nur, und zwar ganz bedeutende Unterbilanzen darboten), ist zu berücksichtigen, daß am 15. Okt. 1888 Hamburg und Bremen sowie einige preußische und oldenburgische Gebietsteile mit einer höchst konsumfähigen Bevölkerung von rund 800,000 Köpfen dem deutschen Zollgebiet angeschlossen worden sind. Speziell in der Ausfuhr beeinflußte diese Territorialveränderung des Zollgebiets den Warenverkehr desselben. Auf der andern Seite kamen mit den vormaligen Zollausschlüssen große Mengen zollpflichtiger Waren ins Zollgebiet.