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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Innere Medizin

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Innere Medizin (9. Kongreß, Wien 1890).

Aspirationsdrainage als ein großer Fortschritt. Bei dieser wird ein längeres elastisches Rohr seitlich an abhängiger Stelle luftdicht in den Thorax eingeführt und äußerlich mit einem längern Schlauch verbunden, der am Boden in ein Gefäß mit desinfizierender Sperrflüssigkeit taucht. Durch den Heber wird der Eiter herausgesogen und gleichzeitig eine Wiederausdehnung der Lunge unter negativem Druck, also in durchaus natürlicher Weise, erzielt. Ist die Lunge noch vollkommen und leicht ausdehnbar, so genügt die Heberwirkung, andernfalls kann dieselbe durch Aspirationsvorrichtungen verstärkt werden. In allen Fällen, wo die Lunge überhaupt noch ausdehnbar ist, erzielt die Methode sehr günstige Resultate. - Der Korreferent Schede (Hamburg) erkannte die Vorzüge der Bülauschen Methode an, zog aber doch die Incision mit Resektion eines Rippenstücks vor und nahm sie gegen die Vorwürfe, daß bei ihr der Atmosphärendruck notwendig die Entfaltung der Lunge hindere, in entschiedenster Weise in Schutz. Leyden (Berlin) trat für die Bülausche Operation ein, welche er auf seiner Abteilung stets und mit bestem Erfolg anwendet, und schlug vor, eine Sammelforschung zu veranstalten, welche sich auf sämtliche von nun an zu beobachtende Fälle beziehen soll. Dieser Vorschlag wurde vom Kongreß angenommen.

In der Sitzung vom 16. April sprach Fürbringer (Berlin) über die Klinik der Knochenentzündungen typhösen Ursprungs. Er bemerkte, daß nicht alle publizierten Fälle sich auf typhösen Ursprung zurückführen lassen, und bezeichnete die Krankheit als Osteoperiostitis, weil eine Trennung von Periostitis und Osteomyelitis nicht durchführbar ist. Auch seine Fälle sprechen dafür, daß die Typhusbacillen aus dem Knochenmark ins Periost einwandern. Charakteristisch ist die auffallende nächtliche Exacerbation der Schmerzen und die Häufigkeit der ohne Eiterung einhergehenden Fälle. Die Behandlung ist eine exspektative, erst bei Eintritt von Eiterung ist Operation erforderlich. Gegen die Schmerzen wird Morphium gegeben.

Unna (Hamburg) sprach über die insensible Perspiration der Haut. Über die Folgen der Hautfirnissung und deren Ursache herrscht bei den Physiologen noch immer keine Einigung. Unna untersuchte die Perspiration mit Hilfe von Hühnerhaut, die von Federn und Fett befreit und über mit Wasser gefüllte Glastrichter gespannt wurde, welche mit graduierten Röhren zum Ablassen des verdunstenden Wassers kommunizierten. Fette setzten die Wasserverdunstung regelmäßig herab, Lanolin mehr als Glycerinfette, Vaselin wirkt ähnlich wie Lanolin, und auch Glycerin setzt dem Wasserdampf ein merklich es Hindernis entgegen. Eine dünne Gelatinedecke vermehrt dagegen die Wasserverdunstung der Haut, und dies erklärt die klinische Wahrnehmung, daß ein am ganzen Körper Eingeleimter beständig mehr oder minder friert. Kautschuk und Guttapercha setzen die Verdunstung herab und zwar ersteres bedeutend stärker, dünne Kollodiumhäutchen dagegen steigern sie. Gelatine und Kollodium stimmen darin überein, daß sie beim Eintrocknen sich zusammenziehen, und da sie auf der Haut hieran gehindert sind, so müssen die dünnen Schichten porös werden, und hieraus erklärt Unna die Steigerung der Hautverdunstung. Der Einfluß des Fettes gibt Ausschluß über die enormen Schwankungen der Zahlen, welche die Physiologen bisher für die natürliche Wasserverdunstung der lebenden Haut gefunden haben. Man muß auf die alte Anschauung von Krause zurückgehen, welcher den rein physikalischen Prozeß der insensibeln Verdunstung von dem physiologischen Prozeß der sensibeln Schweißbildung trennte. Die letztere beginnt erst auf der Höhe einer gesteigerten insensibeln Verdunstung und nach Überwindung eines gewissen Widerstandes. Es besteht also keinesfalls ein unmerklicher Übergang der insensibeln Verdunstung in Schweiß. Zum Schlusse weist Unna auf die praktischen Folgerungen hin, welche die i. M. aus diesen physiologischen Versuchen ziehen kann. Die Fetteinreibung erhält dem Körper Wärme und treibt große Wassermengen nach der Niere hin. Umgekehrt wird letztere durch künstliche Entfettung der Haut entlastet. Er empfiehlt die Entfettung der Haut mit nachfolgender Einleimung zur Herabsetzung des Fiebers, und Senator teilte mit, daß er dies Verfahren, von ganz andern Betrachtungen ausgehend, schon vor Jahren angewandt und eine ziemliche Herabsetzung der Temperatur erreicht habe.

Mosler (Greifswald) sprach über Pemphigus. Unter diesem Namen werden zur Zeit noch mehrere Hautkrankheiten zusammengefaßt, deren Wesen nicht näher bekannt ist. Die Untersuchungen des Redners beziehen sich nur auf chronische Fälle. Es gelang, aus dem Inhalt der auf der Haut gebildeten Blasen gelbe und weiße Kolonien von Kokken zu züchten, die aber aus frischen Blasen in viel geringerer Zahl erhalten wurden als aus ältern. Bei genauerer Untersuchung ergab sich, daß es sich hierbei um Epiphyten der Haut handelte, welche in die Blasen eingedrungen waren. Bei Anwendung von Sublimatbädern gelangte man zu dem Resultat, daß eine Beteiligung von Bakterien an dieser Erkrankung nicht nachweisbar sei. Impfungen mit Blaseninhalt blieben erfolglos. Behandlung mit salzsaurem Chinin (40 g) führte nicht zu völliger Heilung, wohl aber wurde der Ausschlag auf eine Abortivform in Gestalt einzelner kleiner Bläschen reduziert. Die von dem Redner beobachteten Fälle von Pemphigus führten ihn zu der Ansicht, daß gewisse Formen, darunter auch scheinbar genuiner Pemphigus, nicht als selbständige Erkrankung, sondern als Symptom einer vasomotorischen Neurose aufzufassen sind. Ziemssen (München) demonstrierte einen Kugelthrombus des Herzens und einen gestielten oder echten Herzpolypen. Gans (Karlsbad) sprach über das Verhalten der Magenfunktion bei Zuckerruhr. Seine Untersuchungen ergaben drei wichtige Thatsachen: 1) der Mageninhalt der Diabetiker weist ein sehr wechselndes Verhalten auf; neben Fällen mit normaler Magensekretion stehen auf der einen Seite solche mit bedeutender Hypersekretion, auf der andern solche mit totalem Schwunde der Salzsäure. Ebenso wechselt bei einem und demselbem Individuum sehr oft die Menge der abgeschiedenen Salzsäure von einem Extrem bis zum andern. 2) Die motorische Magenthätigkeit der Kranken war vollkommen gut erhalten, trotzdem darunter Fälle von sehr langer Dauer waren. 3) Irgend ein Abhängigkeitsverhältnis der Magenfunktion von der Menge des durch den Harn ausgeschiedenen Zuckers sowie überhaupt von der Schwere oder Dauer des Falles konnte in keiner Weise aufgefunden werden. Die Versuche ergeben also die schon so oft empirisch behauptete Notwendigkeit einer strengen Individualisierung der Ernährung der Diabetiker. Bäumler (Freiburg) referierte über die in den beiden letzten Influenza-Epidemien gesammelten Erfahrungen.

Adamkiewicz (Krakau) sprach über den pachymeningitischen Prozeß. Man nimmt gegenwärtig