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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Italien

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Italien (Geschichte).

scheidend besiegte und 25. Febr. die im Oktober 1889 zwischen seiner Gesandtschaft und Crispi vereinbarten Zusatzbestimmungen zu dem italienisch-abessinischen Vertrag ratifizierte. Auf eine weitere Vergrößerung ihrer afrikanischen Besitzungen verzichtete die italienische Regierung und lehnte deshalb im April den Vorschlag Meneliks, den italienischen Einfluß auch auf Tigre auszudehnen, ab; über die Abgrenzung ihrer Einflußsphäre England, bez. Ägypten gegenüber wurden im Herbste mit englischen Kommissaren längere Verhandlungen zu Neapel gepflogen, die freilich nicht zum Abschluß eines Vertrags führten, aber eine ernstliche oder dauernde Trübung der guten Beziehungen zwischen England und I. nicht zur Folge hatten.

Auch auf dem Gebiet der innern Politik hatte die Regierung Erfolge aufzuweisen. Zwar gelangte der Entwurf eines Gesetzes über die Unfallversicherung der Arbeiter, mit dem der Anfang zu einer umfassenden sozialpolitischen Gesetzgebung gemacht werden sollte, bis zum Schluß der Session nicht zur Verabschiedung. Dagegen gelang es der Regierung, ein nicht unwichtiges Gesetz über die Organisation der Polizeibehörden zu stande zu bringen, welches die verschiedenartigen Sicherheitsorgane der Gemeindebehörden einheitlicher gestaltete und einer straffern Aufsicht der Staatsregierung unterstellte. Für die wirtschaftliche Entwickelung des Landes war besonders wichtig das Gesetz über die Errichtung einer großen nationalen Bodenkreditbank, deren Betriebskapital durch eine Vereinigung italienischer und ausländischer, besonders deutscher Banken beschafft wurde. Weiter wurde ein Gesetzentwurf, betreffend die Verminderung der Zahl der Polizeigerichte und die dadurch zu ermöglichende bessere Besoldung der Polizeirichter (Prätoren), und ein andrer, betreffend die durch die Veränderung der Bevölkerungszahlen bedingte Neuverteilung der Abgeordnetenmandate unter die einzelnen Provinzen, angenommen. Endlich gelang es auch, das wichtige Gesetz über die Umwandlung und Verstaatlichung der Wohlthätigkeitsanstalten (vgl. Bd. 17, S. 463) durchzusetzen trotz des heftigen Widerstandes, den die klerikale Partei auf Betreiben der päpstlichen Kurie dieser Maßregel entgegenstellte; allerdings gelang dies nur vermittelst eines Zugeständnisses, das Crispi machte. Im Senat wurde nämlich 5. Mai im Gegensatz zu den von der Deputiertenkammer gefaßten Beschlüssen bestimmt, daß die Umwandlung sich nicht auf die zu Kultuszwecken gemachten frommen Stiftungen beziehen solle; und Crispi, der diesen Beschluß des Senats zunächst als unannehmbar bezeichnet hatte, zog es schließlich vor, denselben mit gewissen, nur formellen Veränderungen anzunehmen, als ganz auf das Zustandekommen des Gesetzes zu verzichten oder gerade diese Frage zum Streitgegenstand eines Wahlfeldzugs zu machen. Am meisten Schwierigkeiten machte der Regierung die Ordnung der Finanzverhältnisse sowohl des ganzen Landes als der Hauptstadt Rom. In dem Haushalt der letztern stellte sich ein Defizit von 6 Mill. Lire heraus, welches die Stadt nicht zu tragen vermochte, da sie infolge der seit der Erhebung Roms zur Hauptstadt des Königsreichs unternommenen öffentlichen Bauten einerseits, anderseits aber auch infolge der Mißwirtschaft in der städtischen Verwaltung mit Steuern bereits überlastet war. Infolgedessen brachte die Regierung im Juni einen Gesetzentwurf ein, welcher die Fertigstellung gewisser öffentlicher Bauten auf den Staat übernahm, dafür aber die Selbständigkeit der städtischen Finanzverwaltung in der erheblichsten Weise einschränkte und die eigentliche Entscheidung über den Stadthaushalt den Staatsbehörden übertrug. Ungeachtet des Widerstandes, den die städtischen Körperschaften diesem Antrag entgegensetzten (Sindaco und Gemeinderat von Rom nahmen 25. Juni ihre Entlassung, worauf die Regierung 1. Juli den Gemeinderat auflöste und die einstweilige Verwaltung der Hauptstadt einem königlichen Kommissar übertrug), beharrte die Regierung auf ihrem Entwurf, der denn auch von beiden Kammern mit nicht sehr erheblichen Veränderungen angenommen wurde. Die Finanzlage des Gesamtstaats gestaltete sich etwas günstiger als in dem Vorjahr, obwohl es, da man neue Steuern nicht einführen wollte, nicht gelang, den Fehlbetrag im Staatshaushalt gänzlich aus der Welt zu schaffen. Während der Gesamtfehlbetrag am Ende des Finanzjahrs 1889/90 noch nahezu 100 Mill. Lire betrug (s. oben, S. 450), gelang es dem Schatzminister Giolitti, für das Finanzjahr 1890/91 durch erhebliche Ersparnisse im Etat der Ministerien des Kriegs, der Marine und der öffentlichen Arbeiten die Differenz der wirklichen Einnahmen und der wirklichen Ausgaben auf etwa 11 Mill. und den Gesamtfehlbetrag auf etwa 22 Mill. Lire herabzumindern, indem das Budget, wie es von den Kammern genehmigt wurde, mit 1,850,248,142 Lire in Einnahme und mit 1,872,133,271 Lire in Ausgabe abschloß. Doch blieb es fraglich, ob der Voranschlag erreicht werden würde: in den fünf Monaten vom 1. Juli bis 1. Dez. 1890 haben allein die Zölle gegen den Etat eine Mindereinnahme von 17 Mill. Lire erbracht, woran allerdings die durch ausgezeichnete Ernte bedingte Verringerung der Getreideeinfuhr den Hauptanteil hat.

In der zweiten Hälfte des Juli vertagten Senat und Deputiertenkammer ihre Sitzungen, und durch königliches Dekret vom 3. Aug. wurde die vierte Tagung der 16. Legislaturperiode geschlossen. Am 24. Okt. wurde die Deputiertenkammer aufgelöst, und die Neuwahlen wurden auf 23. Nov., die Stichwahlen auf 30. Nov. anberaumt. Schon vorher hatte Crispi durch eine Florentiner Rede vom 8. Okt. den Wahlfeldzug eröffnet; er beschäftigte sich in derselben hauptsächlich mit Fragen der auswärtigen Politik, rechtfertigte das Festhalten der Regierung an dem Dreibund und griff die irredentistischen Radikalen sowie die klerikalen Umtriebe und den Vatikan aufs entschiedenste an, während er anderseits die Friedensliebe der Regierung und ihren Wunsch, mit Frankreich in bessere Beziehungen zu gelangen, nachdrücklich betonte. Am 18. Nov. folgte eine zweite Turiner Programmrede, welche auf dem Gebiet der Finanzwirtschaft neue Ersparnisse durch Vereinfachung der Verwaltung, Verbesserung der Steuererhebung und Verteilung der großen öffentlichen Arbeiten auf mehrere Finanzjahre ankündigte, die Absicht der Einführung neuer Steuern aber auf das bestimmteste in Abrede stellte; außerdem auf eine umfangreiche sozialpolitische Gesetzgebung vorbereitete. Der Wahlkampf gestaltete sich für die Regierung außerordentlich günstig. Ein Versuch, die verschiedenen Elemente der Opposition, die süditalienische Linke unter Nicotera, Magliani, Tajani, die radikalen Franzosenfreunde des Nordens unter den Mailändern Cavallotti und Bovio sowie die Irredentisten unter Imbriani, endlich die Konservativen unter Bonghi, zu vereinigen, gelang nicht. Mit dem Tode Alfredo Baccarinis (s. d.), 2. Okt. 1890, war der einzige Mann dahingegangen, der durch seine Fähigkeiten und den Ruf seiner untadelhaften politischen Ehrlichkeit Crispi als Gegner wirklich hätte gefährlich werden können. Ein Besuch des deutschen Reichskanzlers v. Caprivi